Nach 50 Jahren ausgetöpfert: Darum schließt Bernd Vogt (70) seinen Keramikbetrieb in Pang

Der Mann der Töpferkunst:Bernd Vogt arbeitet seit 50 Jahren in seinem Keramikladen in Pang. privat/Heise
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Das Sterben der Traditionsgeschäfte in Rosenheim geht weiter. Nach fast 50 Jahren schließt Bernd Vogt (70) Ende April seinen Keramikbetrieb mit angeschlossenem Geschäft in Pang. Eine Geschichte über Verlust, ein aussterbendes Handwerk und die Corona-Krise.

Rosenheim – Das Ende hat Bernd Vogt schon seit einiger Zeit kommen sehen. Überrascht hat es ihn trotzdem. „Durch die Corona-Krise hat sich die Situation dramatisch verändert“, sagt Vogt. Er sitzt in seinem Büro, ab und zu klingelt ein Telefon. An den Wänden hängen alte Familienfotos, dazwischen ein Stammbaum. Auf einem Holzbrett stehen Keramikkrüge und Tassen in verschiedenen Formen und Größen. Im Hintergrund hört man das leise Brummen des Töpferofens und die Stimmen der Mitarbeiter.

Zahl der Aufträge geht zurück

Seit Bernd Vogt sein Geschäft Mitte März aufgrund der Corona-Verordnung schließen musste, ist es ruhig geworden. Noch ruhiger als sonst. Die Aufträge sind zurückgegangen, auch weil das Geschäft keinen Onlinehandel hat. Trotzdem ist die Krise allein nicht schuld an der Schließung. Bernd Vogt weiß das. „Die Nachfrage ist einfach nicht mehr da“, sagt er. Keine Familie kaufe heutzutage ein sechsteiliges Kaffeeservice für mehrere Hundert Euro. Auch für handbemalte Taufteller, Sparschweine und Bierkrüge mit Namen und Firmenlogos interessiere sich kaum noch jemand. „Dass war lange Zeit unsere Stärke“, sagt Vogt.

Ein Blick zurück: Schon Bernd Vogts Mutter hat sich im Jahr 1946 um die Töpferei gekümmert. Hier bemalt sie gerade eine Schüssel.

Vor zehn Jahren eine andere Situation

Er erinnert sich an die Zeit vor zehn Jahren, als die Kunden „noch seine Bude eingerannt haben“. Eltern wollten ihre Kinder bei ihm ausbilden lassen, Firmenchefs und Vereine gaben personalisierte Bierkrüge in Auftrag. „Wir hatten Hunderte von Mustern“, sagt er.

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Es sei eine gute Zeit gewesen damals, eine Zeit in der es „von Montag bis Sonntag immer etwas zu tun gab“.

Ein Auge fürs Detail:In liebevoller Handarbeit bemalen die Mitarbeiter die Krüge und Tassen.

Doch jetzt ist Schluss. Schluss mit der Töpferei, Schluss mit dem liebevoll dekorierten Laden. Ende April wird all das der Vergangenheit angehören. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Und davon hat Bernd Vogt eine ganze Menge.

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Seine Liebe zur Töpferei hatte er schon als kleiner Bub entdeckt. Schon damals habe es ihn fasziniert, wie sein Vater, scheinbar mühelos, einen unförmigen Tonklumpen in ein wohlgeformtes Tongefäß verwandelte. Wie seine Mutter die Tassen und Krüge bemalte, aus jedem Stück ein Unikat machte. „Für mich war klar, dass ich in den Familienbetrieb einsteige“, sagt Vogt. Mit 16 begann er seine Töpferlehre, besuchte im Anschluss die Meisterschule in Landshut und lernte dort seine spätere Frau kennen. Nach dem Tod seiner Eltern übernahm er das Geschäft, machte sich nach und nach in ganz Bayern einen Namen.

Sohn Tobias tritt in Fußstapfen des Vaters

Mit der Geburt seiner beiden Kinder Stefanie und Tobias ist das Glück perfekt. Als Tobias alt genug ist, macht auch er eine Töpferlehre, tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Fast 25 Jahre kümmern sich die beiden Männer Seite an Seite um das Geschäft.

Gesundheit verschlechtert sich

In der Warteschlange: Die fertig geformten Gefäße kommen um Brennen in den Töpferofen.

Doch die Arbeit verändert sich, wird weniger. Hinzu kommt, dass sich die Gesundheit von Bernd Vogt verschlechtert. Nach vier Netzhautablösungen sieht er „nur noch die Hälfte“, kann „nicht mehr vollwertig arbeiten“. Die Arbeit in der Werkstatt stemmen jetzt seine Mitarbeiter. Von den anfänglichen 25 sind mittlerweile nur noch sieben übrig, lediglich zwei von ihnen arbeiten in Vollzeit.

Keine Zukunft für die Keramik

„Vor drei Jahren hat Tobias dann erkannt, dass die Keramik keine Zukunft mehr hat“, sagt Bernd Vogt. Während er weiter an der Töpferei festgehalten hat, beginnt der Sohn, sich auf hochwertige Grillgeräte zu spezialisieren. Das Fachgeschäft „Glutsbrothers“ entsteht.

Grillgeräte statt Töpferscheiben

Wo einst Töpferscheiben, Pressen und Brennöfen ihren Platz hatten, stehen heute Grillgeräte samt Zubehör.

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„Von der Keramik kann man eben nicht mehr leben“, sagt Vogt. Er weiß, dass seine Entscheidung die richtige ist, dass sein Geschäft keine Zukunft hat. „Trotzdem bricht es mir das Herz“, sagt er.

Dank an Mitarbeiter und Stammkunden

Die Trauer ist groß. Der Stolz über das Erreichte ist größer. „Ich will mich einfach bedanken“, sagt er. Für die vergangenen 50 Jahre, bei den Mitarbeitern und Stammkunden. „Ohne die wäre das alles nicht möglich gewesen.“

Vogt will Zeit mit den Enkeln verbringen

Wie sein Leben ohne die Töpferei aussieht, daran will er im Moment noch nicht denken. „Die Firma war mein Leben“, sagt er nur. Kurz denkt er nach. „Jetzt habe ich halt mehr Zeit für meine Enkel.“ Sein Lachen dabei übertönt auch das Summen des Töpferofens.

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