Ein Rosenheimer rebelliert gegen Gewalt und Mord in Grimms Märchen mit eigenen Geschichten

Eine weitere Leidenschaft von Richard Hofbauer: Štatuen mit griechischen Göttern, die der 85-Jährige in seinem Garten sammelt.
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Eine weitere Leidenschaft von Richard Hofbauer: Štatuen mit griechischen Göttern, die der 85-Jährige in seinem Garten sammelt.
  • vonKilian Schroeder
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Kannibalismus in „Hänsel & Gretel“, mehrere Mordversuche bei Schneewittchen oder eine Reihe von Demütigungen bei „Aschenputtel“: Die gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm strotzen oftmals nur so von Gewalt und Brutalität. Daher hat Richard Hofbauer (85) jetzt selbst den Stift in die Hand genommen.

Rosenheim – Der bunte Prinz ist alleine zu Hause. Aus Langeweile beginnt er im riesigen Schloss herumzuwandern und verirrt sich. Das ist der Anfang der ersten Geschichte, die Richard Hofbauer (85) für sein „Anti-Grimm-Buch“ verfasst hat. In einer Zeit, in der viele Kinder wie der „bunte Prinz“ zu Hause sitzen und sich langweilen, will der Autor mit sieben kurzen Märchen über Menschlichkeit und Anstand unterhalten.

Ein „Museum“ im eigenen Garten

„Bis auf mein Museum im Garten bin ich eigentlich wenig künstlerisch tätig“, sagt Hofbauer. Der 85-jährige ist in Wasserburg aufgewachsen, lebt aber seit 30 Jahren in Rosenheim. Mit dem „Museum“ meint er die zahlreichen Statuen griechischer Götter, die in seinem Garten stehen. Seit kurzem hat er sich auch ein kleines Amphitheater eingerichtet. „Ich war eher ein Weltenbummler“, sagt der immer noch berufstätige Steuerberater. Schon zwei Mal hat Hofbauer die Erde auf einem Schiff umrundet und mehrere Kontinente durchlaufen.

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Auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben, kam er durch die Besuche von Märchenparks mit seinen Enkeln. Die alten Grimm-Märchen hätten ihn schon immer geärgert: Zu viel Gewalt, findet er „In den Märchenparks wird die Gewalt aus diesen Geschichten aufgegriffen, da waren meine Enkel ziemlich entsetzt. Das ist nichts für Kinder.“

Themen der alternativen Märchen

Den gewalttätigen Geschichten will Hofbauer nun das „Anti-Grimm-Buch“ entgegensetzen. Sieben kurze Geschichten erzählen vom bunten Prinzen, der mal versucht, am See Insekten zu retten, mal vom König über das Rauchen von Zigaretten belehrt wird oder bei der Vorbereitung für das Fest auf dem Schloss erfährt, was herauskommen kann, wenn alle zusammen helfen. Ganz nebenbei sollen die Kinder dabei Werte wie Umweltschutz, Tierschutz, Solidarität und auch Gesundheit lernen. Statt der Gewalt in den traditionellen Grimm-Märchen setzt Hofbauer auf Menschlichkeit.

Klinikaufenthalt zum Schreiben genutzt

Geschrieben hat Hofbauer die Geschichten, als er 14 Tage stationär im Klinikum Rosenheim lag. Eigentlich wollte er sich nur untersuchen lassen, da ihm seine vielen sportlichen Betätigungen zunehmend schwerer fielen.

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„Im Krankenhaus konnte ich dann nicht raus und lag nur im Zimmer, da wurde mir schnell langweilig“, sagt der 85-jährige Rosenheimer. Genau die richtige Gelegenheit also, um sein Kinderbuch zu verwirklichen, das er schon länger geplant hatte. „Immer wenn meine Frau zu Besuch kam haben wir zusammen daran gearbeitet.“ An den Ideen habe es ihm nicht gemangelt. „Die Geschichten gingen mir flott von der Hand“, sagt Hofbauer. Sein erstes Testpublikum war sein sechsjähriger Enkel – und der war gleich begeistert.

Quintessenz: „Sei menschlich zu Mensch und Tier“

Die Quintessenz des „Anti-Grimm-Buchs“? „Sei menschlich zu Mensch und Tier“, sagt Hofbauer, der selbst vegetarisch lebt. Auch wenn die Märchen für Kleinkinder gedacht und dementsprechend in ganz einfacher Sprache geschrieben sind, könne dennoch jeder und jede etwas daraus mitnehmen.

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Er hofft, dass das Buch vor allem bei den Eltern gut ankommt, die diese Werte ihren Kindern vermitteln wollen. „Ich denke, dass auch die Kindergärten und Kitas so etwas mehr ins Programm aufnehmen könnten, anstatt immer wieder die alten Märchen vorzulesen“, sagt der Steuerberater. Gerade die Coronakrise zeige, dass alle Menschen gleich seien. Er persönlich wolle das Gute im Menschen herausstellen.

Keine kommerziellen Interessen

Kommerzielle Interessen verfolge er nicht, sagt der 85-jährige, der das Buch allen Menschen frei zur Verfügung stellen will. Das Buch ist fertig, derzeit überlegt der Rosenheimer noch, wie es zu den Lesern kommen kann. Er habe schon die nächsten Projekte im Kopf und will sich vor allem seiner Leidenschaft, der Architektur, widmen. Auch die Statuen im Garten und sein neues Amphitheater sind ein nie endendes Projekt.

Die erste Geschichte des „Anti-Grimm-Buchs“ endet übrigens gleich passend zur Situation der Corona-Krise. Nachdem seine Eltern den bunten Prinzen im Schloss gefunden haben, erzählt dieser, wie viele leer stehende Zimmer sie doch hätten. Also beschließt die Königsfamilie, der armen Bevölkerung etwas Gutes zu tun: Sie richten ein Krankenhaus im Schloss ein.

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