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Weihnachten für Leib und Seele

Bis zur Corona-Pandemie: Leiter der Rosenheimer „Leibspeise“ kocht seit 20 Jahren für Bedürftige auf

In ihrem Element: Peter und Kornelia Kaiser verteilen das Essen an die Bedürftigen
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In ihrem Element: Peter und Kornelia Kaiser verteilen das Essen an die Bedürftigen
  • Korbinian Sautter
    VonKorbinian Sautter
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Es ist Heiligabend, die Sonne geht unter und im großen Saal des Pfarrzentrums Heilig Blut gehen die Lichter an. Ein Mann steht seit Stunden in der Küche, die weiße Schürze ist mit Flecken überdeckt, die grauen Haare spitzeln unter der Kochmütze hervor.

Rosenheim - Pastor Peter Kaiser richtet seinen Blick nach oben auf die tickende Wanduhr: Halb Fünf - die ersten Gäste müssten bald da sein. Der Schweinsbraten ist seit über zwölf Stunden im Ofen, die Knödel schwimmen im siedenden Wasser und die Tische sind gedeckt: Alles ist bereit für das traditionelle Weihnachtsessen der Rosenheimer „Leibspeise“.

„Wirklich jeder ist bei uns willkommen“

Seit rund 20 Jahren lädt Kaiser Bedürftige aus der Region ein, um „über Heiligabend rüberzukommen“. Mit 15 einsamen Menschen und einem Suppentopf in der Mitte begann die Aktion des gemeinnützigen Vereins. Seitdem ist der spezielle Abend stetig gewachsen und hat nicht nur immer mehr Teilnehmer sondern auch zahlreiche lokale Sponsoren dazugewonnen. Der bisherige Höhepunkt: Rund 85 Einwohner aus dem Landkreis, die sich 2019 im Aisinger Pfarrsaal trafen, um gemeinsam mit dem Rosenheimer Pastor und seinem Team ein ganz besonderes Weihnachten zu feiern. „Wirklich jeder ist bei uns willkommen“, betont der 79-Jährige und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, als er anfängt, von zahlreichen Anekdoten und verschiedenen Rollen zu erzählen, in die er im Laufe von Heiligabend schlüpft.

Gast und Helfer am Buffet: Richard Bücker freut sich über das Festmahl

„Wenn das Essen vorbereitet ist, tausche ich die Schürze gegen meinen Anzug und werde vom Koch zum Pastor.“ Auf dem Weg in den Saal kam ihm einmal ein Gast entgegen, den er als „Koch“ eine halbe Stunde vorher bereits begrüßt hatte. „Grüß Gott, Herr Kaiser, wir haben uns ja noch gar nicht gesehen“, sagte der Mann, der den Gastgeber im neuen Gewand nicht wiedererkannte.

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Das ist nur eine Geschichte aus der reichhaltigen Sammlung des Rosenheimers. Zu vielschichtig seien die Eindrücke, die man mit so vielen bunt zusammengewürfelten Menschen erlebt, sagt er. Von obdachlosen Einzelgängern, über vereinsamte Witwer bis hin zu entlassenen Straftätern ist alles dabei. „Einmal kam ein Rosenheimer mitten in der Nacht, weil er sich zu Hause mit seiner Frau gestritten hat“, erzählt Kaiser. Kurzerhand nahm er auch diesen späten Gast in den versammelten Kreis auf.

Vom Prediger zum Kellner

Sie alle bekommen ein über die Jahre ausgefeiltes Programm der „Leibspeise“ geboten, dass der Rosenheimer gemeinsam mit seiner Frau Kornelia ausgetüftelt hat. „Ein guter Plan muss sein, um den Menschen etwas an die Hand zu geben, das sie über den ganzen Abend bringt“, meint Kaiser. Das beginnt um 17 Uhr mit Kaffee trinken und geht nahtlos über in den Gottesdienst, den der Pastor natürlich selbst zelebriert. Die Weihnachtsgeschichte muss dabei nicht neu erfunden werden, was Kaiser jedoch nicht davon abhält, immer wieder neue Botschaften darin zu verpacken. So gibt es für die Teilnehmer, die teilweise seit zwanzig Jahre dabei sind, möglichst immer eine neue Facette.

„Bei uns wird jeder satt“: Lange vor dem Weihnachtsessen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Anschließend schlüpft der Pastor wieder in eine neue Rolle und wird vom Prediger zum Kellner. „Ich versorge die Leute mit einem Fünf-Gänge-Menü und frage mich jedes Mal, wo die das alles hin essen“, scherzt der Rosenheimer. Gerade Fleischgerichte, die sich nicht jeder leisten kann, seien beliebt. Wenn der Schweinsbraten aus dem Ofen kommt, werden der Erfahrung nach auch gerne einmal fünf bis sechs Portionen pro Person vertilgt.

„Ein wahres Weihnachtswunder“

Bisher seien jedoch immer alle satt geworden, was der 79-Jährige nicht zuletzt auf seine eingespielte Organisation zurückführt. Schon gut einen Monat vorher plant das zwanzigköpfige Team der „Leibspeise“ den alljährlichen Höhepunkt. Bei der Hilfe an Heiligabend sortiert Kaiser streng aus. „Wer eine eigene Familie hat, kommt direkt runter von der Liste“, betont er im strengen Tonfall. Übrig blieben oft eine gute Handvoll Helfer, die am Tag vorher alles herrichten, beim Fest die Versorgung übernehmen und am 25. Dezember die Spuren der laut Kaiser „eingeschlagenen Bombe“ beseitigen.

In Zusammenhang mit den helfenden Händen fällt dem Leiter der „Leibspeise“ eine weitere rührende Weihnachtsgeschichte ein. „Meiner Frau Kornelia, die mir immer zur Seite steht, ging es am Weihnachtsabend plötzlich sehr schlecht und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, als plötzlich zwei junge Leute vor dem Pfarrsaal standen.“ Die beiden hatten von der Aktion zufällig mitbekommen und fragten, ob sie denn nicht irgendwie helfen könnten. Durch die unverhoffte Unterstützung konnte sich der Rosenheimer Pastor ein wenig Luft verschaffen, seine Frau versorgen und nach Hause bringen. Pünktlich zur Essensausgabe war er wieder in Aising - „Ein wahres Weihnachtswunder“.

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Sind alle Gäste satt, vollzieht Kaiser die nächste Wandlung und wird vom Kellner zum Unterhalter. Es werden Spiele gespielt, Kekse gegessen und Gespräche geführt, während über einen Projektor Bilder von früheren Treffen über die Wand flimmern. Es entsteht eine gemeinschaftliche Atmosphäre, die laut dem 79-Jährigen viele Teilnehmer die Zeit vergessen lässt. „Einige betonen direkt am Anfang, dass sie nur zum Essen kommen. Plötzlich ist es dann 1 Uhr morgens und sie sitzen immer noch da und spielen Kniffel.“

Durch den Schnee Richtung Wendelstein

Für den Organisator ist das ein Zeichen, dass seine Idee funktioniert und mit einfachen, aber klaren Regeln ohne große Zwischenfälle auskommt. „Natürlich gibt es immer mal wieder Situationen, in der sich Leute in den Vordergrund spielen wollen oder gegen das strikte Alkoholverbot verstoßen.“ Mit seiner zwanzigjährigen Erfahrung hat der Pastor jedoch einen „geschärften Sinn“ und erstickt sämtliche Spannungen freundlich aber bestimmt im Keim. „Die Menschen schauen ganz genau, wie ich reagiere, wenn einer eine Flasche Wodka auf den Tisch stellt“, erinnert sich Kaiser an ein weiteres seiner Erlebnisse. „Da muss ich dann sofort die Grenzen aufzeigen.“

Die Feste gingen demnach bisher immer friedlich bis in die frühen Morgenstunden, bis Kaiser seine letzte Rolle des Abends antritt – die des Busfahrers . Gegen 3 Uhr bringt er die Gäste, die nicht direkt in der Umgebung wohnen, mit dem Van der „Leibspeise“ nach Hause. Was zunächst völlig unspektakulär klingt, entpuppte sich eines Abends wieder als Abenteuer. „Eine Mutter fragte, ob ich Sie mit nach Brannenburg nehmen kann“, erzählt Kaiser. „Dort angekommen schickte sie mich plötzlich in eine Straße, die hinauf zum Wendelstein führte.“

Ungläubig fragte der Chauffeur, ob sich die Dame denn sicher sei. Wie sich herausstellte, wohnten die beiden jedoch tatsächlich auf einem Hof in der Nähe des Wendelsteins. Also fuhr der Pastor die engen Kurven durch den Schnee nach oben und kämpfte sich mit dem Achtsitzer anschließend wieder herab. Mehr als einmal sei sich der Rosenheimer dabei nicht sicher gewesen, ob er nicht jeden Moment stecken bleibt. „Im kommenden Jahr war die Mutter wieder da und sagte mir, dass sie umgezogen sei, da war ich fast ein bisschen enttäuscht“, scherzt Kaiser.

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Wenn man den Chef der „Leibspeise“ fragt, ob er denn nicht das eigene Weihnachtsfest vermissen würde, schaut Kaiser einen ungläubig an. „Das ist mein Weihnachten“, betont er. All diese Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisse mit Menschen zu erleben, die sonst ein einsames, trauriges Fest hätten, sei für ihn das größte Geschenk. Und so fährt Kaiser, wenn er alle sicher nach Hause gebracht hat, glücklich zurück und genießt den Weg über die einsamen Straßen. Bei einem Blick auf die verlassene, dunkle Landschaft um ihn herum denkt er noch einmal an alles, was an dem Abend passiert ist und freut sich darauf, viele bekannte Gesichter im kommenden Jahr wieder begrüßen zu dürfen.

Kein Weihnachtsessen während Corona – Kaiser bietet Telefonseelsorge

Aufgrund der Corona-Pandemie war Peter Kaiser dazu gezwungen, sein alljährliches Weihnachtsfest abzusagen. Anstatt aber „faul rumzusitzen“ wollte er weiterhin für alle da sein, die seine Hilfe brauchen und richtete eine Telefonseelsorge ein. Unter dem Motto „gemeinsam statt einsam“ war der Pastor an Weihnachten 2020 für jeden erreichbar, der jemanden zum Reden brauchte. Auch in diesem Jahr kann sich jeder, egal ob an Heiligabend oder in den kommenden Tagen, unter der 08031/9003325 oder 08031/9003327 beziehungsweise unter 0172/8526034 bei ihm melden.

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