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Wege aus der Alkoholsucht

Für die Rosenheimerin Nathalie Stüben ist nüchtern sein das beste Gefühl

Holte sich selbst aus der Alkoholsucht: Die Rosenheimerin Nathalie Stüben.
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Holte sich selbst aus der Alkoholsucht: Die Rosenheimerin Nathalie Stüben.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Schon im Studium kam bei Nathalie Stüben das ungute Gefühl auf, dass sie es mit dem Alkohol übertreiben könnte. Doch erst Jahre später gesteht sich die gelernte Journalistin dieses Problem ein – und wird abstinent. Über ihren Weg in ihr nüchternes und vor allem zufriedenes Leben hat sie ein Buch geschrieben.

Rosenheim Die Rosenheimerin Nathalie Stüben hatte ein Alkoholproblem und hat sich selbst aus der Sucht befreit. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen spricht Stüben über Selbsterkenntnis und das gute Gefühl, nüchtern zu sein.

Sie hatten ein Alkoholproblem, welches Sie sich nach langer Zeit eingestanden haben. Wie kommt man zur Einsicht, dass man zu viel trinkt?

Nathalie Stüben: Ich kann nicht auf den Tag genau sagen, wann ich bemerkt habe, dass ich ein Problem habe. Das war eher wie eine innere Stimme, die sich immer mal wieder gemeldet hat. Ich hatte Gedanken wie: „Es ist doch nicht normal, dass ich immer die Einzige bin, die kein Ende findet. Es ist doch nicht normal, dass ich immer trinke, bis ich nicht mehr kann.“ Aber ich habe mir diese Gedanken immer wieder wegreden können.

Wie das?

Stüben: Es lief alles gut im Studium, ich hatte einen netten Freundeskreis, ich war gepflegt. Da hat man doch kein Alkoholproblem. Später, als sich die Abstürze gehäuft haben, wurde diese innere Stimme immer lauter und meine Argumente dagegen immer ausgefeilter. Ich dachte, betrunken könne ich besonders gut schreiben, weil Alkohol mich kreativ und tiefgründig werden lässt. Irgendwann habe ich mir erzählt, dass ich ja nicht jeden Tag trinke und auch nicht zittere. Außerdem trinken andere ja viel mehr als ich. Dass mir wirklich bewusst wurde, dass ich ein Problem habe, war im letzten Jahr meiner Sucht. Da konnte ich es einfach nicht mehr vor mir selbst verleugnen.

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Was war geschehen?

Stüben: Damals bin ich alle drei bis vier Tage abgestürzt. Wenn ich anfing zu trinken, konnte ich nicht sagen, wie der Abend endet. Ich wusste, dass ich in den meisten Fällen am nächsten Morgen aufwache und irgendeinen Typen neben mir liegen habe. Ich hatte etliche blaue Flecken und wusste in den meisten Fällen nicht mehr, was passiert war. Dann schaute ich auf mein Handy, um herauszufinden, wem ich mal wieder meine Liebe gestanden, wen ich angeschissen, wen ich wieder angelogen hatte. Das alles häufte sich, es hatte sich in mein Privatleben gefressen, war eine Konstante. Ich konnte nicht mehr leugnen, dass ich ein Alkoholproblem habe.

Es war im Grunde wie eine dunkle schwere Decke, die sich über mein komplettes Wesen und mein Leben gelegt hat.

Nathalie Stüben über ihre Alkoholsucht

Wie schafften Sie es, sich aus dieser Konstante, wie Sie es nennen, zu befreien?

Stüben: Raus geschafft habe ich es auf einem sehr unkonventionellen Weg. Das war damals nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Ich habe mich vom klassischen Suchthilfesystem einfach nicht angesprochen gefühlt. Weil ich dieses Extrembild im Kopf hatte. Ein Mensch, der zur Suchtberatung geht, das war ich in meinem Kopf noch immer nicht.

Welche Alternative gab es für Sie?

Stüben: Ich habe gemacht, was Journalistinnen und Journalisten so machen, wenn sie sich neue Sachverhalte erschließen wollen: Ich habe angefangen zu recherchieren. Es ist ja so viel Wissen online verfügbar. Und was Journalisten in ihrer Ausbildung lernen ist, jene Dinge, die Hand und Fuß haben, von Unsinn zu unterscheiden. Diese Fähigkeit habe ich mir zunutze gemacht. Ich schaute: Wo gibt es gute Quellen? Welche gehen in eine Richtung, die mir persönlich weiterhilft? Welche Strategien helfen mir weiter? Auf diese Art habe ich mich Tag für Tag ins nüchterne Leben gehangelt und irgendwann bemerkt: Es funktioniert.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch, wie sie an Tagen nach durchzechten Nächten trotz Katers funktionierten. Wie kommt man dennoch zur Erkenntnis: Ich will das nicht mehr?

Stüben: Es war im Grunde wie eine dunkle schwere Decke, die sich über mein komplettes Wesen und mein Leben gelegt hat. Ich konnte mich an verkaterten Tagen durchaus aus dem Bett prügeln und mich zum Bayerischen Rundfunk schleppen. Und dort noch immer gute Arbeit leisten. Aber Sie können sich kaum vorstellen, wie anstrengend es ist, ständig morgens aufzuwachen und zu denken: „Heute muss ich mein Leben wieder irgendwie überstehen.“

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Es ging schon lange nicht mehr darum, es zu erleben – geschweige denn zu genießen. Ich musste ja auch ständig dafür sorgen, dass Menschen nicht mitbekommen, was wirklich bei mir los ist. Das ist so anstrengend, derart traurig und macht so einsam. Das war, glaube ich, der Punkt, an dem der Leidensdruck so groß wurde, dass in mir das Gefühl aufkam: Ich will mein Leben nicht mehr überstehen müssen.

Der Alkohol war immer im Hintergrund. Ich habe mich daran orientiert, wo die Partys sind, bei denen getrunken wird. Wo sind die Kollegen, die trinken, wo die Freunde?

Nathalie Stüben

Diese Camouflage konnten Sie aber über die ganze Zeit, während Sie noch tranken, aufrecht erhalten. Oder gab es auch Kollegen, die Sie darauf angesprochen haben?

Stüben: Die gab es nicht. Obwohl ich heute denke: Das muss doch mal jemand gerochen haben. Ich glaube aber: Solange man ordentliche Arbeit abliefert, wird auch viel entschuldigt und über vieles hinweggesehen. Ich bin mir sicher, dass hier und da mal jemand dachte: „Alter, die stinkt aber nach Alkohol.“ Aber im Zweifel wirkt das dann eher noch heldenhaft. Dass man trotzdem auftaucht und seine Acht-Stunden-Schicht durchzieht.

Man steht als Journalist ja auch ein wenig in der Öffentlichkeit. Hatten Sie nicht zumindest an diesem Punkt die Befürchtung aufzufliegen?

Stüben: Die hatte ich, als ich die Zusage bekam, als BR-Landeskorrespondentin nach Rosenheim zu gehen. Da trank ich noch. Und da hatte ich Angst: Was, wenn mitten in der Nacht was passiert, du arbeiten musst, aber betrunken bist? Gott sei Dank hörte ich Mitte Juli auf zu trinken. Im Oktober kam ich nach Rosenheim – und war nüchtern. Das war ein tolles Gefühl.

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Wie lief das früher bei Ihnen?

Stüben: Davor hatte ich neben dem BR noch weitere Arbeitgeber in München. Beim BR verdiente ich mein Geld hauptsächlich mit News-Schichten und termingebundenen Geschichten. So konnte ich mir die Arbeit so einteilen, dass ich mich zwischendurch „abschießen“ konnte.

Also quasi der „Klassiker“ bei Suchtkranken: dass man das komplette Leben nur noch um die Sucht herumbaut.

Stüben: Zumindest verlagert sich der Fokus immer mehr in Richtung Suchtmittel. Meine Arbeit hat mir bis zuletzt Freude bereitet. Aber der Alkohol war immer im Hintergrund. Ich habe mich daran orientiert, wo die Partys sind, bei denen getrunken wird. Wo sind die Kollegen, die trinken, wo die Freunde? Wo die Möglichkeiten. Also ja, es ging schon stark in diese Richtung.

Woher kam Ihr Entschluss, mit diesem Problem in die Öffentlichkeit zu treten? Sie beschreiben in Ihrem Buch ja durchaus Dinge, auf die wohl die wenigsten mit Stolz zurückblicken.

Stüben: Das hängt stark mit dem Weg zusammen, den ich gegangen bin, um der Suchtspirale zu entkommen. Ich habe bei meiner Recherche amerikanische Podcasts gefunden, in denen Menschen offen über ihre Sucht und ihren Weg hinaus berichtet haben.

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Damals dachte ich: Krass, ich bin nicht die Einzige auf dem Planeten, die dieses Doppelleben geführt hat. Allein diese Erkenntnis war schon heilsam. Ich konnte nicht genug von diesen Podcasts bekommen. Dadurch entstand die Idee, so etwas auch für Deutschland zu kreieren.

Alkohol-Abstinenz als Gewinn betrachten

Gab es denn Zweifel, dieses Projekt anzugehen?

Stüben: Ich hatte schon die Befürchtung, in der Branche unten durch zu sein, wenn ich so einen Podcast mache. Dass ich mich dennoch überwinden konnte, kam durch meinen Mann, der mich immerzu dazu ermutigt hat. Er spürte einfach, wie wichtig mir das war und für wie sinnvoll ich das hielt. Außerdem habe ich gelernt, dass man Scham am besten dadurch bewältigt, dass man über die Dinge spricht, die einen quälen.

Was machen Sie anders als „klassische“ Therapieangebote für Suchtkranke?

Stüben: Ich arbeite niederschwelliger. Um meine Angebote wahrzunehmen, muss man nirgendwo hingehen und sagen: „Ich habe ein Alkoholproblem.“ Außerdem ist meine Herangehensweise eine grundpositive. Ich betrachte Abstinenz als Gewinn. Für mich ist ein Leben ohne Alkohol kein Verzicht und auch kein Kampf. Ich finde: Wenn man ein Problem mit Alkohol hat und mit dem Trinken aufhört, dann ist das das Beste, was einem passieren kann. Ich möchte allerdings betonen, dass mein Weg aus der Sucht sich Ergänzung zum gängigen Angebot versteht. Es gibt viele Wege hinaus – es ist einfach wichtig, dass die Menschen den finden, der für sie funktioniert.

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Sollte der Staat bei der Abgabe von Alkohol restriktiver sein, wie beispielsweise skandinavische Staaten?

Stüben: Das wäre natürlich wünschenswert. Beispiele wie in Skandinavien zeigen, dass solche politischen Maßnahmen wirken: Preise erhöhen, Werbung verbieten oder zumindest stärker beschränken. Und vor allem die Verfügbarkeit einschränken. Dass man nicht überall unbeschränkt mit 16 schon Alkohol kaufen kann. Davon sind wir in Deutschland aber ganz weit entfernt. Und ich sehe leider auch nicht, dass so etwas kommen wird.

Das Buch

Ohne Alkohol – Die beste Entscheidung meines Lebens

Autorin: Nathalie Stüben

Kailash Verlag

ISBN: 978-3-424-63223-1

Preis: 16,00 Euro

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