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Vereinsvorsitzende Dr. Beate Burkl im Interview

Nachhaltigkeit als wichtiges Ziel: Rosenheim will unbedingt „Fairtrade-Stadt“ bleiben

Die Übergabe Rezertifizerungsurkunde im Jahr 2020: (von links) Gabriele Leicht, dritte Rosenheimer Bürgermeisterin, Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März, Dr. Beate Burkl, Daniel Artmann, zweiter Rosenheimer Bürgermeister, und Georg Schmid, Sprecher der Fairtrade-Steuerungsgruppe
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Die Übergabe Rezertifizerungsurkunde im Jahr 2020: (von links) Gabriele Leicht, dritte Rosenheimer Bürgermeisterin, Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März, Dr. Beate Burkl, Daniel Artmann, zweiter Rosenheimer Bürgermeister, und Georg Schmid, Sprecher der Fairtrade-Steuerungsgruppe
  • VonKarin Wunsam
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Fairtrade Deutschland feiert heuer 30. Geburtstag. Was klein begann, ist mittlerweile Trend. Deutschlandweit haben sich schon 781 Städte als „Fairtrade-Stadt“ zertifizieren lassen – Rosenheim im Jahr 2016. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt Dr. Beate Burkl, Vorsitzende des Fördervereins „Fairtrade-Stadt Rosenheim“, über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des gerechten Welthandels in Rosenheim.

Wer Fairtrade-Stadt bleiben will, muss sich alle zwei Jahre rezertifizieren lassen. Für Rosenheim ist das heuer wieder der Fall. Sind Sie zuversichtlich, dass die Stadt diesen Titel weiter behalten darf?

Dr. Beate Burkl: Ich bin mir sicher, dass die Stadt Rosenheim den Titel wieder erhält, da wir trotz Corona in den beiden letzten Jahren einige Veranstaltungen durchführen konnten wie Vorträge, Infostand in der Fairen Woche und Teilnahme an der Flower Power Aktion mit kontaktfreier Rosenverteilung. Außerdem haben wir mit der Aktion „Fairsprechen“ Politiker und Bürger über die Forderungen des Fairen Handels zur Bundestagswahl informiert.

Welche Kriterien müssen überhaupt erfüllt werden, um sich Fairtrade-Stadt nennen zu dürfen?

Dr. Burkl: Es gibt fünf Kriterien, die bei der Zertifizierung und wieder bei der Rezertifizierung erfüllt sein müssen. Erstens: Ratsbeschluss durch den Stadtrat und Verwendung von mindestens zwei fairen Produkten im Rathaus, beispielsweise Kaffee, Tee, Kekse. Zweitens: Steuerungsgruppe mit Akteuren aus Politik und Zivilgesellschaft. Drittens: Eine nach Einwohnerzahl festgelegte Anzahl von Geschäften, Einzelhandel und Gastronomie, die faire Produkte vertreiben oder verwenden. Viertens: Einrichtungen, die den fairen Handel fördern durch Verwendung von fairen Produkten wie auch durch Bildungsaktivitäten wie Schulen, Vereine, Kirchengemeinden und Bürgerhäuser. Fünftens: Berichte in den regionalen Medien wie Presse, Rundfunk, Fernsehen, Social Media.

Ich kann mich noch erinnern, dass bei Rosenheims Zertifizierung im Jahr 2016 gleich unglaublich viel getan wurde, um den fairen Handel zu unterstützen. Zahlreiche Unternehmen, Schulen, Organisationen und sogar die Stadtverwaltung hat es sich damals auf die Fahnen geschrieben, wo immer nur möglich, auf fair produzierte Produkte zurückzugreifen. Ist dieses Engagement heute nach wie vor so groß oder ist das Thema mittlerweile wieder mehr eingeschlafen?

Dr. Burkl: Das Interesse an Fairtrade wächst kontinuierlich, man sieht immer mehr Produkte mit Fairtrade-Siegeln in den Geschäften. Der Förderverein Fairtrade-Stadt Rosenheim hat dazu einen Einkaufsführer erstellt, der regelmäßig aktualisiert wird. Er ist auf unserer Homepage abrufbar. Unterstützt wird dieses Bewusstsein auch durch unsere Schulen. Das Thema „Fairtrade“ steht beispielsweise in den Grundschulen auf dem Lehrplan. Auch die öffentliche faire Beschaffung durch die Stadtentwicklung entwickelt sich positiv.

30 Jahre Fairtrade Deutschland – ein Grund zum Feiern. In Zeiten von Corona aber wohl nicht einfach?

Dr. Burkl:Es gibt eine große Jubiläumsfeier am 10. Juni in Berlin zusammen mit einer Faircon-Convention, einer Zukunftswerkstatt für den fairen Handel. 100 jugendliche VisionärInnen zwischen 16 und 27 Jahren erarbeiten konkrete Projektideen dazu. Anmeldeschluss für die Faircon ist der 30. April 2022. „Fairan“ eine Wortneuschöpfung zum Jubiläum soll das Engagement für den fairen Handel sichtbar machen und ist gleichzeitig ein Bekenntnis zur globalen Gerechtigkeit.

Sind anlässlich dieses runden Geburtstags auch bei uns in der Stadt Aktionen geplant?

Dr. Burkl: Wir sind noch in der Planungsphase. Ein Termin steht fest: Am Dienstag, 19. Juli, findet am Abend im großen Saal des Stadtjugendringes ein Vortrag von Dr. Bärbel Kofler, parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit statt. Dabei geht es um Nachhaltigkeit, Menschenrechte und Lieferkettengesetze. Außerdem wird es Veranstaltungen in der Fairen Woche im September geben.

Wer profitiert eigentlich genau vom fairen Handel?

Dr. Burkl: Fairtrade zeigt, dass man den ungleichen Bedingungen des konventionellen Welthandels etwas entgegensetzen kann, zum Beispiel bessere Preise und bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Produzenten. Der faire Handel stellt die Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Bilanzen. Er schützt unter anderem Kinderrechte, fördert die Gleichstellung der Geschlechter und hilft, Existenzen zu sichern – vor allem im Süden, aber auch im Norden. Der faire Handel will aber auch Strukturen verändern. Darum ist Bildung im Süden wie im Norden ein wichtiges Thema.

Und was haben dann eigentlich wir davon?

Dr. Burkl: Das Fairtrade-Siegel steht für Produkte aus umweltschonenden Anbau, der die natürlichen Ressourcen schützt und die Verwendung von Pestiziden verbietet. Ferner wird kein gentechnisch verändertes Saatgut verwendet und mindestens 80 Prozent der Produkte sind Bio. Der Bio-Anbau wird durch den Bioaufschlag gefördert. Alle so erzeugten Waren sind dadurch von sehr hoher Qualität.

Was kann jeder Einzelne von uns tun, um fairen Handel zu unterstützen?

Dr. Burkl: Fairtrade-Produkte kaufen, wo sie angeboten werden oder gezielt danach fragen. Weitere Siegel, die faire Waren kennzeichnen gibt es beispielsweise von GEPA, El Puente, Naturland fair, fair for liefe, WFTO Guarranteed Fair Trade (vorwiegend in Weltläden), BanaFair, dwp, GLOBO, um nur einige zu nennen. Die Weltläden führen übrigens nur faire Produkte und sie arbeiten nicht gewinnorientiert, sondern auf ehrenamtlicher Basis.

Mittlerweile gibt es faire Produkte auch in vielen Discountern. Aber kann man sich beim Kauf auch darauf verlassen, dass es dabei wirklich „fair“ zugeht?

Dr. Burkl: Das Fairtrade-Siegel kennzeichnet Waren, die aus fairem Handel stammen und bei deren Herstellung bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien eingehalten wurden. Deshalb kann man sich auf die faire Herkunft der in Discountern angebotenen gesiegelten Waren verlassen. Die Organisation „Flocert“ überprüft die Einhaltung der Fairtrade-Standards. Vorsicht ist geboten bei „fairen Eigenmarken“ oder bei Aufschriften wie beispielsweise „aus fairem Anbau“ oder „fair produziert“ ohne ein offizielles Siegel.

Eingekauft wird heute zunehmend online. Wie wirkt sich der Online-Handel auf die Fair-Trade-Bewegung aus?

Dr. Burkl: Da Fairtrade-Artikel überwiegend Lebensmittel sind, spielt der Online-Handel prozentual keine so große Rolle. Er hat natürlich zugenommen durch die Pandemie, dies wirkt sich wahrscheinlich eher beim Einkauf von Textilien und nicht verderblichen Waren aus. Es gibt dazu aber keine belastbaren Zahlen, wie meine Nachfrage bei Fairtrade ergeben hat.

Wie finde ich faire Produkte speziell bei uns in der Stadt?

Dr. Burkl: Der Förderverein Fairtrade-Stadt Rosenheim hat einen Einkaufsführer herausgegeben, wo Geschäfte und Gastronomiebetrieben mit den fairen Produkten aufgeführt sind, die sie verkaufen oder verwenden. Er ist auf unserer Homepage abrufbar.

Fairtrade und Regionalität – passt das zusammen?

Dr. Burkl: Ja! Das Motto unseres Fördervereins lautet: Fair – Öko – Regional. Wir unterstützen regionale Produkte, das sie komafreundlich auf Grund der kurzen Transportwege sind und auch unsere Landwirte faire Preise brauchen. Ein gutes Beispiel ist die faire Berchtesgadener Milch mit dem Naturland-fair-Siegel. Aber Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, die typisch fairen Produkte, wachsen nun mal nicht bei uns. Regionale Kaffeeröstereien verwenden fairen Kaffee, zum Beispiel der Faire Rosenheimer Kaffee oder Espresso von Dinzler. Die Rosenheimer Schokolade wird aus fairen Zutaten von Dengel in Rott hergestellt. Regionalität und Fairer Handel verbindet sich hier.

Wo sehen Sie die Stadt Rosenheim in zehn Jahren in Sachen „Fairtrade“?

Dr. Burkl: In Bezug auf den Handel sehe ich die Entwicklung positiv, man findet immer mehr Fairtrade-Produkte in den Geschäften. Auch der Verkauf von fairen Produkten in Kirchengemeinden nimmt stetig zu. Das Thema Nachhaltigkeit ist immer stärker präsent, vor allem bei der jungen Generation. Wenn wir in den nächsten Jahren die faire Beschaffung von Verbrauchsgütern durch die öffentliche Hand steigern können, sind wir auf einem guten Weg. In zehn Jahren soll sich uns nicht die Frage stellen, kaufen wir fair oder anders, sondern die Antwort soll sein: natürlich kaufen wir fair, was sonst. Dann haben wir unser Ziel erreicht.