Kunst im öffentlichen Raum

Rosenheim: Tante Irmela - eine Frau, eine Idee und der entscheidende Anschub für das „Elisabeth-Block-Fenster“

Irmela Minor spendete und ermunterte die Gäste ihrer Feier zum 80. Geburtstag, das „Elisabeth-Block-Fenster“ zu unterstützen.
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Irmela Minor spendete und ermunterte die Gäste ihrer Feier zum 80. Geburtstag, das „Elisabeth-Block-Fenster“ zu unterstützen.

Ein warm leuchtendes Fenster mit Rosen und Texten, dem die neugotische Architektur eine kerzenförmige Rahmung verleiht, erinnert in der Nikolauskirche an der Südseite an Elisabeth Block, ein junges Mädchen, das im Holocaust von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Von Dr. Evelyn Frick

Rosenheim – Das „Elisabeth-Block-Fenster“ ist Teil eines Gedenkortes mit insgesamt vier Fenstern, der im Westteil der Rosenheimer Pfarrkirche nach längeren Überlegungen Gestalt annahm. Entworfen hat die Gedenkfenster, wie alle Kirchenfenster, die anlässlich der Neugestaltung 2006 in die Kirche kamen, Karl-Martin Hartmann aus Wiesbaden. Die Glashütte lieferte Lamberts in Waldsassen die Gläser und die Derix Glasstudios in Taunusstein übernahmen die Herstellung der Fenster und deren Einbau.

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Seit 2007 mahnt und erinnert das „Elisabeth-Block-Fenster“ an Elisabeth Block, ihre Familie sowie alle jüdischen Opfer der NS-Diktatur. Es ist 160 Zentimeter groß und 90 Zentimeter breit.

Den Opfern von Kriegen gewidment

Doch wie kam es zu den Gedenkfenstern? Pfarrer Andreas Zehentmair, damals Stadtpfarrer an St. Nikolaus und entscheidender Antreiber für die Neugestaltung, erklärt: „Viele Kirchenbesucher wünschten sich wieder eine Gedenkstätte für die gefallenen, vermissten und in Kriegsgefangenschaft verstorbenen Soldaten der beiden Weltkriege. Früher war die in der südlichen Seitenkapelle, doch das Neukonzept hatte den Gedenkort gestrichen. So entstand die Idee, den Soldaten ein Gedenkfenster zu widmen, das „Friedensfenster“ an der Nordseite, das die Familie Diebald stiftete. Das Fenster darüber ist den Opfern von Kriegen gewidmet.“

Wochenlange Recherchen

Pfarrer Zehentmair erzählt weiter: Als Pendant sollte an der südlichen Seite ein Gedenkfenster kommen, er beriet sich mit Karl-Martin Hartmann. Hartmann diskutierte das Thema in seiner Familie und berichtet: „Ich kann mich sehr gut erinnern mit welcher Begeisterung meine Tante, Irmela Minor aus Steinen, sich für das Andenken an Elisabeth Block einsetzte. Meine Tante war die letzten Jahre ihres Berufslebens die Leiterin der Stadtbibliothek in Oberursel – sehr belesen. Als sie von meinem Fensterprojekt erfuhr, war sie wochenlang im Internet unterwegs und recherchierte. Auch auf Grund der Vergangenheit unserer Familie war das Thema Antisemitismus und Holocaust ein sie sehr bewegendes. So stieß sie auf Elisabeth Block und der Gedanke, an sie und an die Verfolgung und Ermordung der Juden mit einem Fenster zu erinnern, ließ sie ‚loslaufen‘.“

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Über die Tagebücher der Elisabeth Block

Bei ihren Recherchen war Irmela Block 2006 auf ein Buch gestoßen, das Prof. Dr. Manfred Treml und Dr. Peter Miesbeck 1993 beim Historischen Verein Rosenheim herausgegeben hatten und das Maßstäbe setzen sollte, die Tagebücher der Elisabeth Block. Dieses Buch hatte der Shoa in Rosenheim und Umgebung ein Gesicht gegeben, das eines jungen Mädchens. Der Vorschlag von Irmela Minor, das Fenster doch Elisabeth Block und ihrer Familie zu widmen, fand bei Pfarrer Zehentmair sofort Zustimmung.

Ein Schicksal, das berührt

Elisabeth Block war Jüdin, 1923 in Niedernburg bei Prutting geboren, und besuchte die Mädchenrealschule in Rosenheim (solange sie noch zur Schule durfte). 1942 wurde sie mit ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern deportiert und später wohl in Majdanek ermordet. Ein Schicksal, das nicht nur Irmela Minor berührte.

Zahlreiche Spenden kamen zusammen

Irmela Minor nahm ab März 2006 Kontakt auf mit Peter Miesbeck, Pfarrer Zehentmair und Madlon Veronika Köpfler von der Stadtbibliothek Rosenheim. Zu dieser Beratungsgruppe gesellten sich noch Manfred Treml und die Künstler Josef Hamberger und Ludwig Gruber, die beide an der Neugestaltung von St. Nikolaus maßgeblich beteiligt waren. Im Juni 2006 stand das Konzept, aber das Geld fehlte noch. Irmela Minor spendete und ermunterte die Gäste ihrer Feier zum 80. Geburtstag, das „Elisabeth-Block-Fenster“ zu unterstützen. Ein Spendenaufruf Anfang November 2006 an die Mitglieder des Historischen Vereins sowie Privatspenden erbrachten nochmals etwas Geld. Den noch fehlenden Betrag übernahmen die Mitglieder der Pfarrgemeinde St. Nikolaus, und im Jahr darauf konnte das Fenster eingebaut werden.

Eine Erinnerung an die jüdischen Opfer der NS-Diktatur

Doch das Fenster ist nicht nur Elisabeth Block und ihrer Familie, sondern allen aus Rosenheim vertriebenen Juden und allen jüdischen Opfern der NS-Diktatur gewidmet und bildet mit dem Fenster darüber, das an die „Opfer von Gewalt“ erinnert, eine Gedenkeinheit, wie die kleine Wandtafel informiert.

Ein Zeichen für die Toleranz

Als einen der beiden Texte schlug Karl-Martin Hartmann das Gebet von Papst Johannes XXIII. vor, in dem er um eine Sinnesänderung der Christen in ihrem Verhältnis zu den Juden bittet. Der Künstler kannte das Zitat aus der Wernerkapelle in Bacharach am Rhein. Es sollte die gotische Kirchenruine, die von der Wallfahrtskapelle übriggeblieben war, die einst den „Ritualmord“ der Juden an dem jungen Werner erinnerte, zu einem „Mahnmal für einen geschwisterlichen Umgang der Religionen“ machen. Hartmann hatte sich intensiv mit der Wernerkapelle auseinandergesetzt und 2007 dort das „Rote Fenster“ installiert, um auf die problematische Historie des Bauwerks aufmerksam zu machen und ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Pfarrer Andreas Zehentmair änderte aus Aktualitätsgründen den vorletzten Satz des Originals „Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleische zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen.“ in „Vergib uns, dass wir dich in ihrem Namen ans Kreuz schlugen.“ Als zweiten Text wählte Zehentmair Psalm 13 aus.

Ohne Irmelas Beharrlichkeit hätte es das Fenster nicht gegeben

„Ich bin glücklich, dass das Gedenken für die jüdischen wie nicht-jüdischen Opfer des Nazi-Regimes einen so herausrOhne agenden Platz in unserer Pfarrkirche gefunden hat.“ Mit diesen sehr persönlichen Worten würdigt Pfarrer Andreas Maria Zach, der im Herbst 2007 die Pfarrstelle von St. Nikolaus übernahm, die Arbeit seines Vorgängers Pfarrer Andreas Zehentmair und des Künstlers Karl-Martin Hartmann. Dank gebührt auch Irmela Minor, ohne deren Beharrlichkeit es wohl kein „Elisabeth-Block-Fenster“ gegeben hätte.

Der Künstler: Karl-Martin Hartmann

Karl-Martin Hartmann, 1948 in Wiesbaden geboren, studierte Mikrobiologie in Mainz und Kunst an der Städelschule in Frankfurt am Main bei dem wegweisenden Glaskünstler Johannes Schreiter und dem Lithografen Christian Kruck. Der Gestalter von Glasfenstern wurde vor allem durch seine Entwürfe für Kirchenfenster bekannt, wie für Kloster Gerleve in Billerbeck (1989), St. Martinus in Greven (1989), die Heilig-Geist-Kirche in Düsseldorf (1998) und die Marktkirche in Wiesbaden (2012). Hauptwerke des farbfreudigen Künstlers sind die Fenster für St. Nicolai in Kalkar (1998 bis 2020) und St. Nikolaus in Rosenheim (2002 bis 2006). Hartmanns „Rote Glasstelen für Toleranz“ wurden seit 1994 weltweit aufgestellt. 2010 gestaltete der Wiesbadener in Bad Reichenhall die Gedenkstätte für die Opfer der 2006 eingestürzten Eislaufhalle.

Der Künstler hinter dem Fenster: Karl-Martin Hartmann. © Karl-Martin Hartmann

„Tante Irmela“: Irmela Minor

Irmela Minor wurde 1926 in Kiel geboren und starb 2018 im badischen Steinen. Die Tochter des Arztes und evangelischen Pastors Dr. med. Walter Minor und seiner Frau Gertrud überbrückte mit einer Ausbildung zur Erzieherin die Wartezeit für ihren Wunschberuf Diplom-Bibliothekarin. Nach ersten Erfahrungen in Kinderbüchereien leitete sie von 1962 bis 1986 die Stadtbücherei von Oberursel im Taunus. Durch ihre Freundschaft mit dem in London lebenden jüdischen Ehepaar Dr. Michael und Ruth Tennenhaus, die drei verband die Leidenschaft für „Brass Rubbing“, dem Durchreiben historischer Messinggrabplatten auf Papier, beschäftigte sich Irmela Minor intensiv mit dem Thema der Judenverfolgung. 2001 veröffentlichte die Bibliothekarin die Biografie von Wilhelmine Magdeburg, die 1832 in Wiesbaden eine Schule für höhere Töchter gegründet hatte.

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