Spezieller Lieferdienst

Kostenloser Tafelspitz während Corona-Lockdown: Rosenheimer Fischküche unterstützt Senioren

Verona Antal (links) freut sich, wenn Anna Grude klingelt, um ihr das Essen zu bringen.
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Verona Antal (links) freut sich, wenn Anna Grude klingelt, um ihr das Essen zu bringen.
  • vonKilian Schroeder
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Damit bedürftige Senioren während des Lockdowns nicht komplett auf sich gestellt sind, bietet die Rosenheimer „Fischküche“ einen Essenslieferdienst an. Ein Vormittag unter Helfern.

Rosenheim – Michael Haldek legt das dampfende Fleisch auf den Teller. Der Koch der Rosenheimer Fischküche steht in der Küche im Jugendfreizeitgelände des Stadtjugendrings am Happinger Ausee. Heute gibt es Tafelspitz. Draußen stehen schon sechs Fahrer, die die Portionen gleich in ihre Autos verladen und dann an Senioren in der ganzen Stadt liefern werden. Wie schon im ersten Lockdown im März bietet die Fischküche auch jetzt wieder kostenloses Essen für Senioren an. Wir haben sie einen Vormittag begleitet.

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„Sie brauchen unsere Unterstützung

„Das Projekt läuft super“, sagt Christine Haldek. Zusammen mit ihren Mann leitet sie die Fischküche und hatte die Idee, im Lockdown bedürftigen Senioren in der Stadt kostenlos Essen zu liefern. „Bei uns in der Fischküche hatten wir oft ältere Leute, die sich gerade eine Suppe leisten konnten. Die brauchen gerade jetzt Unterstützung“, sagt Christine Haldek. Für dieses Projekt sind die Haldeks auf Spender angewiesen: Der Stadtjugendring stellt Fahrzeuge und mit dem Jugendfreizeitgelände am Happinger Ausee auch eine Küche – denn die Fischküche selber wird derzeit renoviert. Dazu kommen einige Großspenden und die Flötzinger Brauerei, die zu jeder Portion ein Getränk spendiert.

Meistens gibt es bayerische Küche

In der Küche richtet Michael Haldek währenddessen den Tafelspitz her. Dazu gibt es Wirsing und Salzkartoffeln. Meistens kocht er bayerische Küche. Für ihn ist die Arbeit im Jugendfreizeitgelände auch angenehm, um etwas Struktur im Tag zu haben. „Es ist schon etwas mehr Aufwand, ich muss ein bisschen mehr herumfahren und hier ist natürlich auch die Technik anders“, sagt der Koch. „Aber es funktioniert gut.“

Kochen wir rund 35 Senioren

Das liegt auch daran, dass er Unterstützung von Benjamin Müller bekommt, der – wenn nicht gerade Corona ist – im Piraten Pub in Prien arbeitet und selbst einmal Koch gelernt hat. „Das Pub hat zur Zeit natürlich geschlossen und das ist eine wirklich gute Sache. Es macht Spaß hier mitzuhelfen“, sagt Müller. Zu dritt kochen sie Essen für rund 35 Senioren.

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Das bringen ihnen insgesamt 15 Fahrer, die sich ehrenamtlich in dem Projekt engagieren. Aufgrund von Corona versuchen sie, die Gruppe nicht zu groß werden zu lassen.

Täglich drei Fahrgemeinschaften aus jeweils zwei Fahrern

Ab 11 Uhr trudeln alle langsam im Jugendfreizeitgelände ein, die Gruppe kennt sich inzwischen. Täglich sind drei Fahrgemeinschaften aus jeweils zwei Fahrern unterwegs. Eine davon ist Stadträtin Ricarda Krüger. „Abuzar Erdogan hat mich im März im Stadtrat gefragt, ob ich mitmachen will, er ist ja auch Vorstand im Stadtjugendring. Seitdem bin ich eigentlich immer dabei“, sagt Krüger. Viele der Helfer kommen über Mundpropaganda dazu. Inzwischen sind mehrere Stadträte, auch über die politischen Lager hinweg, beteiligt.

Stadtjugendring hat Lieferwagen bereitgestellt

Inzwischen ist das Essen fertig. In Transportschalen, die der Gasthof Hirzinger stellt, laden Benedikt Vodermaier und Anna Grude die Portionen in den Lieferwagen des Stadtjugendrings ein. Jeder Senior bekommt eine Suppe, ein Hauptgericht und eine Nachspeise. Die beiden haben heute eine kürzere Tour – es sind nur acht Portionen. „Es sind so zwei bis drei Stunden pro Tag, die wir investieren“, sagt Vodermaier. Der 26-Jährige ist Polizist, am Abend davor hatte er noch Nachtschicht. Er organisiert auch die Fahrpläne, wer wann im Einsatz ist. „Es ist wirklich eine schöne Abwechslung zum Rumsitzen zu Hause.“

Schalen vom Vortag werden mitgenommen

Die Senioren kennen die Fahrer der Fischküche schon. „Man kann das nicht hoch genug schätzen, dass junge Leute hier ihre Freizeit für uns opfern“, sagt Verona Antal. Die 83-Jährige freut sich jeden Tag auf ihre Essenlieferung. „Die kommen immer mit einem Lächeln, sind immer freundlich und pünktlich.“

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Und das Wichtigste: „Das Essen schmeckt sehr gut“, sagt Antal. Dem stimmt auch Christian Simchen zu, der ebenfalls täglich beliefert wird: „Es schmeckt wirklich gut, und wer es gerne scharf mag kann ja noch nachwürzen.“ Vodermaier und Grude stellen das Essen in die Küche und nehmen gleich die Schalen vom Vortag mit. Als Risikogruppe sind besonders ältere Menschen dazu angehalten, zu Hause zu bleiben. „Da hilft die Essenlieferung schon viel“, sagt Erika Posch, die auch regelmäßig ihr Mittagessen aus der Fischküche bekommt.

Fahrer freuen sich über die Resonanz

Aber nicht nur für die Senioren ist der Service etwas Positives – auch die Fahrer nehmen viel mit. „Es ist schön, wenn man diese Resonanz kriegt“, sagt Anna Grude. Die 26-jährige Dramaturgin hat gezwungenermaßen im Lockdown mehr Freizeit. Die wollte sie in eine gute Sache investieren. „Und damit kommen wir auch ins Gespräch mit Leuten. Es bringt einem viel für den Tag, wenn einen ein Mensch anlächelt und ,Danke‘ sagt.“

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Das letzte Essen ist ausgeliefert und Benedikt Vodermaier biegt wieder zum Jugendfreizeitgelände ein. Jetzt müssen noch alle Schalen desinfiziert werden und die Teller abgespült. Aber da die Gruppe zusammenhilft, ist auch das schnell gemacht. Und dann geht es für die Fahrer nach Hause, Christine Haldek fährt einkaufen – denn auch morgen kochen sie wieder Essen für bedürftige Senioren in Rosenheim.

Teamwork für den guten Zweck: Benjamin Müller, Michael Haldek und Christine Haldek (von links) arbeiten Hand in Hand, um pünktlich 35 Portionen losschicken zu können.

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