WORKSHOP VON AHMAD MANSOUR

Mansour vermittelt Werte

Ahmad Mansour(rechts) und Ylmaz Atmaca (links) zeigen in dem Workshop einen Ehestreit. Thomae

Die Berufsschule Rosenheim steht in Sachen Integration an vorderster Front, versucht man doch dort in den sogenannten Berufsintegrationsklassen diejenigen Asylbewerber, die zwischen 16 und 25 Jahre alt sind, fit für ein gut eingefügtes Leben in Deutschland zu machen.

Rosenheim – Dabei geht es auch um die Sprache, vor allem aber ums Vermitteln der Werte und der großen Leitlinien im Leben. Gerade hier ist man immer auf der Suche nach neuen, besseren Konzepten. Gerne nahm die Schule deshalb das Angebot des bayerischen Kultusministeriums an, den Psychologen Ahmad Mansour und sein Team zu einem zweiteiligen Workshop einzuladen.

Ahmad Mansour, gebürtig in Israel und seit 2004 in Deutschland, ist nicht nur als Workshop-Leiter, sondern auch als Buchautor bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Integration bedeutet für ihn, sich ohne Wenn und Aber zu den im Grundgesetz festgeschriebenen Werten dieser Gesellschaft zu bekennen. Wer hier dazugehören will, muss alle Ansichten und Wertvorstellungen, die der Gemeinschaft widersprechen, ablegen. Und es gelte, so meint Ahmad Mansour, diese Voraussetzung auch unmissverständlich klar zu machen.

Mansour will bei der Integration helfen

Allerdings – und dies ist ihm keinen Deut weniger wichtig als die genannten Forderungen – ist er überzeugt, dass man bei der Integration helfen muss. Alleine sei sie kaum zu schaffen, schließlich gehe es um nicht mehr und nicht weniger als um eine Neuerfindung der eigenen Person: Es sind Denk– und Sichtweisen aufzugeben, die man seit der Kindheit aufgesogen hat, die so tief in einem drin stecken, dass sie zu einem Teil des Ichs geworden sind.

Die Mittel, die Mansour anwendet, sind im Grunde genau die, die man immer einsetzt, wenn es ums Loswerden altgewohnter Verhaltensweisen geht. Am Anfang steht, dass man sich des eigenen Verhaltens überhaupt erst einmal bewusst wird, es quasi wie von außen sehen kann. Deshalb arbeitet man in den Workshops mit Rollenspielen.

Das Team führt Szenen vor, bei denen man davon ausgehen kann, dass die jungen Leute sie aus eigener Erfahrung kennen. Etwa den Vater, der seinem Sohn vorhält, dass er auf ihn nicht stolz sein kann, dass er eine Schande für die ganze Familie ist, weil er nur am Handy zockt anstatt sich um eine Arbeit zu bemühen. Im nächsten Schritt kommt dann die Frage, was läuft hier falsch, was könnten die Beteiligten besser machen.

Überraschend zu sehen war, wie viel die jungen Leute schon von ihrer neuen Gesellschaft angenommen haben, in der die meisten erst seit drei, vier Jahren leben. Unter den 23 Teilnehmern aus den verschiedensten Ländern, von Afghanistan bis Afrika, war man sich einig: Der Vater ist im Unrecht, er dürfte nicht nur toben, müsse versuchen herauszufinden, warum sich der Sohn zu Hause hinterm Handy verschanzt. Allerdings zeigte sich bei den folgenden Rollenspielen, bei denen es dann immer mehr ans Eingemachte ging, dass diese Aufgeklärtheit noch brüchig ist: Wenn der Vater aus allen Wolken fällt und seinen Sohn vor die Tür setzt, weil dieser ihm gesteht, dass er eine Deutsche heiraten möchte, ist für die Teilnehmer plötzlich nicht mehr so klar, wer nun recht hat.

Zweiter Workshop für November geplant

Andererseits ist die Sache auch nicht mehr wirklich einfach: für die deutschen Zuhörer, also die Lehrer der Schüler, wurde beim Rollenspiel mit einem Mal deutlich, dass die Argumente des Vaters so unverständlich nicht sind. Man kann nachvollziehen, dass er Angst davor hat, von nun an nicht mehr nur in der Arbeit mit der deutschen Sprache kämpfen zu müssen, sondern auch im heimischen Umfeld, das ihm doch eigentlich Rückzug und Sicherheit bieten sollte.

Mansour belässt es bei der Diskussion nach dem Spiel aber nicht bei einem verständnisvollen „sowohl als auch“. Er versucht, den jungen Leuten in eindringlichen Worten klarzumachen, dass man den Vater wohl verstehen kann, dass es aber nichtsdestotrotz bei solchen Problemen allein um ihr Leben geht, nicht um das des Vaters, und dass sie sich deshalb hier wie bei allen anderen Lebensentscheidungen vor falscher Rücksichtnahme auf elterliche oder religiöse Autoritäten lösen müssen. Bei solchen Aussagen scheint es besonders wichtig, dass alle in Mansours Team einen, wie es so schön heißt, Migrationshintergrund haben: „Die Leute“, so Ahmad Mansour, „sehen: wir schauen aus wie sie, wir haben manchmal sogar einen ähnlichen Akzent wie sie – da nehmen sie uns ab, dass wir ähnliche Erlebnisse hatten wie sie und dass wir das, wovon wir sprechen, aus eigener Erfahrung kennen“.

Knallharte Arbeit für alle Beteiligten

Das wird vor allem im zweiten Teil des Workshops wichtig, der im November stattfinden soll. Dann wird es um heiklere, weil politische Fragen gehen: um Antisemitismus, Islamismus letztendlich um Fanatismus in jeder Form. Für Ahmad Mansour steckt oft auch Angst dahinter: Jemand, dessen Leben bislang vor allem von Unsicherheit geprägt war, sucht mit aller Macht nach Klarheit, nach festen Strukturen und Regeln, die Halt geben. Und findet diese naturgemäß leichter im Umfeld des eigenen Kulturkreises als in einer neuen, noch gänzlich fremden Gesellschaft. Hier, so hofft Mansour, kann sein nicht-deutsches Team positive Identifikationsfiguren entgegensetzen: Da sind welche, die es geschafft haben. Man kann also in der neuen Heimat aufgehen, kann dort akzeptiert werden, ohne seine Herkunft verleugnen zu müssen. Mehr als solche Impulse zu geben, das weiß Ahmad Mansour, kann er in seinen Workshops nicht. Die Berufsschullehrer werden versuchen, daran anzuknüpfen, und unterm Strich komme man so Schritt für Schritt voran: Integration, ist ein mühseliges Geschäft und knallharte Arbeit – für alle Beteiligten.

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