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Klimaforscher im Interview

Eiszeit-Lehren für unser Klima: „Es geht ums Überleben unserer Zivilisation!“

Eine Unwetterserie hielt vergangenen Sommer die Region Rosenheim in Atem. Laut Klimaforschern sind solche Extremereignisse wegen Klimawandels häufiger zu erwarten.
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Eine Unwetterserie hielt vergangenen Sommer die Region Rosenheim in Atem. Laut Klimaforschern sind solche Extremereignisse wegen Klimawandels häufiger zu erwarten.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Starke Unwetter, Hitzewellen: Die Warnzeichen häufen sich. „Es geht um das Überleben der Zivilisation, wie wir sie kennen“, warnt der Klimaforscher Prof. Dr. Rahmstorf. Der Mitgestalter der Ausstellung „Eiszeit“ in Rosenheim spricht Klartext, wie viel Zeit wir noch haben. Und welche Vorteile die Menschen der Eiszeit hatten.

Herr Prof. Rahmstorf, haben wir womöglich schon entscheidend zu viel Zeit verloren? Ende der 90er Jahre bereits sprachen Sie von der „Achterbahnfahrt“ des Klimas.

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf: Vergangene Woche war der 30. Geburtstag vom Erdgipfel in Rio de Janeiro. Am 3. Juni 1992 begann diese Rio-Konferenz, auf der die Weltgemeinschaft beschloss, einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Man hätte sagen können, die Politik konnte damals bereits hören, was die Wissenschaft zu sagen hat. Nur wissen wir alle, dass die Emissionen seit 1992 immer weiter gestiegen sind. Es sind keine Konsequenzen gezogen worden – bisher! Mittlerweile spitzt sich die Klimakrise dramatisch zu.

Blütenstaub gestresster Fichten in dicken Schichten, Dürre im Norden Bayerns, ganze Unwetter-Serien letzten Sommer auch im Süden, schneearme Winter: Sind das noch Warnzeichen? Oder sind wir schon mittendrin?

Rahmstorf: Wir sind auf jeden Fall mittendrin im Klimawandel. Die globale Mitteltemperatur ist unser wichtigster Indikator. 1988 hat der Nasa-Wissenschaftler James Hansen vor dem US-Senat davon gesprochen: vom Temperaturanstieg, vom Treibhauseffekt, von Hitzewellen. Und davon, dass dieser Effekt von den CO2-Emissionen des Menschen herrührt. Er hat gesagt, was lange vorgesagt war, ist jetzt in den Messdaten sichtbar. Was wir in den Wetter-Ereignissen jetzt sehen, ist seit 30 Jahren vorhergesagt, ebenso die Zunahme von Hitze und Dürre.

„In Deutschland nicht gegen den Klimawandel gefeit“

Keller leer pumpen, Dächer decken, Sandsäcke bereitlegen, Lackschäden ausbessern – so schlimm das ist: Im weltweiten Vergleich sind wir in Südbayern fast in einer Klimazone der Seligen.

Rahmstorf: Na ja, wir in Deutschland sind auf keinen Fall gegen den Klimawandel gefeit. Wir haben die Flut 2002 in Deutschland gesehen, 2003 folgte der Hitzesommer. Europaweit gab es damals 70.000 Tote. In Frankreich war der Peak in der Mortalität höher als während Corona jetzt. Die Extremereignisse kommen heftiger und häufiger. Wir sind auch betroffen, wenn es in anderen Teilen der Welt zu Dürren und Hunger kommt. Die Massenproteste in Syrien gegen das Assad-Regime begannen nach der schlimmsten Dürre in der syrischen Geschichte. Da gab es 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Das hat die Unzufriedenheit mit der Regierung dramatisch verschärft. Die politischen Auswirkungen spüren wir bis heute auch in Deutschland.


In Rosenheim sehen wir derzeit eine „Eiszeit“-Ausstellung. Die Lebensumstände waren damals, vor Zehntausenden Jahren, sehr schwierig. Man könnte daraus die optimistische Botschaft ziehen, dass der Mensch sich bestens auf drastisch veränderte Bedingungen einstellen kann.

Rahmstorf: Wir steuern auf eine Erwärmung zu, die uns bereits aus dem Bereich des Holozäns, also des Zeitraums der vergangenen 120.000 Jahre hinausführen. Wir bewegen uns auf Temperaturen zu, die es seit Millionen von Jahren nicht mehr gegeben hat. Das heißt aber, dass die Natur, dass Tiere, Pflanzen, Ökosysteme, seit Millionen von Jahren nicht an solche Temperaturen angepasst sind. Sie sind dafür nicht gemacht. Das bedeutet, dass die Ökosysteme, auf denen auch unser Überleben beruht, massiv gefährdet sind. Der zweite Punkt: Ein paar Zehntausend Jäger und Sammler haben sich natürlich anpassen können. Zum Beispiel auf einen Anstieg des Meeresspiegels am Ende der Eiszeit um 120 Meter. 

Was heute das Ende nicht nur für viele Küstenstädte, sondern sogar ganze Länder bedeuten würde. 

Rahmstorf: Mit der heutigen modernen Gesellschaft haben wir schon massive Probleme, wenn wir auch nur einen Meter Anstieg bekommen. Insgesamt haben wir noch genug Eis auf den Kontinenten, vor allem in der Antarktis und auf Grönland, um den Meeresspiegel um 65 Meter ansteigen zu lassen. Das wird sicherlich nicht passieren. Aber: Wir können es uns nicht einmal erlauben, wenige Prozent der Kontinental-Eismassen zu verlieren.

„Kohlendioxid-Werte so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht“

Es gibt Menschen, die den Klimawandel leugnen und betonen, dass die Antike und das Hochmittelalter, als hochgelegene Gegenden wie das Priental überhaupt erst besiedelt werden konnten, ebenfalls ausgesprochene Warmphasen waren. Was entgegnen Sie denen?

Rahmstorf: Wir wissen, dass sich das Klima immer wieder gewandelt hat. Das wissen diese Leute ja von uns Paläoklimatologen. Ich erforsche das ja seit 30 Jahren. Und wir haben weltweit als Erste schon in den 90er Jahren Eiszeitsimulationen mit unserm globalen Computermodell gemacht. Mittlerweile können wir alle Eiszeiten der vergangenen drei Millionen Jahre erfassen. Ich kann diesen Leuten nur sagen, dass gerade die Paläoklimatologen besorgt sind. Weil sie wissen, wie empfindlich das Klimasystem auf Störungen reagiert und damit natürlich auch auf die massive Erhöhung der CO2-Werte, die wir momentan verursachen. Die sind so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht.

In der Diskussion um den Klimawandel geht’s immer auch um die Kippschalter, die den Punkt signalisieren, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist.

Rahmstorf: Na ja, es gibt diese kritischen Belastungspunkte, an denen ein Öko-System kippt. An den Korallenriffen sehen wir das bereits. Wir befinden uns bereits mitten in einem weltweiten Korallensterben. Das Great Barrier Reef vor Australien größtenteils ausgebleicht, weil die für die Korallen tolerierbare Temperaturgrenze des Meerwassers überschritten worden ist. Und dann gibt es diese physikalischen Kipppunkte, bei denen kontinentale Eismassen destabilisiert werden oder die Nordatlantikströmung erlahmen kann. Das sind Ereignisse, die wir in der Erdgeschichte wiederholt gesehen haben. Das Versiegen der Nordatlantikzirkulation durch Eisschmelze, also durch den Einstrom von Süßwasser in den Nordatlantik, hat es auch bei der Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit gegeben. Jetzt kommt wieder jede Menge Süßwasser in den Nordatlantik, weil das Grönland-Eis zunehmend schmilzt. Wir reden da von Großrisiken für die Menschheit.

„Deutschland ist kein Vorreiter“

Gibt es noch Hoffnung? Selbst wenn wir Deutschen unsere Klimaziele erreichen können, heißt das im Bezug auf die gesamte Welt nicht viel.

Rahmstorf: Die Gefahr, dass es die Deutschen alleine schaffen, besteht nicht. Viele andere Länder reduzieren ja viel stärker. Wir sind also keine Vorreiter. Letztlich gibt es dafür ja das Pariser Abkommen. So gut wie alle Staaten der Welt haben sich darauf geeinigt, um Anstrengungen zu unternehmen., den Anstieg der Temperatur weltweit auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dem haben sich solche Staaten wie Saudi Arabien und Russland und China zugestimmt. Weil alle wissen, was auf dem Spiel steht.


Nun glaubt man mittlerweile zu wissen, dass sich Russland und China nicht immer an Vereinbarungen halten. Sind Sie optimistisch, dass wirklich alle mitmachen?

Rahmstorf: Das ist eine schwierige Frage, weil es natürlich keine Organisation weltweit gibt, keine Weltregierung, die durchsetzen kann, dass alle Staaten mitmachen. Es wird wahrscheinlich Trittbrettfahrer geben, die sich nicht an alle Regeln halten. Deswegen bin ich davon überzeugt, und darüber wird in der EU ja auch schon nachgedacht, dass es Zölle geben wird. Für Produkte aus Staaten, die die Klimaziele nicht einhalten. Einfach, um die vor billigen Einfuhren zu schützen, die klimafreundlicher aber auch teurer produzieren.

Deutschland in 50 Jahren, wie wird es aussehen?

Rahmstorf: Ich habe keine Glaskugel. Weil es eben sehr stark von der Politik abhängt. Wir können natürlich Szenarien berechnen, aufgrund von unterschiedlichen Annahmen, wie stark Emissionen steigen oder fallen. Und da gibt es riesige Unterschiede. Wenn wir einen Pfad innerhalb des Pariser Abkommens einhalten, dann werden wir auch deutlich wärmere Temperaturen und Wetterextreme haben, aber in einem Maß, bei dem man sich noch anpassen kann, auch wenn es teuer wird. Wenn wir allerdings auf eine Drei-Grad-Welt zusteuern, dann ist es sehr schwer vorherzusagen, wie es aussehen wird. Wir können sagen, wie warm es dann ist. Aber was auf der weltpolitischen Bühne passiert, wenn es weltweite Hungersnöte und politische Instabilität gibt, das vermag niemand vorherzusagen. Ich glaube, dass dann das zivilisierte Zusammenleben der Menschen an Belastungsgrenzen kommen wird.


Dennoch gab es in den vergangenen Jahren immer wieder wichtigere Themen. Stichwort Corona. Können Sie das nachvollziehen?

Rahmstorf: Ich kann es nur insofern nachvollziehen, als offensichtlich viele Menschen in der Politik, aber auch in der Bevölkerung immer noch nicht verstanden haben, was auf dem Spiel steht. Denen kann ich nur anraten, den aktuellen Bericht des Weltklimarats reinzuschauen. Es geht um das Überleben der Zivilisation, wie wir sie kennen. Es geht vor allem darum, keine Zeit mehr zu verlieren. Denn um noch eine Chance zu haben, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen wir bis 2030 die Emissionen weltweit halbiert haben. Man hätte es ursprünglich gemächlich angehen können, doch wegen all der Widerstände und Versäumnisse nach dem Rio-Gipfel 1992 ist heute eine Notbremsung notwendig.

Wie in den ersten Monaten der Pandemie. Erinnern Sie sich noch, wie klar der Himmel auf einmal war?

Rahmstorf: Ich erinnere mich vor allem daran, dass man zu Beginn der Pandemie gemerkt hat, die Politik kann tatsächlich handeln. Sie kann zum Beispiel den Flugverkehr einstellen. Es müsste möglich sein, in so einer Klima-Notlage wirksame und tiefreichende Maßnahmen zu ergreifen.

Was kann ich als Einzelner tun?

Rahmstorf: Ich kann als Einzelner sehr viel tun. Etwa mir anschauen, wo die großen CO2-Emissionen in meinem Haushalt sind. Wenn man noch fossil heizt, kann man die Heizung zum Beispiel auf Wärmepumpe umstellen. Dann das Fliegen. Es fliegen, glaube ich, nur zwei Prozent der Weltbevölkerung. Aber vor allem Fernflüge stellen einen Riesenfaktor bei den Emissionen dar. Es ist wichtig, dass man sich der Energiewende nicht noch entgegenstellt und erneuerbare Energien bekämpft oder Parteien wählt, die Klimaschutz nicht ernst meinen, sondern dass man ab und zu mal an einer Demonstration von Fridays for Future oder Scientists for Future teilnimmt.

Machen wir nochmal Station bei der „Eiszeit“ in Rosenheims Lokschuppen. Ist das bloß eine unterhaltsame History-Show, oder kann man da wirklich fürs Leben was lernen?

Rahmstorf: Ich glaube schon, dass solche Ausstellungen und überhaupt ein Blick in die Menschheitsgeschichte wichtig sind, um sich klarzumachen, dass wir in einer langen Entwicklung dieser Menschheit auf diesem Planeten stehen. Wir mussten lernen, mit Feuer umzugehen, zu überleben und etwas zu essen zu finden. Wir sehen, dass diese heutige Hyperkonsum-Gesellschaft keineswegs der Normalfall ist und mit Sicherheit in dieser Form in Zukunft auch nicht fortbestehen kann. In der Vergangenheit hat es bereits massive Klimaveränderungen gegeben, aufgrund natürlicher Ursachen wie den Erdbahnzyklen. Die sind zum Glück so langsam, dass in den nächsten Jahrtausenden nichts droht. Wir haben es jetzt halt in der Hand, einen sehr gefährlichen Klimawandel in letzter Minute noch zu verhindern. 

Warnt vor den Folgen des Klimawandels: Prof. Dr. Stefan Rahmstorf

Zur Person: Prof. Stefan Rahmstorf

Prof. Dr. Stefan Rahmstorf (62) ist einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher. Seine Schwerpunkte sind Ozeanographie und Paläoklimatologie. Er leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Rahmstorf ist mit zahlreichen Veröffentlichungen bekannt geworden. Gemeinsam mit Hans Joachim Schellnhuber veröffentlichte er bei C.H.Beck in der Reihe „Wissen“ einen kompakten Überblick mit dem Titel „Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie.“ Er spielte eine wichtige Rolle bei der wissenschaftlichen Ausarbeitung der Ausstellung „Eiszeit“, die derzeit im Lokschuppen Rosenheim zu sehen ist.

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