30 Jahre Deutsche Einheit

Norbert Schwarzer aus Rosenheim ging nach der Wende nach Leipzig – Wiederkommen will er nicht

Norbert Schwarzer hat 1993 Rosenheim verlassen und ist nach Leipzig gezogen.
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Norbert Schwarzer hat 1993 Rosenheim verlassen und ist nach Leipzig gezogen.
  • vonAlexandra Schöne
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Norbert Schwarzer ist in Prien geboren, in Rosenheim aufgewachsen. Nach der Wende hat er seine Heimat 1993 verlassen und in Leipzig eine neue gefunden. Was hat ihn dazu bewegt?

Rosenheim/Leipzig– „Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens, da rüber zu gehen“, sagt Norbert Schwarzer (61) am Telefon. Mit „da rüber“ meint er den Osten von Deutschland, genauer gesagt die sächsische Stadt Leipzig. Im Moment ist er 520 Kilometer von seiner alten Heimatstadt Rosenheim entfernt, sitzt in seinem Büro im Amtsgericht Eilenburg bei Leipzig. Schwarzer ist dort seit 2000 Direktor.

Seit 27 Jahren lebt er in Leipzig. Ein anderes Leben ist für ihn unvorstellbar. „Ich als Leipziger“, sagt er und lacht. Drei Jahre nach der Wiedervereinigung hat der damals 24-Jährige seine Sachen gepackt und ist gemeinsam mit seiner Freundin nach Sachsen gezogen. Die DDR war Geschichte, die „neuen“ Bundesländer schon längst gebildet. Bevor er sich dort niedergelassen hat, hatte er mit einem Wohnmobil die Gegend erkundet. In Leipzig gefiel es ihm am besten. Damals sei die Stadt noch nicht so schön wie jetzt gewesen, sagt er. „Es gab viele Ruinen.“ Trotzdem hat ihn dort etwas gepackt. Etwas, das ihn nicht mehr losgelassen hat. Etwas „Besonderes“. Wenn Schwarzer über Leipzig spricht, hört es sich wie eine Liebeserklärung an.

Schwarzer hat in München Jura studiert

Und auch beruflich sei der Umzug ein Glücksfall gewesen. Schwarzer hat in München Jura studiert. Nach einem Jahr Anwaltsdasein in Kolbermoor habe er gemerkt, dass er nicht nur eine Seite vertreten möchte. „Ich wollte in der Mitte versuchen zu vermitteln.“ Deshalb ging er in die Justiz. Anfang der 90er sei das ein Privileg für die Juristen mit den besten Noten im Jahrgang gewesen. Er selbst habe nicht dazugehört, gibt er offen zu.

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Der Mauerfall und die Wiedervereinigung kamen ihm deshalb gerade recht. Plötzlich herrschte ein großer Bedarf an Juristen und im Osten spielte die Note keine so große Rolle mehr. Er habe die Chance bekommen, in Sachsen die Justiz mitaufzubauen. „Die lag nach dem Ende der DDR am Boden.“

„Die Trabis stießen Dreck ohne Ende aus“

Er ist froh über seine Entscheidung. In die alte Heimat zieht ihn nicht mehr viel. Manchmal kommt er zum Skifahren oder um Familie zu besuchen. Er erinnert sich noch genau an seinen ersten Eindruck von Leipzig. „Überall lag der Nebel von den Braunkohleheizungen, von den Trabis, die Dreck ohne Ende ausstießen.“ Für ihn eine vollkommen neue Erfahrung. Aus der oberbayerischen Heimat kannte er das nicht. Und auch die Wohnungsnot im Osten habe ihm als „Wessi“ am Anfang das Leben schwer gemacht.

Vor 27 Jahren: Norbert Schwarzer.

Am Telefon spricht über die Straßen, die nach der ehemaligen „Zonegrenze“ kamen. Dort, wo es beim Fahren auf dem Plattenbelag noch unglaublich holperte. „Man hat genau gemerkt, dass das DDR-Autobahnen waren. Dieser Staat hatte sich völlig heruntergewirtschaftet.“

Nord-Süd-Gefälle, auch im Osten

Seitdem hat sich viel verändert, von der Infrastruktur bis hin zu gesetzlichen Bestimmungen. Schwarzer hält nichts vom Klischee der „reichen, alten Bundesländer“ und der „neuen, armen“. Das habe sich mittlerweile etwas verschoben. Für ihn gibt es eher ein Nord-Süd-Gefälle, auch im Osten. Außerdem werde der Solidaritätszuschlag abgeschafft, im Juli 2024 komme die Rentenangleichung. Ab diesem Zeitpunkt soll die Rente in ganz Deutschland einheitlich berechnet werden. Für Lebensmittel im Supermarkt bezahle man in Ost wie West gleich viel. Die Mieten seien generell schon niedriger als im Westen, wobei die Preise in Leipzig denen in München ähnlich seien.

Die Braunkohletagebaue, die früher die Umgebung rund um Leipzig „wie in einer „Mondlandschaft“ gespickt haben, sind verschwunden. Stattdessen reiht sich in den ehemaligen Kohlegruben See an See. „Die Gegend ist zu einem wunderschönen Naherholungsgebiet geworden“, schwärmt der 61-Jährige.

Das Sichtbare, also die Strukturen, in den östlichen Bundesländern haben sich verändert. Aber das Unsichtbare, die Sichtweisen in den Köpfen der Menschen, blieben bestehen, bedauert Schwarzer. Sachsen wird oftmals nachgesagt, fremdenfeindlich und rechtsextrem zu sein – eine Beobachtung, die er nicht bestätigen kann. „Zumindest nicht für Leipzig. Meine Stadt war schon immer weltoffen.“

„Neue Bundesländer“ nicht mehr zeitgemäß

Aber er weiß auch, dass bei einigen älteren Menschen das Bild vom vereinten Deutschland noch nicht fest in den Köpfen verankert ist. Vorurteile und Stereotypen spielten immer noch eine große Rolle. „Das ist aber kein typisches Ost-West-Problem, sondern eins der Verständigung.“ Für ihn ist der Begriff „neue Bundesländer“, der immer noch in aller Munde ist, nicht zeitgemäß. Bei jungen Leuten, wie bei seinen beiden Kindern, spiele die ehemalige Teilung gar keine Rolle mehr. „Genauso soll es auch sein.“

Der Tag der Deutschen Einheit ist für Schwarzer ein ganz normaler Feiertag. Die Dankbarkeit und den Stolz über die Wende – „dass wir das friedlich geschafft haben“ – spürt er jeden Tag. Egal ob in seiner Herzensstadt Leipzig oder in Rosenheim.

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