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„Trinkwasserspender mit drei Figuren“

Laut, aufsässig und fordernd: Das steckt hinter den Bronzekindern vor der Grundschule Happing

Die Stephanskirchner Bildhauerin Erika Maria Lankes schuf 1993 die Bronzegruppe „Die drei Freunde aus der Klasse 5a“, kurz auch „Die Drei“ genannt, für die Grundschule Happing.
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Die Stephanskirchner Bildhauerin Erika Maria Lankes schuf 1993 die Bronzegruppe „Die drei Freunde aus der Klasse 5a“, kurz auch „Die Drei“ genannt, für die Grundschule Happing.
  • VonEvelyn Frick
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Drei zerklüftete Bronzekinder stehen auf einem hohen, mit roten Klinkerfliesen verkleideten Sockel. Warum da oben, fragt man sich? Die Drei wirken wie Schiffbrüchige, die sich auf eine Klippe gerettet haben, und das auf dem Hof der Grundschule Happing.

Rosenheim – Auflösung bietet die Beschreibung im Werkverzeichnis von Erika Maria Lankes, die dieses Gesamtkunstwerk im Jahr 1993 geschaffen hat. Als „Trinkwasserspender mit drei Figuren“ wird es hier bezeichnet. Das kann man als Understatement oder Ironie auslegen, in der Tat bietet der Sockel einen Wasserauslass. Die Frage bleibt aber, ob man das nicht auch anders hätte lösen können.

Farbliche Innengestaltung übernehmen

1991 kamen bei einer Ausstellungseröffnung in Rosenheim die Rektorin Christine Neumaier und Helmut Cybulska, damals Leiter des Hochbauamtes, auf Erika Maria Lankes zu und fragten sie, ob sie nicht die farbliche Innengestaltung des Erweiterungsbaus der Grundschule Happing übernehmen möchte. Ein Kunstwerk für die Schule sollte ebenfalls Teil des Auftrags sein. Die Künstlerin sagte zu.

1968 das Polyester für sich entdeckt

Mit Figuren von Menschen, bevorzugt ganz normalen Leuten, wie sie uns im Alltag begegnen, beschäftigt sich Erika Maria Lankes seit Anfang der 1970er Jahre. Gerne arrangiert sie die Dargestellten zu Gruppen, setzt sie zueinander in Beziehung.

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Seit sie 1968 das Material Polyester für sich entdeckte, das sie durch seine Künstlichkeit, aber auch durch die Möglichkeit fasziniert, damit den Menschen mit seiner Haut und der Farbigkeit seiner Erscheinung wiedergeben zu können, entstanden realistische Plastiken. Kinder als Einzelfiguren, wie „Eva K.“ (1973), oder in einer Fünfergruppe, wie die „Schülergruppe an der Ampel“ (1977 bis 1979), markieren wichtige künstlerische Schritte.

Widerstandfähigeres Bronze

Nun also eine Dreiergruppe von Schulkindern für die Grundschule Happing. Da die Plastik im Hof aufgestellt werden soll, scheidet Polyester als Material aus. Es wäre viel zu empfindlich. Deshalb die Entscheidung für die widerstandsfähige Bronze, die die Künstlerin aber nicht liebt.

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Das Material ist ihr zu wertvoll, zu historisch betont und zu wenig farblich. Konsequenterweise wurde die Bronzegruppe farbig gefasst, doch die Farbe hielt der Witterung nicht stand und musste entfernt werden. Seither stehen die drei Schulkinder in dunklem Bronzeton auf ihrem ziegelroten Sockel.

Laut, aufsässig unf fordernd

Ihre Wirkung kann die Skulptur jetzt nicht aus der Farbe erzeugen. Sie kann nur durch die Gestaltung, die schrundige Struktur und das Gestische der Kinder wirken. Doch das kann sie sehr gut. Die Drei auf ihrem Trinkwasserspender sind laut, aufsässig, fordernd. Der große Junge „Lukas“ in der Mitte hat den Mund zum Ruf geöffnet, beide Arme gehen nach unten, die rechte Hand ist zur Faust geballt. Seine Freundin „Veronika“ schmiegt sich eng an seine linke Seite. Der kleine Bub links hat seine Arme zur Seite erhoben und steht schutzsuchend hinter dem großen Jungen.

Aussagen zu Politik und Zeitgeschehen

Erika Maria Lankes will nie nur einfach Menschen abbilden, sie „schön“ wiedergeben. Sie sieht ihre Plastiken auch als Aussagen zu Politik und Zeitgeschehen. Immer wieder setzt sie sich mit ihrem persönlichen Trauma, der Flucht als Fünfjährige mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern aus Braunau im nordböhmischen Sudetenland in den Bayerischen Wald, auseinander. Kein Wunder, dass das Thema „Flüchtlinge“ ihr Werk durchzieht.

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In der Happinger-Schülergruppe verkörpert der kleine Junge dieses Fremdsein, fern der Heimat sein. Die Künstlerin nennt ihn „Selim“, ein arabischer Name. Man assoziiert dazu die Balkankriege Anfang der 1990er Jahre, als zahlreiche muslimische Familien mit ihren Kindern aus Bosnien zu uns flüchteten. Ob der heutige Betrachter allerdings den kleinen Selim als solchen erkennt, ist schwer zu sagen.

Unterschied: eigener Sockel

Die Happinger Schülergruppe gibt es noch zwei weitere Mal, in Polyester (1993 bis 1995) und in Aluminiumguss (1999), der sich farbig bemalen lässt. Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings. Der kleine Selim erhielt in diesen beiden Abformungen einen eigenen Sockel und kann nun unabhängig von den beiden großen Kindern vor oder neben ihnen stehen. Seine Rolle wurde dadurch deutlich aufgewertet.

Ergänzendes Zitat von Hermann Hesse

Ergänzt wird die Gruppe durch ein Zitat aus Hermann Hesses „Demian“: „Wo befreundete Wege zusammenlaufen, sieht die ganze Welt wie Heimat aus.“ Der beliebte Kalenderspruch zieht sich als rotes Band von den drei Schülern in den Eingangsbereich der Schule und lädt zum Betreten ein.

Erika Maria Lankes, 1940 in Waldenburg/Schlesien geboren, wuchs ab 1949 im niederbayerischen Pilsting auf. Von 1959 bis 1964 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste München Malerei bei Charles Crodel und Bildhauerei bei Heinrich Kirchner. 1963 bzw. 1966 legte sie das erste und zweite Staatsexamen für Kunsterziehung ab und arbeitete bis 1978 in diesem Beruf.

1966 heiratete sie Franz Lankes (1915 Viechtach bis 2003 Stephanskirchen), der von 1962 bis 1978 als Kunsterzieher am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim eine ganze Generation prägte. Das Künstlerpaar fand in seinem Haus in Landl in der Gemeinde Stephanskirchen den idealen Kreativort für sein vielfältiges Schaffen.

Als Vertreterin des Expressiven Realismus beschäftigt sich Erika Maria Lankes in ihren Bildern und Plastiken mit dem Menschen in seiner Verletzlichkeit. Für ihr mahnendes Werk erhielt die Bildhauerin, die seit 1968 ausstellt, zahlreiche Preise (1971 Goldmedaille für Kunstkeramik Faenza/Italien, 1981 Förderpreis der Stadt Rosenheim, 2000 Kunstpreis der Stadt Traunreut, 2002 Sudetendeutscher Kulturpreis, 2003 Kulturpreis der Stadt Rosenheim, 2004 Oberbayerischer Kulturpreis).

„Die drei Freunde aus der Klasse 5a“, Trinkwasserspender aus Klinkermauerwerk mit drei Figuren, Bronze, 1993, Höhe 160 Zentimeter, Breite 128 Zentimeter, Tiefe 80 Zentimeter; gesamt Höhe 265 Zentimeter, Breite 120 Zentimeter, Tiefe 90 Zentimeter; Grundschule Happing, Eichenholzstraße 1, Rosenheim

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