Was an Kunst geblieben ist: Radltour auf dem Gelände der Landesgartenschau 2010

Eine Radtour zu Kunstobjekten auf dem Landesgartenschaugelände.Klinger

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Landesgartenschau (LGS) in Rosenheim über eine Million Besucher bezauberte. Grund genug, einmal nachzuspüren, welche Kunstwerke heute noch zu sehen sind. Eine Radtour bietet sich an, durch das einstige Ausstellungsgelände, aber auch durch die Altstadt.

von Dr.Evelyn Frick

Rosenheim – Wir beginnen am Ichikawa Platz an der Schönfeldstraße, der mit seinen Kirschbäumen an die Städtepartnerschaft Rosenheims mit dem japanischen Ichikawa erinnert. Hier war vor zehn Jahren der Haupteingang zur LGS. Hier, im Mangfallpark Nord, grüßt weithin sichtbar der „Leuchtenwald“ von Sonja Vordermaier. Die gebürtige Münchnerin hat 27 Straßenlaternen aus europäischen Städten, von Amsterdam bis Sofia, Mailand bis Prag, als großen, bunten Blumenstrauß arrangiert.

Skulpturenweg mit zehn Objekten

Der „Leuchtenwald“ ist Teil des „Skulpturenweg Natur und Reflektion“, den Werner Böck über seine Marc O’Polo Stiftung mit ursprünglich zehn Objekten als künstlerischen Schwerpunkt der LGS initiierte. Kuratiert wurde die hochwertige Schau, von der sich ein Hauptteil erhalten hat, von Stefan Wimmer, seit 2017 Direktor der Kunstakademie Bad Reichenhall.

Teil des Marc O`Polo Kunstprojekts

Vor den Straßenlaternen biegen wir rechts auf den Kiesweg ab und erreichen bald den „Regnenden Hut“ von Kunstprofessor Stephan Huber, der rechterhand über dem Hammerbach hängt, auch er Teil des Marc O’Polo Kunstprojekts. Der Dokumenta-Teilnehmer und gebürtige Allgäuer arbeitet gerne mit Verfremdungen und Perspektivwechseln, will den Betrachter irritieren und seine Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen.

Kunstobjekt zum Klettern

Nach der Pflanzspirale „Ich bin ganz Ohr“, einem Projekt der Freien Waldorfschule Rosenheim, biegen wir nach links zur Brücke über die Mangfall ab. Einen kurzen Stopp legen wir bei der Kletterskulptur „Alpenkette“ von Florian Aigner ein. Der Teisendorfer Holzbildhauer vereinigt in seinen bekletterbaren Kunstobjekten spielerische Nutzung mit abstrakter Kunst und war auf einem Dutzend Landes- und Bundesgartenschauen mit seinen Eichenholzkonstruktionen vertreten. Sponsor dieser praktischen Kunst ist die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling.

Ein Teil der LGS verrottet

Ein kleiner Abstecher zum Ende des Kiesweges führt zum Feldkreuz der Gebirgsschützenkompanie Rosenheim, das der Südtiroler Wendelin Stricker gefertigt hat.

Bevor wir die Mangfall queren, sehen wir rechts unten die Reste des „Bambushauses“ von Johann Bachinger. Der Rosenheimer Flechtwerkgestalter, Spross einer oberfränkischen Korbflechterfamilie, gestaltete die Naturplastik aus 2000 Bambusstangen, die 400 Spender finanzierten. 2017 musste ein Teil zurückgebaut werden, da er zu stark verrottet war.

Begegnung mit dem Stangenreiter

Am Ende der Brücke empfängt uns der eiserne Stangenreiter von Rudl Endriß und weist auf das Innmuseum hin. Wir biegen aber zuerst nach links auf den Innzipfel. Seit 2018 nimmt hier die „Quadriga“ von Benjamin Bergmann den Platz des abgerissenen „Nabel der Welt“ von Werner Reiterer ein; beides aus dem Marc O’Polo „Skulpturenweg“.

Quadriga auf dem Rasen der Tatsachen

Benjamin Bergmann holt mit seiner „Quadriga“ das heroische, antike Viergespann aus triumphalen Höhen herunter auf den „Rasen der Tatsachen“ und ersetzt die Pferde durch simple Rasenmäher. Der gebürtige Würzburger, der in München lebt und arbeitet, setzt mit seinem Gartendenkmal einen kleinbürgerlichen Akzent, der durch die Gitterbox etwas Hermetisches erhält.

Aus Natur wird Kunst

Von der Brücke aus konnten wir schon den „Steinteppich“ des Schweizers Reto Leibundgut sehen, zu dem wir jetzt einen kleinen Abstecher machen. Der in Thun lebende Künstler wandelt gerne Naturmaterialien, wie hier Flusskiesel aus Inn und Mangfall, zu Kunstwerken um.

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In alter Handwerkstechnik wurden die Kiesel als Mosaikbelag eingesetzt und zeigen als Schriftzug das Zitat eines indischen Weisen: „Die Welt mit all ihren Wundern ist nichts – du wirst glücklich und still.“ Marc O’Polo schenkt uns diesen meditativen Moment.

Bildhauer aus Söchtenau

Zurück zum Stangenreiter folgen wir dem Inn flussaufwärts und radeln am „Historischen Innschiffzug“ von Rudl Endriß entlang, einem Gemeinschaftsprojekt des Schiffleutvereins Nußdorf und dem Wasserwirtschaftsamt Rosenheim (WWA). Der bekannte Bildhauer, der in Söchtenau lebt, rollt in diesen Blechsilhouetten auf über 300 Metern einen Schiffszug ab, wie er auf dem Inn bis ins 19. Jahrhundert unterwegs war. Auf einer Infotafel erfahren wir mehr über Schiffe, Schiffsleute und ihre Pferde.

Wir unterqueren die Innbrücke und radeln weiter bis zum Freigelände des Innmuseums, das durch das WWA für die LGS neu gestaltet wurde. Hier schieben wir unser Rad und entdecken eine ganze Reihe von Kunstwerken, die drei befreundete Kunstschaffende, Ursula Beiler, Ludwig Frank und Mikai Katsumi, für dieses Gelände konzipiert haben.

Kunstwerk macht den Inn begreifbar

Die Tiroler Künstlerin Ursula Beiler griff das offizielle Motto der LGS „Innspiration“ wortwörtlich auf und empfand den 517 Kilometer langen Lauf des Inns in einem verkleinerten Modell als Metallband nach. Die wichtigsten Orte des langen Weges vom Engadin bis Passau sind mit ihren Namen markiert.

Das Motiv der mächtigen Steine, die auf dem Freigelände anschaulich Auskunft über die Geologie des Einzugsgebietes des Inns geben, setzt der aus Wien stammende Metallbildhauer Ludwig Frank in seinen „Steinstelen-Concerto“ um, die wie Musiknoten den Klang des Flusses verbildlichen. Gleich dahinter entdecken wir das „Gitterhäuschen“, ebenfalls von Ludwig Frank sowie die „Strömungsspiralen“ des japanischen Holzbildhauers Mikai Katsumi, von denen seit letztem Jahr nur noch wenige Reste erhalten sind.

Von der Plätte zu konkreter Kunst

Nach einem letzten Blick auf die historische Innplätte unter ihrem Schutzdach radeln wir zurück und auf dem Radweg an der Innstraße stadteinwärts bis über die Mangfallbrücke, wo wir die Abfahrt zur Brückenunterführung nehmen und den Mangfallpark Süd erreichen. Neben der Kinderkajakstrecke ermöglicht uns das Sponsoring der Familie Diebald eine Begegnung mit konkreter Kunst, dem „Kubus“ des Vogtareuther Bildhauers Alfred Regnat.

Große Blüte im Riedergarten

Wir verlassen den Mangfallpark Süd in südöstlicher Richtung und erreichen stadteinwärts über den Radweg an der Rathausstraße den Riedergarten. Hier schieben wir wieder unser Rad und entdecken gleich neben dem Mühlbach die „Große Blüte“ von Antje Tesche-Mentzen. Es war der Verleger Alfons Döser, der die aparte Bronzeplastik der Bildhauerin und Malerin, die abwechselnd in München, Venedig und Hafendorf am Simssee lebt und arbeitet, der Stadt Rosenheim zum 150-jährigen Verlagsjubiläum des OVB Medienhauses 2004 schenkte. Als der Riedergarten im Vorfeld der LGS neu gestaltet wurde, erhielt die „Große Blüte“ einen prominenten Platz in der Parkanlage.

Etwas weiter stoßen wir im intimen Apothekergarten auf ein weiteres, minimalistisches Steinkunstwerk von Alfred Regnat, eine Sonnenuhr.

Neugestaltung des Ludwigsplatzes

Und weil es ein so schönes Foto mit dem Turm von St. Nikolaus dahinter gibt, statten wir der Patrona Bavariae, der Muttergottes auf ihrer Säule, gestiftet vom Bayernbund, einen kurzen Besuch ab. Über die Königsstraße erreichen wir den Ludwigsplatz, der ebenfalls für die LGS eine Neugestaltung erhielt, und halten am Grünen Markt am „Marktfrauenbrunnen“ des Oberaudorfer Bildhauers Wolfgang Wright.

Mühlbachbogen ist heute bebaut

Über die Färberstraße und die Brücke über den Mühlbach kommen wir zum Mühlbachbogen, einem heute bebauten Areal, das Teil der LGS war. Hier finden wir noch Reste der „worte für orte“, die der in Bad Endorf lebende Künstler Martin Fritzsche als Reaktion auf den Stadtraum und Teil des Marc O’Polo Skulpturenwegs schuf.

Der Kreis schließt sich bei Rudl Endriß

Wir biegen nach links ab und erreichen über die Schönfeldstraße die Straße In der Schmucken, wo uns vor dem Parkplatz eine weitere Figurengruppe von Rudl Endriß, mit den für ihn typischen Blechsilhouetten, grüßt, gestiftet von den Rotariern Rosenheim-Innstadt.

In der Nähe zum Ichikawa-Platz schließt sich unser Kreis und wir müssen feststellen, dass sich eine ganze Menge an Kunstwerken erhalten hat, die im Zuge der LGS kamen, und die ohne das finanzielle Engagement zahlreicher Sponsoren nicht möglich gewesen wären.

Nummer 8: „Innspiration“ und Steinstelen.

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