„Kohle oder Rückbau"

Traunstein/Rosenheim/Bayern - Erfolgmodell mit Kratzern: Das erste Aran-Café von später bundesweit 20 öffnete am im Dezember 1999 am Max-Josefs-Platz. Nun klagen neun frühere Franchise-Nehmer:

Das erste Aran-Café von später bundesweit 20 öffnete am 4. Dezember 1999 am Max-Josefs-Platz in Rosenheim. Zehn Jahre später wurde die von dem Rosenheimer Jürgen F. Baur gegründete Franchise-Kette „Aran – Brotgenuss & Kaffeekult“ in Düsseldorf mit dem internationalen Einzelhandelspreis „Retailer- Awards 2009“ ausgezeichnet – in der Kategorie „Innovativstes Konzept“.

Nicht in das Erfolgskonzept passen hingegen Zivilprozesse vor dem Landgericht Traunstein. In drei anhängigen Rechtsstreits geht es immer um Ähnliches: Neun frühere Franchise-Nehmer, die sich inzwischen zu der von ihnen gegründeten Marke „Pano – Brot & Kaffee“ zusammengeschlossen haben, fühlen sich von Aran über den Kaffeehaustisch gezogen. Sie glauben, zwangsweise von Aran bezogene Artikel wie Kaffee, Backwaren oder Verpackungen seien völlig überteuert gewesen. Ohne ihr Wissen seien Rückvergütungen von Lieferanten an Aran geflossen (wir berichteten).

Im Auftaktprozess vergangene Woche vor der Siebten Zivilkammer mit Richter am Landgericht Dr. Rainer Vietze forderten drei Ex-Lizenznehmer Schadensersatz in sechsstelliger Höhe. Die beklagte Aran-Kette wollte per Widerklage Ansprüche an die drei Kläger aus nicht bis zum Vertragsende entrichteten Franchisegebühren, ebenfalls in sechsstelliger Höhe, durchsetzen. Die Güteverhandlung scheiterte zwar. Dennoch zeigten sich beide Parteien letztlichvergleichsbereit. Ob ein weiterer Gerichtstermin erforderlich ist, blieb offen. Wie eine „Familie“ gaben sich die abtrünnigen Franchise- Nehmer aus München, Ulm, Ravensburg, Garmisch- Partenkirchen, Konstanz, Kempten, Ingolstadt, Regensburg und vom Flughafen München im Gerichtssaal. Alle neun Franchise-Verträge waren 2009 wechselseitig gekündigt worden. Seit Juli 2009 gab es Gespräche, aber nie eine Einigung. Die gegnerischen Parteien traten in Traunstein mit Franchise- Spezialisten an – Klägeranwalt Dr. Roger Ebert und den Beklagtenvertretern Marco Hero und Katharina Wurm. Dr. Rainer Vietze erläuterte, die Kläger machten Schadensersatzansprüche aus Lieferantenrückvergütungen jeweils zwischen rund 40 000 und 90 000 Euro für den Zeitraum 2005 bis 2009 geltend.

Die Lieferantenverträge habe allein Aran ausgehandelt. Die Filialen hätten die Ware bekommen und die Rechnungen bezahlt. Der Franchise-Geber habe versichert, die Preise „eins zu eins“ weiterzugeben, keine Rückvergütungen zu erhalten, zitierte der Richter die Kläger. Bekannt geworden sei das Rückvergütungssystem in 2009, weil ein Lieferant ein Schreiben an die falsche Adresse sandte. Die beklagte Aran-Kette mit Jürgen F. Baur an der Spitze weise vertragliche Zusagen zu Preisen zurück, informierte der Richter. Die nicht überhöhten – Preise seien aus der Preisliste ersichtlich gewesen. Im März 2006 sei die „Aran Produkte GmbH“ entstanden, 2009 mit „Webshops“ ein neues Vertriebsstruktursystem aufgebaut worden. Durch diese zusätzlichen Verwaltungskosten habe Aran nichts verdient an eventuellen Rückvergütungen. Die Widerklage von Aran fuße auf dem Verstoß der Kläger gegen den Franchise-Vertrag durch die eingestellten monatlichen Gebührenzahlungen von drei Prozent des Nettoumsatzes. Rechtsanwalt Marco Hero argumentierte weiter, die Kläger hätten mit „Pano“ ein Konkurrenzsystem aufgebaut. Die einstigen „Aran“-Standorte würden unter neuem Namen fortgeführt. Sein Mandant bestehe bei Nichtzahlung von Franchise-Gebühren auf Umbau der „Pano“- Cafés. In einer ersten rechtlichen Einschätzung sprach Richter Dr. Vietze von „einem gewissen Risiko – für die Klage wie die Widerklage“. Als Lösungsweg seitens der Kläger schlug Dr. Ebert die Zahlung von je 10 000 Euro an seine Mandanten vor.

Die Beklagtenseite forderte: „Rückkehr der Kläger ins Aran-System“ oder „Zahlung der Rückstände“, oder „finanzielle Abgeltung der Aran-Gestaltungsmerkmale“. Jürgen F. Baur hob das „Aran-Konzept“ heraus: In Kitzbühel werde eine „Pano“-Filiale gebaut – „eine exakte Aran-Kopie“. Ein Kläger erwiderte: „Wir haben drei Prozent Franchise- Gebühr ausgemacht. Tatsächlich waren es wesentlich mehr, etwa acht bis zehn Prozent. Jetzt soll ich noch mal zahlen, damit ich rauskomme? Noch weiter zahlen – das kann ich nicht!“ Der Richter schlug vor, wechselseitig auf Ansprüche sowie die Forderung auf Umbau zu verzichten. Letzteres akzeptierte Jürgen F. Baur nicht. Dazu ein Zuhörer: „An so einem Punkt waren wir schon hundert Mal. Jedes Mal kommt Herr Baur mit einer anderen Kleinigkeit. Er will entweder Kohle oder Rückbau.“

kd

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