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Wohngemeinschaft der Diakonie in Kolbermoor

Nach dem harten Alltag im Gefängnis: Eine WG, in der ehemalige weibliche Häftlinge unterkommen

Eine junge Frau steht am 14.11.12 in Wetter (Nordrhein-Westfalen) in einer Zelle der Jugendarrestanstalt am Fenster. Im Jugendarrest ist fast alles wie im Gefängnis. Abschrecken und Erziehen sind die Ziele.
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ARCHIV-Foto: Eine junge Frau steht am 14.11.12 in Wetter (Nordrhein-Westfalen) in einer Zelle der Jugendarrestanstalt am Fenster. Im Jugendarrest ist fast alles wie im Gefängnis. Abschrecken und Erziehen sind die Ziele.
  • VonJulian Baumeister
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Meist stehen Menschen, die aus einer Haftanstalt entlassen werden, erst mal vor dem Nichts. In Kolbermoor betreibt die Diakonie Rosenheim eine Wohngemeinschaft, in der ehemalige weibliche Häftlinge ein Dach über dem Kopf finden. Wie hart das Leben im Gefängnis ist und wie das Zusammenleben in der WG klappt, erzählt eine Bewohnerin.

Rosenheim/Kolbermoor – Die Haft ganz hinter sich lassen, wird Anna Z. (Name von der Redaktion geändert) nicht können. Sie ist eine von sieben Frauen, die nach der Haftentlassung in der DIAdonna Wohngemeinschaft Kolbermoor der Rosenheimer Diakonie ein neues Zuhause gefunden haben. Zu Beginn des Gesprächs in dem kleinen Besprechungsraum der Wohngemeinschaft wird schnell klar, die 52-Jährige will nicht viel von sich preisgeben.

Ihre Lebensgeschichte hat sie auf die Hälfte eines DIN-A4-Zettels geschrieben. Mehr als das dort Abgetippte will sie nicht verraten. Auf dem Blatt steht auch, dass sie wegen einer Medikamentenabhängigkeit in die Straffälligkeit gerutscht sei. Die Folge: eine mehrmonatige Haftstrafe in der JVA München.

Rettung vor der Obdachlosigkeit

„Die Bestrafung ist in Ordnung, man weiß ja bei der Tatbegehung, dass man etwas Falsches macht. An die mentalen Folgen denken aber die wenigsten“, sagt die Frau, der es sichtlich unangenehm ist, über das mit vielen Vorurteilen behaftete Thema zu sprechen. Immer wieder rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her und nimmt sich vor den Antworten längere Pausen. „Das Gefängnis,“ führt Anna Z. schließlich fort, „verändert einen, da passieren schon Sachen mit dir.“ Welche Sachen das genau sind, darüber spricht sie nicht.

Stattdessen erzählt sie von dem Moment, als bei ihr während der Haftzeit ein Gehirntumor diagnostiziert wurde. Dieser hätte umgehend behandelt werden müssen. Zu dieser Zeit entstand auch der Kontakt zu den Sozialpädagoginnen von DIAdonna. „Wir nehmen bereits in den Haftanstalten Kontakt zu den Damen auf und bieten ihnen unsere Hilfe an“, sagt Mara Homberg, Bereichsleitung der Diakonie. Das Angebot richte sich aber nicht nur an Frauen, die aus der Haft kommen, sondern auch an diejenigen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. In diese wäre womöglich auch Anna Z. geraten. „Wenn mich DIAdonna nicht aufgenommen hätte, wäre ich wahrscheinlich auf der Straße gelandet, wer weiß was da mit mir passiert wäre“, sagt die 52-Jährige.
Letztlich sei sie jetzt einfach froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

In der Frauenabteilung der JVA München verbrachte Anna Z. eine mehrmonatige Haftstrafe, bevor sie in der DIAdonna Wohngemeinschaft ein Zuhause gefunden hat. 

Für sieben Frauen ist in der Wohngemeinschaft Platz. Ein achtes Zimmer steht für den Notfall bereit, falls eine Frau von heute auf morgen vor der Tür steht. Auch das sei laut Homberg schon vorgekommen. „Wir sind fast immer voll besetzt“, sagt Homberg. Es gäbe auch Zeiten, in denen die Nachfrage nach einem Zimmer größer, als der zur Verfügung stehende Platz, ist. Die Schwere der Straftaten spielt für die Aufnahme laut der Sozialpädagogin keine Rolle. „Es ist alles möglich, von Drogen -und Betrugsdelikten bis hin zu Frauen, die wegen eines Tötungsdelikts inhaftiert waren“, unterstreicht Homberg.

Für alle Damen, die aufgenommen werden, wird ein individueller „Hilfeplan“ erarbeitet. Zu diesem gehört eine sozialpädagogische und psychologische Betreuung aber beispielsweise auch ein hauswirtschaftliches Training. „Wir machen aber nicht nur „Malen nach Zahlen“, damit wir eine Beschäftigung haben“, ergänzt Anna Z.. Die Hilfsangebote müssten auch wirklich angenommen werden, damit es funktioniert.

Arbeit als Struktur für den Alltag

Ganz entscheidend sei, dass die Frauen auch schnell wieder Arbeit finden, soweit das gesundheitlich möglich ist. „Die Arbeitsbeschäftigungsmaßnahmen sind wichtig. So kommt Struktur in den Alltag“, sagt Homberg. Viele der Bewohnerinnen würden in Bäckereien, Supermärkten oder Büchereien einen Job finden. „Durch die Arbeit ergibt sich auch schneller die Möglichkeit einer eigenen Wohnung, was für viele der Frauen sehr wichtig ist“, sagt Homberg. In der Regel bleiben die Frauen zwischen zwölf und 18 Monaten in der Einrichtung.

Das Haus in dem DIAdonna sieben Frauen nach der Haftentlassung aufnehmen kann.

In dieser Zeit müssen sich die Bewohnerinnen in der Wohngemeinschaft miteinander arrangieren. „Es gibt die gleichen Probleme, wie liegengelassenes Geschirr oder Diskussionen um die Hygiene, wie in jeder anderen WG auch“, sagt Anna Z.. „Wir haben alle „special effects“, da knallt es auch schon mal“. Im Großen und Ganzen würde das Zusammenleben aber klappen. „Vorausgesetzt du hörst dir die Geschichte des anderen an und urteilst nicht schon vorher“, führt Anna Z. fort.

Mittlerweile dauert das Gespräch fast eine Stunde. Die anfängliche Anspannung ist einer fast schon lockeren Stimmung gewichen. Die 52-Jährige ertappt sich immer öfters dabei, dass sie doch ein wenig ins Erzählen gerät. Allerdings immer im Mittelpunkt ihrer Erzählungen: Das Leben im Gefängnis. „Das ist ein Mikrokosmos“, sagt sie. Man würde sich gedanklich eine Parallelwelt erschaffen, um die harte Realität ein wenig verdrängen zu können. „Das rettet einen“, beschreibt die Frau die Situation.

Harter Gefängnisalltag

„Nach der Entlassung musst du dich daran gewöhnen, dass die Welt nicht so ist, wie du sie dir erträumt hast“, sagt Anna Z, „das erschlägt dich fast“. Deshalb sei es gut, dass es Einrichtungen wie DIAdonna gibt, die sie in der Zeit nach der Entlassung unterstützen. Das „Gefühl der Freiheit“ habe sie das erste mal so richtig im Bus sitzend realisiert. „Ich konnte hinfahren, wo ich wollte, sofern der Bus in Kolbermoor mal pünktlich fährt“, sagt Anna Z. und lacht.

Die meisten Frauen würden sich schnell wieder zurechtfinden, sagt Homberg. So auch Anna Z, der es gesundheitlich wieder gut geht. „Freiheit bringt Verantwortung mit sich, der muss man nachkommen“, sagt sie. Nur die Angst vor den Vorurteilen wird vermutlich nie ganz verschwinden.