Interview

„Mit Ostern beginnt etwas Neues“: Hannelore Maurer über die Hoffnung während der Corona-Krise

„Gott geht immer mit“, sagt die Gemeindereferentin Hannelore Maurer. Re
  • Ilsabe Weinfurtner
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Hoffnung und Zuversicht sind gerade jetzt existenziell für viele Menschen, um die Herausforderungen der Corona-Krise zu meistern. Wie es gelingen kann, das Dunkel zu überwinden: dazu ein Gespräch mit der katholischen Gemeindereferentin der Stadtteilkirche Rosenheim-Inn, Hannelore Maurer (52).

Frau Maurer, ist Hoffnung ein Bauchgefühl oder Kopfsache?

Hannelore Maurer: „Ich denke, es ist beides. Ein Bauchgefühl, etwas Spontanes, das man nicht beschreiben kann. Aber auch eine Kopfsache. Etwas Rationales, das man braucht, etwa nachts, wenn man sich klar macht: Die Mitte der Nacht ist der Beginn eines neuen Tages.“

Der Tag, die Helligkeit, steht für Neues, für neue Hoffnung?

Maurer: „Ja. Als gläubiger Mensch fällt mir dazu aus dem Alten Testament die Erzählung von der großen Flut ein. Die Menschen erleben eine Katastrophe, aber nach dem Untergang erscheint ein Regenbogen. Er gilt als Zeichen für die Hoffnung und einen neuen Anfang und steht für eine Verbindung von Himmel und Erde.“

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Die Flut als Strafe Gottes: Das ist ein Bild, das heute so mancher mit dem Coronavirus in Verbindung bringt. Eine Strafe für die Menschen, die dem Fortschritt und dem Wohlstand alles unterordnen.

Maurer: „Corona ist keine Strafe Gottes, sondern etwas, das sich jetzt im Lauf der Evolution dieser Welt ereignet hat. Nachdenkenswert finde ich aber den Satz von Papst Franziskus: „Wir waren der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“

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Trotzdem zweifeln Menschen an Gott, wenn sie eine schwere psychische oder physische Krise erleben. Sie fühlen sich von Gott verlassen.

Maurer: „Diese Erfahrung hat Jesus selbst auch gemacht. Diese Gottverlassenheit am Kreuz. In der Notfallseelsorge erlebe ich Menschen, die genau dieses Alleinsein empfinden, die in diesem Moment keine Hoffnung mehr haben. In dieser Situation heißt es, einfach nur da zu sein und auf diese Weise den mitgehenden Gott erahnen zu lassen.“

Braucht es, um Hoffnung zu empfinden, immer erst ein negatives Szenario?

Maurer: „Natürlich spüren wir Hoffnung deutlicher, wenn wir ein schmerzhaftes Erlebnis haben. Aber ich meine schon, dass Hoffnung etwas ist, was immer gegenwärtig ist. Nehmen Sie ein Ehepaar, das gerade seinen Hochzeitstag erlebt. Voller Freude werden beide sein – und zugleich hoffen, dass es ein guter gemeinsamer Weg werden wird.“

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Für viele, vor allem jüngere, Menschen ist die Corona-Krise eine neue, existenzielle Erfahrung. Etwas, was sie bisher nicht kannten. Ist es für sie schwieriger, hoffnungsvoll zu sein?

Maurer: „Vielleicht. Aber ich erlebe in der Seelsorge auch alte Menschen in der Isolation, die dachten, so etwas nicht mehr durchstehen zu müssen. Die Kraft brauchen. Aber natürlich blicken diese Menschen schon auf ihr Leben zurück. Viele haben Krieg erlebt. Sie ziehen Resümee und wissen: Es hat immer wieder neu angefangen.“

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Wir hoffen auf ein gutes Leben, einen sicheren Arbeitsplatz, auf Gesundheit. Ostern hat im christlichen Verständnis noch einmal eine ganz andere Qualität. Es geht um nicht weniger als um die Hoffnung auf ein ewiges Leben. Ist das nicht sehr abstrakt?

Maurer: „Für mich ist Ostern nicht nur eine Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod. Ich möchte diese Hoffnung auch für mein Leben im Hier und Jetzt haben. Hoffnung ist in diesem Sinne Zuversicht. Die positive Sicht auf etwas hin, auf das Leben in seiner Gänze. Wir können aus schwieriger Zeit positiv hervorgehen.“

Also kann Ostern in Zeiten der Corona-Krise durchaus ein Mutmacher sein, ein Hoffnungsschimmer für uns Menschen?

Maurer: „Mit Ostern beginnt etwas Neues. Es zeigt uns, Gott verlässt uns nicht. Er geht mit durch die Höhen und Tiefen. Wir können an einen Gott glauben, der mit uns durchs Dunkel geht zum Licht. Er steht nicht nur am Ziel unseres Lebens, er begleitet uns auf dem Weg dorthin. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat das sehr schön formuliert mit seinem Satz, „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

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