Künstler müssen keine Miete zahlen: Christian Hlatky schenkt Rosenheim ein Kulturzentrum

Das Team hinter dem Konzept: (von links) Stella Brandlhuber, der Projektkoordinator der „Vielfaltsgestalter Rosenheim“ Christian Hlatky, Beppo Roderer und Corbinian Nicolai. Heise
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Seit vier Jahren steht das ehemalige Bastel- und Kunstbedarf-Kaufhaus Huber-Seiler leer, wurde nur hin und wieder für Kunstausstellungen genutzt. Jetzt soll dem vierstöckigen Gebäude neues Leben eingehaucht werden – zumindest vorübergehend. Eine Geschichte über Kunst, Kreativität und Zusammenhalt.

Rosenheim – Christian Hlatky hat etliche Pläne. So viele, dass er sie auf drei Din-A4-Seiten zusammenfassen musste, damit er keine vergisst. Der Projektkoordinator der „Vielfachgestalter Rosenheimer“ steht im Erdgeschoss des Huber-Seiler-Hauses. Mitten im Raum ist eine Bar, hinten links eine Couch. Überall hängen Kunstwerke. Im ersten Stock hat jemand mit weißer Farbe ein kurzes, englisches Zitat an die Wand geschrieben. Es geht um Gott, das Universum und das Alleinsein. Es ist ein Überbleibsel der Ausstellung „Künstlermixtape“, die vor einem Jahr in den Räumlichkeiten stattgefunden hat. Damals gab es neben zahlreichen Kunstwerken auch Musik, Literaturvorträge und Theateraufführungen.

Das momentane Bild: Bis das Haus eröffnet, haben die Verantwortlichen noch einiges zu tun.

Vier Stockwerke, 1200 Quadratmeter

Ein Jahr später sind die Farben an den Wänden verblasst. Überall stehen benutzte Flaschen, leere Staffeleien und unfertige Bilder. Ausstellungen hat es hier schon lange keine mehr gegeben. Doch das könnte sich bald ändern.

Denn Christian Hlatky will gemeinsam mit den Mitgliedern des Vereins „Kunst Kollektiv“ und dem Bündnis der „Vielfaltsgestalter“ das Haus in eine Kulturoase umwandeln. Auf den insgesamt 1200 Quadratmetern sollen – unter strenger Einhaltung der Corona-Regeln – etliche Veranstaltungen stattfinden. „Wir wollen das Haus mit Leben befüllen“, sagt Hlatky. Bereits vor einem Jahr starteten die Mitglieder des Vereins „Kunst Kollektiv“ einen ersten Versuch, wurden aber durch die Corona-Krise unterbrochen. Jetzt soll es einen zweiten Anlauf geben.

Das „Klassenzimmer“: Hier sind unter anderem Workshops geplant.

Inhaber des Hauses ist mit Plänen einverstanden

Das Konzept steht, die ersten Gespräche sind geführt und auch Herbert Weiss, der Inhaber des Hauses, ist mit den Plänen einverstanden. „Er hat uns das Haus für drei bis sechs Monate mietfrei zur Verfügung gestellt“, sagt Hlatky.

Weiss, Vorsitzender der „First Choice AG Gesellschaft für Projektentwicklung und Grundbesitz“, hat das Haus vor einem Jahr gekauft und freut sich auf die Zusammenarbeit. „Das kulturelle Leben und der soziale Zusammenhalt liegen uns sehr am Herzen“, sagt er.

14 Stadtwohnungen und zwei Gewerbeeinheiten

Er will das Haus abreißen lassen, um ein neues Wohn- und Geschäftshaus zu errichten. Geplant sind laut Weiß 14 Stadtwohnungen und Platz für zwei Gewerbeeinheiten. Im Moment befinde er sich noch in der Planungsphase, stünde in Verhandlungen mit der Stadt. Bis dahin könnten die Räumlichkeiten anderweitig genutzt werden.

Kommunizieren und weitertragen

Ein Angebot, das sich Christian Hlatky und die anderen Mitglieder der „Vielfaltsgestalter“ nicht entgehen lassen wollten. „Das Thema Vielfalt lässt sich besonders gut über kulturelle Angebote kommunizieren und weitertragen“, sagt er. Weil es die aber aufgrund der Corona-Krise in den vergangenen Monaten nur selten gegeben hat, soll das Konzept dazu beitragen, den Zugang zur Kultur wieder zu ermöglichen.

Verein „Kunst Kollektiv“ zieht in das Haus ein

Eine Idee, über die sich auch Stella Brandlhuber, Beppo Roderer und Corbinian Nicolai freuen. Die drei Künstler gehören zum Verein „Kunst Kollektiv“, sind schon seit einer ganzen Weile auf der Suche nach einem Ort um ihre Kreativität ausleben zu können. „Wir haben uns eine Zeit lang im Park getroffen oder im Atrium“, sagt Beppo Roderer.

Farben, Paletten und Staffeleien

Im Huber-Seiler-Haus wollen er und die 20 Mitglieder seines Vereins jetzt für einen längeren Zeitraum bleiben und ihre Ateliers einrichten. Einige Künstler haben sich bereits einen Platz ausgesucht. Sie haben ihre Farben und Paletten in den ersten Stock gebracht und ihre Staffeleien aufgestellt.

Verschiedene Workshops sind geplant

Geplant ist, dass die Künstler verschiedene Workshops anbieten. Roderer spricht von einen Zeichen- und Nähkurs, der Unterrichtung verschiedener Graffiti-Spraytechniken. Auch Film-Workshops, einen Kurs im Möbelbau oder eine Einführung in die analoge Fotografie könnte er sich vorstellen.

Proberaum und Tonstudios

Aber nicht nur die Künstler sollen sich im Huber-Seiler-Haus wohl fühlen. Den Proberaum im Dachgeschoss können Musiker laut Hlatky für regelmäßige Proben nutzen. Geplant sei, zwei Tonstudios einzurichten: eines mit dem Schwerpunkt Hip/Hop, ein anderes für elektronischer Musik.

Lesungen, Diskussionsrunden und Poetry Slams

Auch eine Bühne für Auftritte soll es geben. Hier könnten zukünftig Lesungen, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Poetry Slams, Konzerte, Theater und monatliche Kinovorführungen stattfinden.

Unterstützung bei der Umsetzung der Pläne bekommen die „Vielfaltsgestalter“ von der Rosenheimer Stadtbibliothek, dem Kulturamt, dem Stadtmarketing, dem City-Management und der Städtischen Galerie. Sie alle wollen dazu beitragen, dass aus dem leer stehenden Haus ein Vielfalts- und Kulturzentrum wird. „Wir wollen Leerstand verhindern, die Innenstadt attraktiver machen und das kulturelle Angebot der Stadt Rosenheim bereichern“, sagt Hlatky.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Schon jetzt hat er längerfristige Ziele, träumt davon das Konzept auch in anderen Örtlichkeiten in Rosenheim umzusetzen, die „temporär nicht genutzt werden“. Im Moment aber gilt sein Fokus dem Huber-Seiler-Haus. Er arbeitet an einem Hygienekonzept, welches ein „sicheres Zusammenkommen der Besucher und Künstler“ garantieren soll. Sobald das steht, kann es losgehen. In den sozialen Medien werden dann sowohl die Öffnungszeiten, als auch die Veranstaltungen bekannt gegeben.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

„In Zeiten von Corona und der „Black Lives Matter“-Bewegung ist der gesellschaftliche Zusammenhalt wichtiger als je zuvor“, sagt Hlatky. Und genau dabei soll das Huber-Seiler-Haus in der Kaiserstraße 3 helfen. Es soll ein Zeichen setzen – für Solidarität und Vielfalt in der Gesellschaft.

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