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Geschäftsaufgabe in der Rosenheimer Innenstadt

Kein Stoff für die Zukunft: Nach 120 Jahren schließt Stoff-Reich am Mittertor

Eine Ära geht zu Ende:Karin Stäbler schließt nach den Herbstferien ihr Geschäft Stoff-Reich am Mittertor. Heise
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Eine Ära geht zu Ende. Das beliebte Traditionsgeschäft am Mittertor wird es bald nicht mehr geben. Nach dem Herbstfest ist Schluss. Die Trauer bei den Inhabern ist groß.

Rosenheim– In Rosenheim gibt es immer weniger Traditionsgeschäfte: Nach 120 Jahren geht auch am Mittertor eine Ära zu Ende. Am 15. September schließen Stoff-Reich und die Rosenheimer Dirndlwerkstatt endgültig.

Blaue Baumwollstoffe, bestrickter Samt und zarte Jacquardseide: Die Vielfalt an Farben und Materialen im Stoffhaus Alois Reich ist überwältigend. Es gibt Knöpfe, Spitzen, Nähgarn und Satinbänder. Mittendrin: Karin Stäbler (59) und Maria Huber (48). Huber ist die Geschäftsführerin, Karin Stäbler und ihr Mann Wolfgang sind die Inhaber.

Viele Gründe für die Schließung

Doch jetzt ist für alle Schluss. Das Traditionsgeschäft macht nach den Herbstferien zu. Die Trauer ist groß. „Mir blutet das Herz“, sagt Dr. Wolfgang Stäbler. Auch für seine Frau sei das Mittertor ohne die beiden Geschäfte nur schwer vorstellbar. Und doch muss es sein. Lange hat das Ehepaar überlegt. Am Ende haben die Gründe für das Zusperren aber überwiegt, erzählen die beiden. Das Kundenverhalten habe sich verändert. Das Interesse am Dirndl gehe immer mehr zurück. Heute werde es fast ausschließlich zu den traditionellen Festen getragen. Und auch dann genüge vielen ein billiges „Pseudo-Dirndl“, sagt Stäbler. Bereit dafür, die aufwendige Handarbeit des Dirndlschneiders zu honorieren, seien nur die wenigsten.

Verändertes Gesellschaftsbild

Auch das Gesellschaftsbild ist nicht mehr das Gleiche. Immer weniger Frauen schneidern selbst. Viele sind berufstätig. Damit ging auch die Zahl der potenziellen Kunden zurück.

„Wir hätten unser Geschäftsmodell komplett überdenken müssen“, weiß das Ehepaar. Eine Kraft, die beide nicht mehr aufbringen wollten. Zumal es auch keinen Nachfolger gegeben hätte. Das Ehepaar hat zwar zwei Kinder, die seien aber in anderen Berufen erfolgreich tätig.

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Umbauarbeiten am Reindl-Haus beeinflussen Entscheidung

Die endgültige Entscheidung, das Geschäft zu schließen, fiel, als das Ehepaar von der anstehenden Sanierung des Mittertors und dem Umbau des Reindl-Hauses erfuhr. „Die Bauarbeiten lassen eine Durststrecke erwarten, die wir einfach nicht auf uns nehmen wollen“, sagt Dr. Wolfgang Stäbler. Die Entscheidung steht – und damit das Ende eines Familienbetriebs, mit einer über 120-jährigen Geschichte.

Am Anfang stand eine Hochzeit

Am Anfang stand eine Hochzeit. Firmengründer Alois Reich heiratete 1888 die Rosenheimer Kaufmannstochter Anna Schauer. Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten sie zwei Textilläden. Das Geschäft ging an die Tochter Anna Wolf über. Im Alter von 90 Jahren übergab Wolf das Geschäft an deren Tochter Annelies Stäbler, die 1986 tödlich verunglückte.

Stäbler übernimmt Laden ohne Erfahrung

Jetzt war es an Wolfgang Stäbler und seiner Frau Karin, den Laden weiterzuführen. Ohne jegliche Erfahrung nahm sich Karin Stäbler der Sache an. Sie gab ihren Job als Lehrkraft auf und investierte ihre ganze Kraft und Energie in das Familiengeschäft. Nach und nach entwickelte sie aus den beiden „textilen Tante-Emma-Läden“ ein Fachgeschäft für Trachtenstoffe mit Maßschneiderei, der „Rosenheimer Dirndlwerkstatt“. Außerdem stellte Karin Stäbler einen internationalen Online-Versandhandel mit mehreren Markenshops für Wäsche und Sportbekleidung auf die Beine. Stoff Reich wurde die erste Anlaufstelle für Hobby-Näherinnen, Maßschneidereien, Theaterhäuser und Trachtenvereine. Auch die Ausbildung von jungen Schneiderinnen war für Karin Stäbler eine Herzensangelegenheit.

Fast keine Aufträge im Winter

In den vergangenen Jahren stagnierte der Umsatz. Das Geschäft entwickelte sich immer mehr zu einem Jahreszeiten-Geschäft. Während sich der Laden in der Zeit vor dem Herbst- und Oktoberfest vor Aufträgen kaum retten kann, gibt es in den Wintermonaten wenig Kunden. Es sei immer schwieriger geworden, den Laden über das gesamte Jahr wirtschaftlich zu betreiben, sagt Stäbler. Schon jetzt verkünden zwei Plakate an den Schaufenstern einen Abverkauf. Sobald alles weg ist, will das Ehepaar den Laden vermieten – am liebsten an ein traditionelles Gewerbe.

Acht Angestellte müssen neue Arbeit finden

Bis dahin müssen sich die acht Angestellten nach einer neuen Arbeit umgeschaut haben – auch Maria Huber. Die Geschäftsleiterin weiß im Moment noch nicht, was die Zukunft für sie bereit hält. Sie genießt lieber die verbleibenden Monate in ihrem Stoffreich.

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