VIELE KURSE SIND AUSGEFALLEN

Lockdown in den Rosenheimer Bädern: Experten fürchten einen „Jahrgang der Nichtschwimmer“

Mit Handschuh und Boje: Die Rosenheimer Schwimmgruppe um Hermann Spensberger verlegt ihr Training aufgrund von Corona in den eiskalten Simssee.
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Mit Handschuh und Boje: Die Rosenheimer Schwimmgruppe um Hermann Spensberger verlegt ihr Training aufgrund von Corona in den eiskalten Simssee.
  • Korbinian Sautter
    vonKorbinian Sautter
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Als „äußerst kritischen Zustand“ bewertet Michael Förster, Sprecher der Deutschen Leben-Rettungs-Gesellschaft, die Tatsache, dass aufgrund der Corona-Pandemie viele Kinder in den vergangenen Monaten nicht schwimmen lernen konnten. Eine Einschätzung, der Experten aus Rosenheim nur beipflichten können.

Rosenheim – Ein eiskalter Wind, 3,8 Grad Wassertemperatur und eine leichte Schnee- und Eisschicht auf den Seen im Landkreis: Für eine Gruppe Rosenheimer Schwimmer kein Grund, um nicht mehrmals in der Woche im Simssee zu trainieren. Wegen der geschlossenen Hallenbäder versuchen sie im Freiwasser, ihre Leidenschaft weiter auszuleben. Doch nicht alle Schwimmer können in die freie Natur ausweichen. Während sich die fünf Rosenheimer damit über Wasser halten, befürchtet man in den Rosenheimer Bädern und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) die Entstehung einer Generation der Nichtschwimmer.

Winterschwimmen im kalten Simssee

„Wir haben unsere Hemmschwelle systematisch nach unten geschraubt“ berichtet Dr. Hermann Spensberger. Er ist der Leiter der Gruppe, die versucht, draußen ein coronakonformes Training zu ermöglichen. Ausgestattet mit Neoprenanzug, Handschuhen, Socken, Kappe und Schwimmboje geht es für rund 40 Minuten ins kühle Freiwasser. Länger wäre zu gefährlich. Dabei achtet die Gruppe sowohl im als auch am Wasser immer auf den nötigen Abstand.

Dieser lässt sich laut Spensberger im Freien problemlos einhalten. Gleich mehrmals in der Woche wird daran gearbeitet, nicht in Trainingsrückstand zu geraten. Auch wenn die Schwimmerfahrenen damit auf ihre Kilometer kommen, warnt der Rosenheimer Freizeitathlet davor, es gerade am Anfang mit dem Eisschwimmen zu übertreiben. „Wir haben uns selbst erst einmal von 14 Grad im Oktober Stück für Stück an die Kälte gewöhnt. Die Gefahr, dass man gerade als Anfänger zu schnell auskühlt, ist durchaus gegeben.“

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Dass die Rosenheimer Schwimmgruppe überhaupt im Januar in den See springt, liegt an den coronabedingt geschlossenen Hallenbädern. „Ein äußerst kritischer Zustand“, meint Michael Förster, der Pressesprecher der Deutschen Leben-Rettungs-Gesellschaft Bayern. „Es ist absolut hinrissig, wenn man sich vorstellt, dass ein ganzer Jahrgang einfach nicht Schwimmen lernen kann.“ Rund 100 000 Kinder in Bayern sind laut einer Hochrechnung der DLRG von der dauerhaften Schließung betroffen. Gepaart mit sanierungsbedürftigen Bädern und dem erwarteten Andrang nach Wiedereröffnung, sei das nicht mehr kurzfristig aufzuholen.

Förster befürchtet langfristig mehr Rettungseinsätze

Förster befürchtet, dass es langfristig zu mehr Einsätzen kommen wird, bei denen ungeübte Schwimmer Badeunfälle verursachen. Auch ein gewisses Stück Lebensqualität gehe verloren, wenn man das Schwimmen nicht erlenen kann. Die DLRG Bayern fordert daher, die Hallenbäder so früh wie möglich zu öffnen und bei Übergang auf die Freibadsaison mit exklusiven Zeiten die Ausbildung von Schwimmanfängern zu fördern.

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Dass es in Rosenheim bereits seit dem ersten Lockdown einen Rückstau mit den Schwimmkursen gibt, kann Verena Neher bestätigen. Sie ist Geschäftsleiterin der Schwimmschule Wassermäuse, deren Standort am Rosenheimer RoMed Klinikum im Frühjahr schließen musste und aufgrund der zu hohen Sanierungsosten wohl gar nicht erst wieder öffnen wird. Ihre Schwimmkursleiter aus Rosenheim werden dann in zwei Bädern in Bad Feilnbach im Einsatz sein, sobald es eben wieder ginge. „Wir haben eine Reduktion unseres Angebots um 72 Prozent und jetzt schon sehr lange Wartelisten“, berichtet Neher.

Begrenzte Hallen- und Wasserzeiten

Alle verpasste wieder aufzuholen wird auch für Jonas Droste nicht möglich sein. Der Leiter der Kindersportschule TSV 1860 Rosenheim ahnt, dass er aufgrund der begrenzten Hallen- und Wasserzeiten dem Andrang nicht gerecht werden kann. „Wenn man wieder Kurse geben kann, wird man uns wahrscheinlich die Bude einrennen.“

Freiwasser bleibt einzige Alternative

So bleibt derzeit für alle Beteiligten nur abzuwarten, bis die seit März anhaltende Durststrecke ein Ende hat. Während Förster und Neher hoffen, die steigende Anzahl an Nichtschimmern dann etwas einbremsen zu können, will Droste seine Mitarbeiter endlich aus der Kurzarbeit holen. Spensberger fiebert mit seiner Gruppe bereits auf die Eröffnung der Freibäder hin. Bis dahin bleibt für ihn und seine Gruppe der Simsee die einzige, kalte Alternative.

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