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Kurzarbeit droht

Folgen des Ukraine-Kriegs erreichen Firmen in Rosenheim

Die Fahrzeugindustrie produziert aufgrund fehlender Teile kaum noch. Damit gibt es für den Großteil der Mitarbeiter bei Diebald Lackierungen ab Mitte März erstmal nichts zu tun. re
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Die Fahrzeugindustrie produziert aufgrund fehlender Teile kaum noch. Damit gibt es für den Großteil der Mitarbeiter bei Diebald Lackierungen ab Mitte März erstmal nichts zu tun. re
  • Sylvia Hampel
    VonSylvia Hampel
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Wenn der Fahrzeugbauer keine Fahrzeuge baut, hat der Lackierer nichts zu lackieren. Deshalb schickt der Rosenheimer Unternehmer Richard Diebald jetzt erstmal einen Großteil seiner Leute in den Überstundenabbau. Und dann vermutlich in die Kurzarbeit. Schuld ist der Krieg in der Ukraine.

Rosenheim – Der Krieg ist in Rosenheim angekommen. Am Montag, 14. März, schließt Richard Diebald große Bereiche seines Unternehmens. „Nicht, weil die Nachfrage schlecht ist. Im Gegenteil. Aber es fehlen Teile.“ Denn ohne Kabelbäume keine Lackierungen. Und die Kabelbäume für die deutsche Fahrzeugindustrie werden fast ausschließlich in der Ukraine hergestellt.

Jahresplanung? Die ist ohnehin schon komplett über den Haufen geworfen. Aktuell kann Richard Diebald, Chef einer Firma für Lackierungen mit rund 300 Mitarbeitern, nicht einmal für fünf Tage planen. Am Dienstag-Vormittag war der Plan für die Woche noch voll. Am frühen Nachmittag war der Freitag leer.

Mitarbeiter sollen Überstunden abbauen

Diebald fasste den Entschluss, ganz große Teile seiner Firma – all die, die für die Fahrzeugindustrie arbeiten – ab 14. März für vorerst zwei Wochen zu schließen. „Aber das wird wohl nicht reichen“, befürchtet er. Zunächst einmal sollen seine Leute Überstunden abbauen, eventuell den einen oder anderen Tag Urlaub nehmen. Und wenn das nicht reicht?

Richard Diebald befürchtet, dass er Ende März weit mehr als die Hälfte seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken muss, weil Bauteile aus der Ukraine fehlen.

„Dann müssen wir Kurzarbeit für mindestens die Hälfte unserer Mitarbeiter anmelden“, sagt Diebald. „Das tun wir sehr ungern, denn wir haben sehr loyale Mitarbeiter, die mit uns durch dick und dünn gehen. Und die brauchen auch ihr Geld.“

Leid tut es ihm auch für die Zeitarbeiter, die er derzeit nicht beschäftigen kann. „Die werden wir aber ganz schnell wieder brauchen, wenn die Lage bereinigt ist“, denn dann gebe es einen riesigen Rückstau an Aufträgen, „dann geht es über unsere Kapazitätsgrenzen.“

Erst Pandemie mit immer wieder gerissenen Lieferketten – „das war schon schwierig, aber wir haben es geschafft ohne Corona-Hilfe zu beantragen“ – und danach der Aufschwung seit Herbst 2021, der sich zu einem Boom entwickelte und Diebalds Mitarbeitern gut gefüllte Überstundenkonten brachte.

Ungutes Gefühl schon seit Monaten

Und nun das. Wobei: „Ich hatte schon im Herbst ein ungutes Bauchgefühl, habe das auch den Partnern in der Fahrzeugindustrie immer wieder gesagt“, erzählt Diebald. Ende Februar kamen dann die ersten Meldungen, dass es eng wird. Leoni, der größte Produzent von Kabelbäumen, schickte seine 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ukraine nach Hause. Sie sollten sich in Sicherheit bringen.

Das trifft die gesamte Fahrzeugindustrie, in der laut Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz allein in Deutschland rund 820 000 Menschen arbeiten (Stand 2020). Denn: „Ohne Kabelbäume kannst Du kein Fahrzeug produzieren. Die kannst Du auch nicht nachrüsten.“ Und wenn MAN keine Nutzfahrzeuge baut, haben Diebalds Leute nichts zu lackieren.

Feuerwehrhelme werden weiter lackiert

Außer denen, die pro Jahr rund 100 000 Feuerwehrhelme lackieren. Der Teil des Betriebs läuft weiter. Aber selbst bei den Landmaschinen, die Diebalds Leute grün lackieren, gehen die Stückzahlen zurück. Denn die ganz großen Schlepper, die werden hier in Deutschland, in Mitteleuropa nicht gebraucht. „Die brauchst Du da, wo Du auf dem Feld mal zwei Stunden am Stück geradeaus fährst“. In der Ukraine und in Russland.

Gerissene Lieferketten oder Sanktionen

Viele Betriebe der Zulieferindustrie der Fahrzeugbauer sind, wie Diebald Lackierungen, mittelständische Familienunternehmen, „und die sind die Stütze der Wirtschaft “. Kommen diese Unternehmen – ob wegen gerissener Lieferketten oder aufgrund der Sanktionen – ins Schlingern, trifft das nach Diebalds Ansicht die gesamte deutsche Wirtschaft und damit letztlich den Staat und jeden Einzelnen. Es fängt auf lokaler Ebene an: „Die sinkenden Gewerbesteuereinnahmen werden die Städte und Gemeinden spüren“, ist Diebald sicher.

Diebald bedauert es zutiefst, dass er vermutlich bald einen großen Teil seiner Belegschaft in Kurzarbeit schicken muss. Aber er steht voll hinter den Maßnahmen der Bundesregierung und der EU. Denn: „Nichts ist wichtiger, als die Demokratie. Und um die geht es gerade.“

Ganze Autoindustrie kämpft mit Problemen

Bei der IHK München und Oberbayern häufen sich die Rückmeldungen aus der Automobilindustrie, dass die Beschaffung von Rohstoffen und Fahrzeugteilen immer schwieriger bis unmöglich wird. Einige Autokonzerne, darunter BMW und MAN hätten das auch schon publik gemacht, so Florian Reil, Sprecher der IHK München und Oberbayern. „Audi hat ganz offiziell bekannt gegeben, dass sie keine Hybridautos mehr produzieren und ausliefern, weil ihnen Teile, darunter Kabelbäume, fehlen“, so Reil. Angebahnt hätte sich das Thema schon ein paar Wochen, „aber jetzt erreicht es eine ganz neue Dimension.“ Noch sei von Kurzarbeit nicht die Rede gewesen, „aber das Thema wird kommen. Wahrscheinlich schon in wenigen Tagen.“