Aus dem Knast an Rosenheimer Schulen: Ist ein Ex-Junkie der Richtige, um vor Drogen zu warnen?

Aufmerksam verfolgten die Schüler der Johann-Rieder-Realschule den Vortrag. re

Früher haben die Drogen sein Leben bestimmt, heute steht er vor Schulklassen und hält einstündige Vorträge: Der Ex-Junkie und Ex-Dealer Dominik Forster (31) warnt Jugendliche vor Drogen. Was als Suchtprävention gedacht ist, findet allerdings nicht nur Zustimmung.

Rosenheim – Fast zehn Jahre ist es her, da lag Dominik Forster in seiner Wohnung in Nürnberg. Zugedröhnt. Vollgekackt. Paranoid. So paranoid, dass er dachte, unter seiner Haut befänden sich Käfer. „Ich habe versucht, die Käfer mit einer Nagelschere und einem Feuerzeug herauszupulen“, sagt Forster. Er nimmt Speed, Koks und Crystal Meth. Manchmal alles zusammen. Dazu raucht er unzählige Joints und Zigaretten. Seine Drogensucht finanziert er selbst –  erst über sein Ausbildungsgehalt, später über seine Einnahmen als Drogendealer.

Vater ist Alkoholiker, Mutter tablettensüchtig

Niemand hält ihn auf. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter tablettenabhängig. Freunde hat er keine, wird in der Schule gemobbt. Die Drogen helfen ihm. Beim Vergessen. Beim Freunde finden. „Der Coolste war eben der, der am meisten raucht, trinkt und kifft“, sagt er. Dominik Forster war der Coolste. Jedenfalls für eine kurze Zeit.

Zwei Jahre und sechs Monate im Gefängnis

Dann folgt der Absturz. Schmerzen, Paranoia, Wahnvorstellungen. Forster spricht von Schleimfäden, an denen er fast erstickt wäre, von seiner grün-gelben Haut, rissigen Lippen und offenen Stellen im Mund. Drogen nimmt er weiterhin. Bis eines Tages die Polizei mit einem Sondereinsatzkommando bei ihm in der Wohnung steht, mit neun Jahren Haft droht.

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Verurteilt wird er für zwei Jahre und sechs Monate. „Die Jugendhaft war schrecklich. Da sitzen Leute, die ihre Mutter bei lebendigem Leib mit der Axt zerstückelt haben. Richtige Psychopathen“, sagt Forster.

Nicht geeignet für Drogenprävention an Schulen

Ein Lebensweg, Lebenserfahrungen, die nicht übertragbar sind. Eine individuelle Geschichte. Eine „krasse Geschichte“, wie Jugendliche immer wieder sagen, wenn Forsters Geschichte gehört haben. Und genau deswegen nicht geeignet für die Drogenprävention an Schulen, sagt Benjamin Grünbichler, Geschäftsführer von „Neon – Prävention & Suchthilfe“ in Rosenheim. „Storys“ wie die von Forster funktionierten als „gute Unterhaltung“, hätten aber mit der „Lebenswelt der Jugendlichen nichts zu tun“, sagt Grünbichler.

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Einen Ex-User vorzustellen, hält er für den falschen Weg. Besser sei es, Themen des Einzelnen ganz individuell zu betrachten. Das allerdings sei natürlich eine Frage der Ressourcen. Diese Form der Suchtprävention hält er für „old school“. Sie gehe davon aus, dass man etwas nicht haben wolle. Wichtiger sei es aber, den Jugendlichen ein „Handwerkszeug“ mitzugeben, dass sie stark macht in Sachen Lebenskompetenz und Selbstbewusstsein. Schulen könnte dabei „nur einen kleinen Beitrag“ leisten, sagt Grünbichler. Das meiste Engagement müsste innerhalb des Elternhauses geleistet werden. „Starke Kinder kommen aus starken Elternhäusern.“

Schwierige Startbedingungen

Insofern hatte Dominik Forster mit seinen beiden süchtigen Eltern äußerst schlechte Startbedingungen. Dass er am Ende sogar im Gefängnis saß, bewertet er im Rückblick dennoch positiv: Es habe ihm das Leben gerettet: „Wäre ich nicht in den Knast gekommen, wäre ich mit 21 Jahren gestorben“, sagt er.

Nach dem Gefängnis folgt Obdachlosigkeit

Nach dem Gefängnis folgt die Obdachlosigkeit. Forster hat 23 000 Euro Schulden. Er weiß, dass er Hilfe braucht. Als er bei der Nürnberger Drogenberatung den Sozialarbeiter Norbert Wittmann trifft, nimmt sein Leben eine positive Wendung.

2010 bis 2012 geht auf Therapie, ist seither clean, macht auch um den Alkohol einen großen Bogen.

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Seit drei Jahren reist er durch ganz Deutschland, gibt kostenlose Vorträge und erzählt seine Geschichte. 2017 veröffentlicht er sein erstes Buch, „crystal.klar“. Bisher hat er 700 Vorträge vor mehr als 100 000 Menschen gehalten. Jüngst war er in Rosenheim, besuchte die Johann-Rieder-Realschule und das Ignaz-Günther-Gymnasium.

Drogen sollen nicht mehr tabuisiert werden

In seinen Vorträgen beschönigt Dominik Forster nichts. Die Bilder seiner Sucht sind schmerzhaft und verstörend. Seine Sprache ist klar, seine Wortwahl lässt Lehrer und Erwachsene zusammenzucken. Forster ist das egal. Er will, dass ihm die Jugendlichen zuhören. Will erreichen, dass Drogen nicht mehr tabuisiert, sondern früh genug bekämpft werden. Die Reaktionen? Die Schüler reagierten positiv, sagt Forster. Seien erschüttert, wie schnell der Abstieg folge, wenn man sich auf Drogen einlasse.

Freude über die positive Resonanz

Positives Feedback, das Forster freut. Auch und gerade weil er Jugendliche davor bewahren will, seine Fehler zu wiederholen. Zehn Jahre nach seiner Zeit als Drogenabhängiger, genießt er sein neues Leben, seine zweite Chance. „Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Es gibt kein besseres High, als Bock auf sein Leben zu haben.“

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