Kurz vor dem Lockdown

Kunst trotz(t) Corona: Uschi Nicol eröffnet Kunsthandwerksladen in der Rosenheimer Altstadt

Ein kreatives Team: (von links) Uschi Nicol, Ingeborg Benninghoven und Beate Wieczorek. Für das Foto haben die drei Frauen kurz ihre Mund-Nasen-Bedeckung abgenommen. Auf den Abstand wurde trotzdem geachtet.
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Ein kreatives Team: (von links) Uschi Nicol, Ingeborg Benninghoven und Beate Wieczorek. Für das Foto haben die drei Frauen kurz ihre Mund-Nasen-Bedeckung abgenommen. Auf den Abstand wurde trotzdem geachtet.

Während der Corona-Pandemie ein Geschäft zu eröffnen – die Meisten würden dazu müde abwinken. Nicht so Uschi Nicol (54). „Jetzt oder nie“, ist ihre Devise. Vor einigen Tagen eröffnete ihr Kunsthandwerksladen in der Adlzreiterstraße 4.

Von Rebecca Seeberg

Rosenheim – Nicol ist den Rosenheimern als leidenschaftliche Ape-Fahrerin bekannt. Sie parkt meist vor der Eisdiele am Ludwigsplatz – die seltsam anmutenden Rohre auf dem Dach geben dem ohnehin schon lustigen Gefährt einen skurrilen Look. Die Ape-Fahrerin verrät nun allen Rosenheimern, die sich wunderten: Damit transportiert sie Zeltstangen für ihren Marktstand. Neben Lederarbeiten und anderen Stoffprodukten sind die bunten Röcke, die Nicol anfertigt, ihr Markenzeichen.

Absatzmarkt war plötzlich futsch

Für Künstler und Handwerker, die ihre Ware hauptsächlich auf Märkten verkaufen, brach mit der Pandemie eine schwierige Zeit an. Nicht nur der zentrale Absatzmarkt war futsch, Nicol wurde auch ihr Atelier gekündigt. Deshalb hat die Handwerkerin die Sache in die eigene Hand genommen und den kleinen Laden in der Rosenheimer Innenstadt angemietet. Den Eingangsbereich teilt sie sich mit Waffen Daurer, der auch die Räumlichkeiten an Uschi Nicol vermietet. „Diese Frau ist mit Leib und Seele dabei – das gefällt mir“, so Anton Daurer. Er setzt sich ein für den solidarischen Zusammenhalt in dieser Zeit. Deshalb zahlt Nicol seit Mittwoch mit Beginn des harten Lockdowns nur noch einen Teil der Miete – ein Trend, dem sich auch andere Vermieter in der Innenstadt angeschlossen haben.

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Gleichgesinnte fand Nicol in Ingeborg Benninghoven (65) und Beate Wieczorek (50). Gemeinsam kümmern sich die drei Frauen ums Geschäft und teilen sich die Ausstellungsfläche. Nicol ist aber offen für weitere Mitstreiter. Das Konzept des Ladens ist simpel: Jeder lokale Künstler oder Handwerker, der ausstellen möchte, zahlt Kommission an Uschi Nicol oder übernimmt Stunden, um die Kommission zu schmälern. In einem Jahr, in dem Vernissagen und Märkte abgesagt wurden, bedeutet das für die Kreativszene eine „einzigartige Möglichkeit“, so Benninghoven.

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Die im Rosenheimer Landkreis für ihre Bilder und Skulpturen bekannte Rentnerin begnügt sich nicht damit still zu sitzen und abzuwarten. Sie ist jetzt jeden Montag in der Adlzreiterstraße anzutreffen. Hier kann sich der Kunde zu reiner Seide und Wolle beraten lassen, die Beate Wieczorek für ihre Kleidung nach Maß verwendet, oder die von Nicol hergestellten Röcke anprobieren. Ihr neustes Lieblingsstück ist gerade fertig geworden – ein grau schattierter Zweiteiler mit goldenem Reißverschluss. Die Handwerkerin begann erst vor ein paar Jahren mit weicheren Materialien, wie Jersey oder Walkvlies, zu arbeiten. Sie ist gelernte Orthopädieschuhmachermeisterin, doch seitdem bei ihr 2003 Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, wurde die Arbeit mit hartem Leder immer schwieriger. Statt aufzugeben spezialisierte sich Nicol aufs Nähen. „Vorwärtsschauen“ ist ihr Motto – und so erklärt sich auch, warum diese Frau der Tat gerade jetzt einen Laden eröffnet.

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Nach den ersten Wochen Betrieb ziehen die drei Damen eine vorsichtige Bilanz: „Interesse ist da“. Der Laden macht neugierig, doch der „Corona-Anstand“ gebietet es, nicht zu lange zu verweilen, bedauert Nicol.

Lob vom Sabrina Obermoser

Sabrina Obermoser, die Geschäftsführerin des City-Mangements, begrüßt die Neueröffnung. Zwar räumt sie den „schwierigen Start“ für den Kunsthandwerksladen ein, würdigt aber das Durchhaltevermögen der Rosenheimer Kreativszene.

Seit Mittwoch ist der Einzelhandel, wie berichtet, geschlossen. Die Pandemie zwingt stillzuhalten – doch das ist nichts für Uschi Nicol. Zwar pausiert auch der Verkauf in der Adlzreiterstraße 4, doch im neuen Jahr soll es weitergehen. Bis dahin arbeiten die Handwerkerin und ihre Kolleginnen im Privaten weiter.

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