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Ein ganzes Jahrhundert alt

Noch mit der Kutsche zum Bahnhof und vielen Schülern geholfen: Theresia Obesser feiert 100. Geburtstag

Von links: Ernst Obeser, Sonja Heinrichsberger, Theresia Obeser und Roswitha Heinrichsberger
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Von links: Ernst Obeser, Sonja Heinrichsberger, Theresia Obeser und Roswitha Heinrichsberger
  • VonThomas Stöppler
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Theresia Obeser ging als einzige von vier Bauerntöchtern auf eine höhere Schule. Und sie hat etwas draus gemacht: 45 Jahre lang half sie Wasserburger Schülern. Zum 100. Geburtstag ein Blick zurück.

Rosenheim – Über dem Sofa, auf dem Theresia Obesers Sohn, Schwiegertochter und Enkelin sitzen, hängen drei gerahmte Portraitfotos. Immer wieder schweift Obesers Blick auf die Fotos und dann lächelt sie. Sie hat ihre Schwestern überlebt, aber alles andere wäre auch wirklich außergewöhnlich: Wer seinen 100. Geburtstag feiert, der begeht ihn selten mit älteren Geschwistern.

Mit der Kutsche zum Bahnhof

Als jüngste von vier Bauerntöchtern ist Theresia Obeser die einzige, die eine weiterführende Schule besuchen durfte. Angeleiert hat das, sagt ihr Sohn Ernst, der Pfarrer. Aber so genau weiß er das auch nicht mehr. Theresia Obeser antwortet nur kurz und wenig. Sie hört nicht mehr gut und auch das Gedächtnis will nicht mehr so richtig. „Sie erkennt mich nicht immer“, sagt Ernst. Heute tut sie das auf jeden Fall.

„Sie war halt handwerklich nicht so begabt“, sagt Ernst und lacht ein wenig. Denn das war natürlich nicht der Grund, warum Obesers Vater sie mit der Kutsche im Sommer und im Winter dem Schlitten aus Zansham bei Schnaitsee zum Wasserburger Bahnhof fuhr, damit sie zunächst in Weichs nördlich von München und dann in Aschaffenburg zur Schule gehen konnte. Eine mathematische Begabung habe sie, sagt Ernst. Und auch Enkelin Sonja ergänzt: „Sie hat mir viel in Mathe geholfen.“ Und Sonjas Schullaufbahn ist noch gar nicht lange her, Die Politikstudentin ist erst Anfang 20.

Lehrerausbildung in Pasing

Im fränkischen Aschaffenburg habe sie viel Heimweh gehabt, nach den Eltern nach dem Hof, erzählt Ernst. Bis heute interessiert sie der Hof. Den betreibt seit 50 Jahren ein Neffe mit seinem Sohn und dessen Frau. Auch im Alter war sie noch oft auf dem Hof zu Besuch, erzählt Ernst.

In dem kleinen, ordentlichen Zimmer verweist außer den Fotos der Schwestern nicht viel auf das Leben von Theresia Obeser. Aber wie soll das auch gehen in einem Neubau, der jünger ist als sie. Die Neubausiedlung ist schön angelegt, es gibt viel grün und trotz des jungen Alters, spenden die Bäume Schatten. Aber trotzdem ist es heute zu heiß, um rauszugehen.

Nach dem Abitur ging sie nach München-Pasing in die Lehrerbildungsanstalt. Vermessungsingenieurin wäre auch etwas gewesen, aber das war für Frauen damals quasi unmöglich. „Aber sie war gerne Lehrerin“, sagt Enkelin Sonja und auch Sonjas Mutter Roswitha Heinrichsberger bestätigt das. Sie muss das wissen, sie hatte sie im Unterricht. Wie auch Sohn Ernst – zumindest als Vertretung. Streng sei sie gewesen, sagt Ernst und Roswitha widerspricht ihm: „Nüchtern, aber nicht streng, sie hat sich halt die Rädelsführer rausgegriffen und da war sie dann streng.“ Waren Sie ein Rädelsführer? „Ja, vielleicht“, sagt Ernst lächelnd.

Die Wissensvermittlung war nicht das Einzige, was sie interessiert habe, sagen dann beide, der Stoff ist ja auch jedes Jahr der gleiche: Es waren die Schüler, das Soziale, was sie mochte. „Sie hat sich besonders um die gekümmert, die etwas mehr Unterstützung gebraucht haben“, erinnert sich Roswitha Heinrichsberger.

45 Jahre ist Theresia Obeser Lehrerin, den Großteil der Zeit in Wasserburg. Eine Dienstzeit, die heute kaum noch vorstellbar ist. Vor allem wenn man nie fehlt: „Sie ist immer in die Schule gegangen, ihre Krankheitstage kann man an einer Hand abzählen.“

Lokalprominenz in Wasserburg

Seine Mutter hat für die damalige Zeit spät geheiratet. Mit 35 heiratet sie einen Polizisten. Ernst kommt zwei Jahre später zur Welt Die Berufswahl der Eltern, hinderte Ernst einige Male am Unfug Treiben: „Jeder kannte meine Eltern, entweder aus der Schule oder weil man halt den Polizisten in einer Stadt wie Wasserburg kennt.“

Bis sie 95 ist, wohnt sie weiter in ihrer Wohnung. Ihr Sohn, ein ambulanter Pflegedienst und die Nachbarstochter unterstützen das Paar 2014 stirbt ihr Mann kurz vor seinem 99. Geburtstag. 2018 geht es dann nicht mehr daheim und nach Rosenheim. Dafür ist sie nun näher bei ihrem Sohn.

„Sind deine Füße warm?“, fragt Ernst und nimmt Theresias Fuß und fühlt die Temperatur ihrer Füße, die in Filzpantoffeln stecken. „Du magst ja gerne warme Füße, gel?“. Theresia Obeser lächelt.

Die Nachbarstochter gratuliert ganz herzlich per Whatsapp. Ernst zeigt ihr die Nachricht und ein Foto. Obeser erinnert sich: „Die ist aber auch älter geworden“, sagt sie. Die Frau auf dem Foto ist keine 25.

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