Welttag des Stotterns

Max und seine Logopädin aus Rosenheim räumen mit Vorurteil auf: Stottern ist kein Tabu

Ins Gespräch vertieft: Spielerisch beschäftigen sich Max und seine Logopäden mit seinem Stottern. Mittlerweile kennt er die Techniken, die ihm helfen.
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Ins Gespräch vertieft: Spielerisch beschäftigen sich Max und seine Logopäden mit seinem Stottern. Mittlerweile kennt er die Techniken, die ihm helfen.
  • Anna Hausmann
    vonAnna Hausmann
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Manchmal, wenn Max (11) vor vielen Menschen sprechen soll, wollen die Worte nicht so recht über seine Lippen. Er erzählt, wie er mit seiner Logopädin Daniela Vielberth das Stottern in den Griff bekommt.

Rosenheim – Manche Dinge kommen einem schwer über die Lippen. Solche Tage gibt es. Aber für über 800.000 Menschen in Deutschland ist das Alltag. Auch für Max (11), er stottert, wenn er nervös ist. Aufhalten lässt er sich davon aber nicht. Den OVB-Heimatzeitungen erzählen er und seine Logopädin Daniela Vielberth mit Praxis in Rosenheim mehr über die Redefluss-Störung. Eins ist klar: Es ist keine Krankheit.

Jahrelanges Training zeigt große Erfolge

Max sitzt in der Praxis, sie sieht aus wie ein gemütliches Wohnzimmer. Gerade unterhalten sie sich über ihren Tag. Eigentlich stottert Max, für einen Laien wäre das aber gar nicht zu erkennen. Lediglich seine Logopädin Daniela Vielberth hört es aus den kleinen Nuancen heraus. Wenn er mal dem Blick ausweicht oder mitten im Satz abbricht, einen neuen anfängt. Seit dem Vorschulalter geht er zu Logopäden, vor drei Jahren kam er das erste Mal zu ihr.

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Sprachstörungen sind nicht ungewöhnlich für Kinder

Früher, noch vor ein paar Jahren, wäre ihm das deutlich schwerer gefallen. Wenn Max spricht, redet er reflektiert. Er klingt deutlich älter, als er ist: „Ich konnte teilweise meine Sätze nicht mehr zu Ende bringen.“ Das geschah etwa, als er vor der Klasse stand, ein Referat halten musste. Nicht alle Klassenkameraden zeigten Verständnis: Manche haben gelacht, oder haben ihn aufgezogen – eine Stresssituation für den Schüler. Begonnen hatte sein Stottern mit vier Jahren. Ein typisches Alter, weiß seine Logopädin. „Im Alter zwischen zwei und vier Jahren sind leichte Sprachstörungen nichts Ungewöhnliches. Immerhin ist hier die Sprachentwicklung in vollem Gange.“ Diese Störungen verlieren sich bei den meisten Mädchen und Buben, bei einigen aber bleiben sie. So auch bei Max.

Stottern und die Begleitsymptome

„Die Erzieherinnen im Kindergarten meinten immer, das sei normal“, erinnert sich seine Mutter. Doch das Stottern wurde schlimmer, ihr Sohn bekam Begleitsymptome: Wenn er stockte, bewegte er hektisch den Kopf oder kniff sein Auge zusammen. So als wollte er den Worten Nachdruck verleihen. „Die ganze Situation hat uns damals sehr verunsichert.“ Beim Kinderarzt stieß sie auf taube Ohren. „Er hat mit Max nur ein paar Sätze gewechselt, und dort hat er nicht gestottert.“ Seine Mutter ließ nicht nach, denn Max litt unter der Redeflusstörung. „Ich bin so froh, dass mich meine Eltern so unterstützt haben“, sagt er heute.

Je früher, desto effektiver

Dann endlich der Schritt zum Logopäden. Die Erfolge waren deutlich. „Aber es war echt anstrengend.“Seine Fehler kennt er ganz genau und weiß auch, wie er sie umgehen kann. „Manchmal habe ich den Instinkt, so zu tun, als würde mir das Wort nicht einfallen.“ Stattdessen spricht er es bewusst aus, nimmt sich Zeit. Je früher die Kinder mit einer Logopädie begännen, desto effektiver sei sie, weiß Vielberth.

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Der direkte Therapieansatz

Sie hat für Max einen direkten Therapieansatz gewählt. „Wir arbeiten am Symptom selbst, Stottern ist erlaubt und wird auch bewusst eingesetzt.“ Nach und nach konnten sie durch verschiedene Techniken seine Begleitsymptome abbauen. Etwa in Alltagssituationen lässt sie ihn zum Beispiel in einer Buchhandlung eine vorher durchgesprochene Bestellung aufgeben.

Wie man sich am besten verhält

Nichtsdestotrotz hat es auch unangenehme Situationen für Max gegeben. Es hänge viel vom Gegenüber ab. Sätze vervollständigen, den anderen unterbrechen, Druck machen – alles No-Gos. „Da entmündigt man nur den Sprecher“, erklärt Daniela Vielberth. Stottern sei kein Tabuthema – und vor allem keine Krankheit. Deswegen sollte man auch nicht von einer Heilung sprechen. „Den Kindern soll klar werden: Du bist gut, genau so wie du bist.“

Neue Lebenssituationen können den Sprachfluss beeinflussen

Stottern ist kein Symptom der Neuzeit. Es gibt 4000 Jahre alte Schriftstücke, die die Anzeichen der Redeflussstörung beschreiben, weiß Daniela Vielberth. Sie ist spezialisiert auf Sprachentwicklungsstörungen. In ihrer Praxis behandelt sie vor allem Kinder. Nach wie vor gebe es viele Vorurteile gegenüber Stotterern: Sie seien weniger intelligent, müssten mal richtig durchatmen und hätten obendrein psychische Probleme. Alles Humbug, so die Expertin. Bei Kindern, die stottern, gebe es keinen spezifischen Anlass. „Es gibt auch psychogen bedingtes Stottern, das tritt aber nur im Erwachsenenalter auf.“ Grundsätzlich würden Jungs häufiger als Mädchen stottern, das Verhältnis liege bei 5 zu 1. Die Sprachflussstörung könne vererbt werden. Wenn die Worte schwer über die Lippen kommen, bestehe eine Dyskoordination zwischen dem Gehirn und den peripheren Sprechwerkzeugen, wie Zunge, Kiefer und Mund. Phasenweise könne bei neuen Lebensumständen stärker auftreten, ein neuer Job könne etwa neuen Stress bedeuten. „Bis heute ist die genaue Ursache aber nicht ausreichend geklärt“, so Vielberth. Durch die richtige Logopädie kann das Stottern gänzlich nachlassen. Mittlerweile gebe es viele Stars, die offen über ihr Stottern reden. So auch etwa der „Graf von Unheilig“. Sie seien Vorbilder für junge Menschen. Merkten Eltern, dass ihr Kind Symptome hat, sollten sie sich an den Kinderarzt wenden. Dieser könne die Familie an einen staatlich anerkannten Logopäden oder Sprachheilpädagogen verweisen. Beim Googeln der Symptome sei Vorsicht geboten, es kursierten im Netz viele Falschinformationen. Vielberth empfiehlt die Seiten der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS) und des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (DBL). „Sie informieren seriös und fachlich fundiert.“ Wenn Stottern zu spät behandelt werde, könnte es wichtige Entscheidungen beeinflussen.

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