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Krieg in Europa

Ukrainer in Rosenheim: „Heute schlafen wir nicht“

Nicht nur wie hier in Kiew versuchen tausende Menschen nach Westen zu fliehen.
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Nicht nur wie hier in Kiew versuchen tausende Menschen nach Westen zu fliehen.
  • VonThomas Stöppler
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  • Sophia Huber
    Sophia Huber
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Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist endgültig eskaliert. Fern von der alten Heimat sorgen sich die Ukrainer in der Region, um Verwandte und Freunde. Aber die Spaltung des Landes ist auch in Rosenheim und Umgebung spürbar.

Rosenheim - „Wir sind ruhig, wir beten“, beschrieb Pfarrer Ljubomir Fedorak die Lage noch am vergangenen Dienstag. „Wir leben mit der Hoffnung“, hatte der Geistliche der Ukrainischen Kirche in Rosenheim gesagt. Diese Hoffnung hat sich nun vorerst zerschlagen. In den frühen Morgenstunden haben russische Truppen an mehreren Stellen die Grenze zur Ukraine überschritten. In Kiew und der Millionenstadt Charkiw wurde Artilleriebeschuss und Raketenangriffe gemeldet. Laut der russischen Regierung griff diese Militärstellungen an. Ukrainische Truppen haben das Feuer erwidert und schossen fünf russische Kampfflugzeuge Flugzeuge ab. Bisher wurden zivile Ziele nicht beschossen.

Es sind nicht viele am ersten und dritten Sonntag im Monat um 14 Uhr nach St. Michael kommen. Etwa 15 schätzt Pfarrer Fedorak. Der Pfarrer hat natürlich auch noch andere Gemeinden, eine in Landshut, eine in Eggenfelden und eine Passau. Auch dort kommen nicht allzu viele, aber es kommen immer welche. Russen, Deutsche und vor allem Ukrainer. Der Pfarrer betreut die katholischen Ukrainer in der Region.

Mehr als 13000 Tote seit 2014

In Deutschland leben etwa 140000 Ukrainer, viele mit deutschem Pass. Denn die Geschichte der beiden Länder ist eng miteinander verknüpft. Bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert siedelten sich viele Deutsche im flächenmäßig zweitgrößten Land Europas an. Krimdeutsche, Karpatendeutsche oder Schwarzmeerdeutsche leben bis heute in der Ukraine.

Angesichts der Eskalation an der russisch-ukrainischen Grenze vergisst man leicht, dass dieser Konflikt schon acht Jahre dauert. „Seit 2014 Putin die Krim annektiert hat“, sei es so und der „Krieg läuft weiter“, erzählt er. Die Annexion der Krim hat in der Ostukraine bürgerkriegsähnliche Zustände ausgelöst. Prorussische Separatisten kämpfen mit Unterstützung aus dem Kreml gegen ukrainische Soldaten. Mehr als 13000 Tote hat es gegeben, darunter viele Zivilisten.

Auch in Volovec der Partnerstadt von Bad Endorf, tausend Kilometer entfernt von der russischen Grenze sind die Auswirkungen dieses Konflikts zu spüren. Fast jeder hatte tote Angehörige zu beklagen, berichtet Markus Heiss vom Partnerschaftsverein Volovec-Bad Endorf. Zuletzt war er im vergangenen Juni vor Ort. „Die wirtschaftliche Situation ist sowieso schwierig und die vielen Binnenflüchtlinge machen es schwer, denn es müssten mehr Menschen versorgt werden“, erzählt er. Gestern hat er die ersten Anrufe um vier Uhr morgens bekommen. Und Whatsapp Nachrichten mit Videos von Raketenangriffen. Panisch seien die Menschen nicht, eher verzweifelt, erzählt er. Und sie hätten Sorgen um Angehörige. Fast jeder hätte Freunde und Verwandte im Osten des Landes.

Er selbst ist fassungslos. Obwohl er damit gerechnet hat, dass es jetzt bald passiert. „Ich habe gestern Abend gesehen, dass in Russland keine zivilen Maschinen mehr an der ukrainischen Grenze sind. Da habe ich zu meiner Frau gesagt: „Heute Nacht geht es los.“

Ein Krieg mitten in Europa

Auch Bad Endorfs Bürgermeister, Alois Loferer, zeigt sich erschüttert: „Ich bin quasi mit den Videos der Raketenangriffe aufgewacht“, sagt er und führt aus: „Das ist ein Krieg in Europa und nicht irgendwo am östlichen Rand, sondern mittendrin.“ Viel machen könne man im Moment nicht, außer eine Botschaft an die Freunde in Volovec zu schicken: Wir denken an Euch, Ihr seid nicht allein.

Seit 20 Jahren schickt Ingrid Freundl mit der Osteuropahilfe Hilfsgüter in die Ukraine. Die Soyenerin hat auch private Kontakte in Sumy, also mitten im jetzigen Kriegsgebiet. „Wir unterstützen dort privat eine Familie“, erzählt Freundl, wie es ihnen geht, weiß sie nicht, denn die Kommunikation ist schwierig. „Ich habe eine Nachricht geschrieben, jetzt warte ich auf eine Antwort.“ Gerade jetzt sei es deshalb wichtig, Unterstützung zu leisten, damit die Ukrainer merken, dass „da jemand ist, der sich um sie kümmert.“ Ob Freundl dies aber in Zukunft noch leisten kann, weiß die Soyenerin nicht. „Eigentlich war geplant, die nächste Lkw-Lieferung in die Ukraine zu schicken, aber wir wissen nicht, ob das noch geht.“

Pfarrer Fedoraks Eltern leben im Westen, und sind zumindest halbwegs sicher. Aber seine Schwester lebt mit ihren vier Kindern in Kiew, wo bereits militärische Ziele mit Raketen und Artillerie beschossen wurden. Ihr gehe es soweit gut, erzählt er. Er hat sie am frühen Morgen erreichen können. „Mein Schwager wird in den nächsten Tagen kämpfen müssen, er ist beim Militär“, sagt er und fügt hinzu: „Wir sind ruhig, nicht panisch“, aber er klingt aufgeregter als vor ein paar Tagen.

Entspannter ist auch Dar’ya Ivanova nicht – noch nicht. Sie hat einen gänzlich anderen Blick auf den Einmarsch der russischen Truppen: „Ich freue mich, dass meine Eltern müssen nicht mehr im Keller schlafen müssen“, sagt sie. Sie kommt aus Dokutschajewsk keine 50km von der russischen Grenze. Wobei sie trotzdem nicht glaubt, dass ihre Eltern jetzt einige ruhige Nacht hätten. Aber zumindest sind sie wieder ins Haus gezogen.

Es gab nicht mal mehr Pflaster

Seit August 2014 hätten ukrainische Truppen fast täglich in der Region gekämpft. Häuser stürzten unter dem Beschuss ein, immer wieder hätte es kein Wasser und keinen Strom gegeben. Ihre Mutter arbeitet als Kinderärztin im wenige Kilometer entfernten Donezk und hätte keine Medikamente für die kleinen Patienten gehabt, nicht mal mehr Pflaster hätte es gegeben. Ivonava habe alte Klassenkameraden, die nachdem sie ihre Häuser verloren hatten, sich den prorussischen Separatisten angeschlossen hätten. Wobei die Immobilienfachwirtin „prorussische Separatisten“ mit Anführungszeichen versieht.

„Für meine Eltern“, sagt die 35-Jährige. „gibt es kein zurück mehr in den ukrainischen Staat.“ Dabei sieht sie Putin nicht als großen Erlöser, aber die Zukunft der Ostukraine liegt für sie dennoch in der russischen Föderation. Während sie das erklärt, kommt eine Nachricht ihrer Mutter: „Mit dem ersten Kind, das durch das ukrainische Militär gestorben ist, ist für mich auch die Ukraine gestorben.“

Es bleibt nur die Hoffnung

Fedorak glaubt, dass der Angriff nur ein Testlauf sei. Als wolle man testen, wie gut das ukrainische Militär aufgestellt ist. Und wie der Westen reagiert. Der reagierte durch die Bank weg mit der Ankündigung von harten Sanktionen. US-Präsident Joe Biden, der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock kündigten „schärfste Sanktionen“ gegen Russland an. Die Regierung in Kiew vermeldete am Mittag 40 Tote.

Der Partnerschaftsverein hatte bereits vor vier Tagen für Sonntag eine Lichterkette geplant. Eine Aktion, die seit gestern Morgen eine neue Brisanz erhält. Auch Dekan Daniel Reichel will beim Abendgottesdienst in St. Johann Baptist ein besonderes Gebet sprechen und eine Friedenskerze entzünden.

Derweil bleibt nur die Hoffnung.. Für viele Ukrainer wird gelten, was Pfarrer Fedorak zum Abschluss des Gesprächs sagt: „Wir schlafen heute nicht.“

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