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Gedenktag an die Opfer der großen Deportation

Der letzte Moment in der Rosenheimer Heimat

Deportation der Juden aus München am 20. November 1941.
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Deportation der Juden aus München am 20. November 1941.
  • VonThomas Stöppler
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Am 4. April vor genau 80 Jahren wurden hunderte Menschen in München in einen Zug gepfercht und nach Piaski gebracht. Keiner von ihnen ist zurückgekommen. Unter den Ermordeten waren auch einige Rosenheimer. Anlässlich des Jahrestags erklärt Dr. Maximilian Strnad vom Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München, warum das Erinnern wichtig bleibt.

Am 07. April hielt der Historiker deshalb anlässlich einer Gedenkveranstaltung einen Vortrag im Theatersaal am Ludwigsplatz.

Warum ist Piaski im kollektiven Gedächtnis nicht vorhanden?

Dr. Maximilian Strnad: In unserem kollektiven Gedächtnis haben sich nur einige bekannte Namen, wie Auschwitz, als Zielorte der Deportationen eingeschrieben. Weniger bekannt ist, dass vor allem die ersten großen Deportationen, die im Herbst 1941 begannen, zum Beispiel nach Kaunas in Litauen führten– dorthin ging etwa der erste große Transport aus München im November 1941. Aber eben auch an viele andere Orte, zum Beispiel in den Distrikt Lublin im besetzten Polen, wo die Juden in verschiedenen Ghettos um die Stadt Piaski herum unter furchtbaren Bedingungen leben mussten, bis sie dann bei „Säuberungsaktionen“ wie der sogenannten Aktion Reinhardt ermordet wurden. Natürlich hoffe ich, mit meinem Vortrag dazu beizutragen, dass diese weniger bekannten Orte der Vernichtung wieder mehr ins kollektive Gedächtnis zurückgeholt werden.

Gibt es denn Überlebende von der Deportation?

Strnad: Es sind uns von den ersten Deportationen keine Überlebenden bekannt. In Kaunas sind die knapp 1000 Männer, Frauen und Kinder, darunter zum Teil auch Anderthalbjährige, wenige Tage nach ihrer Ankunft erschossen worden. Das Lager dort war überfüllt und die örtlichen Einsatzkräfte und die SS, haben sie kurzerhand ermordet. Auch von der zweiten Deportation nach Piaski sind uns keine Überlebenden bekannt. Die späteren Transporte nach Auschwitz und nach Theresienstadt haben einzelne wenige Jüdinnen und Juden überlebt.

Wie viele Menschen sind denn deportiert worden?

Strnad: Am 4. April sind 743 Menschen verschleppt worden. Von ihnen stammten 343 aus der Landeshauptstadt - darunter auch sieben, die erst kurz vorher aus Rosenheim nach München gebracht worden waren. Die anderen kamen vor allem aus Gemeinden in bayerisch Schwaben.

Dr. Maximilian Strnad

Wieso sind „nur“ sieben Rosenheimer dabei?

Strnad: In Oberbayern gab es insgesamt nur wenige Jüdinnen und Juden. In vielen kleineren Städten und auf dem Land waren sie viel exponierter. Da wusste jeder sofort, wer gemeint war, wenn von den „dreckigen Juden“ gesprochen wurde. Die Verfolgung war hier sehr öffentlich. In Großstädten konnte man eher in der Masse untertauchen und hatte auch eine jüdische Gemeinde zur Unterstützung. Deswegen lebten bereits 1939 nur noch eine Handvoll der einstmals etwa 50 Rosenheimer Jüdinnen und Juden in der Stadt. Nehmen wir als Beispiel die Familie Fichtmann. Das Geschäft von Moses Fichtmann war andauernd von Boykotten betroffen. Laufend stand eine SA-Wache vor der Tür und schrieb auf, wer dort einkaufte. Die Namen der Kundinnen und Kunden wurde dann öffentlich ausgehängt. 1938 musste Fichtmann dem Druck nachgeben und sein Geschäft aufgeben.

Wie lief denn so ein Transport ab?

Strnad: Das war ein stark routiniertes Vorgehen. In den verschiedenen Ortschaften wurden die Landräte informiert, wann ein Transport stattfinden wird. Dann mussten die Behörden vor Ort, also die Polizei und Verwaltung Transporte zusammen stellen mit denen die Betroffenen in die nächstgrößeren Städte gebracht wurden, von denen die Züge schließlich abfuhren. Meistens wurden die Menschen in Personenzüge der dritten Klasse zusammengepfercht, später auch in Güterwaggons. Die Viehwaggons, die wir als Bilder im Kopf haben, wenn wir an die Deportationen denken, wurden vor allem bei den Deportationen im östlichen Europa eingesetzt.

Das sind natürliche schreckliche Geschehnisse, aber wenn wir jetzt anfangen allen großen Deportationen zu gedenken, dann kommen wir doch gar nicht mehr hinterher.

Strnad: Natürlich machen wir in München und andernorts nicht an jedem dieser Tage eine Gedenkveranstaltung. Insbesondere in kleineren Orten, in denen so mit einem Schlag die jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde, haben sie aber in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zurecht an Bedeutung gewonnen. Sie müssen sich vorstellen: die Deportation war der letzte Moment, an dem die Menschen in ihren Städten gesehen worden sind, die letzte Station der Verfolgung in ihrer Heimat. In München wurde am 20. November 1941 mit einem Schlag ein Drittel aller Juden aus der Stadtgesellschaft herausgerissen. Insofern rücken die runden Jahrestage der Deportationen als zentrale Stationen der Judenverfolgung zurecht mehr ins Zentrum unseres Gedenkens. Und sie bieten Gelegenheit uns zu fragen, wer diese Menschen waren und welche Leerstellen ihre Vertreibung und Ermordung bei uns hinterlassen haben.

Und das ist heute natürlich immer noch relevant.

Strnad: Wir müssen feststellen, dass der Antisemitismus heute leider wieder sehr viel stärker geworden ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Situation heute so ist wie 1933. Auf die NS-Vergangenheit zu schauen und zu analysieren warum es in Deutschland zum Massenmord an den Jüdinnen und Juden kam, hilft uns aber dabei zu verstehen, wie wichtig eine wehrhafte Gesellschaft ist, die solche Anfeindungen nicht einfach ignoriert, sondern für ihre Werte einsteht.

Ist es dann nicht besonders wichtig, dass auch jenseits der großen Gedenktage an die NS-Verbrechen erinnert wird?

Strnad: Das dezentrale, individuelle Gedenken, bei dem die einzelnen Menschen im Zentrum stehen, nimmt in den letzten Jahrzehnten einen immer wichtigeren Platz in der Erinnerungsarbeit ein. Da geht es ja nicht nur um Juden, die zwar neben den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eine der größten Opfergruppen sind, sondern auch um die Opfer der sogenannten Euthanasie, Homosexuelle, Roma und Sinti sowie politische Gegnerinnen und Gegner des Regimes. Vielen Menschen in unserer Gesellschaft, aber besonders auch den Angehörigen, ist es sehr wichtig, dass die Erinnerung an die Orte gebracht wird, an den diese Menschen gelebt und gewirkt haben. Die Stolpersteine sind da eine Möglichkeit, die aber auch auf Kritik stoßen, weil man oft bedenkenlos auf die Namen der Opfer tritt. Inzwischen gibt es ja auch andere Formen, wie die Erinnerungszeichen, die wir in München auf Augenhöhe anbringen. Ich finde es eigentlich sehr positiv, dass nicht mehr darüber diskutiert wird, ob wir überhaupt an diese Menschen erinnern müssen, sondern welche Form wir als angemessen erachten. Das wird ja in Rosenheim gerade lebhaft diskutiert und ich bin gespannt, zu welchem Ergebnis die Debatte führt.

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