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Wechsel bei der katholischen Leitung

Kein Job für Superhelden: So hilft die Rosenheimer Notfallseelsorge bei tragischen Ereignissen

Auch mit dem Motorrad im Einsatz: Thomas Jablowsky ist für die katholische Seite der neue Leiter der ökumenischen Notfallseelsorge im Landkreis Rosenheim und koordiniert künftig die Arbeit der Helfer.
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Auch mit dem Motorrad im Einsatz: Thomas Jablowsky ist für die katholische Seite der neue Leiter der ökumenischen Notfallseelsorge im Landkreis Rosenheim und koordiniert künftig die Arbeit der Helfer.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Rosenheim – Der Tod gehört zum Leben, und dennoch ist es für Hinterbliebene ein Einschnitt, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Gerade, wenn es unter tragischen Umständen geschieht. Für solche Fälle gibt es die psychosoziale Notfallseelsorge. Ein Gespräch mit dem scheidenden und neuen Leiter der katholischen Sektion dieses ökumenischen Projekts über dessen Arbeit im Laufe der Jahre, Ablehnung und Grenzen.

Herr Demmel, Sie geben die katholische Leitung der ökumenischen Notfallseelsorge ab. Warum?

Andreas Demmel:Altersbedingt. Ich wollte mit 70 kürzertreten. Ich bin aber weiterehrenamtlich im Team dabei. Es ist ein wertvoller Dienst, wenn wir als Kirche für Menschen da sein können, die mit einem unerwarteten Todesfall konfrontiert werden. Das ist die grundsätzliche Definition von Notfallseelsorge und Krisenintervention.

Herr Jablowsky, Sie folgen auf Herrn Demmel. Wie kamen Sie zur Notfallseelsorge?

Thomas Jablowsky:Während der Ausbildung zum Diakon habe ich Hermann Saur kennengelernt. Er war damals Diözesaner Leiter der Notfallseelsorge und daneben Leiter des sogenannten Diakonatskreises zur allgemeinen Ausbildung. Er hat mich für das Thema Notfallseelsorge sozusagen „angefixt“ und mich in die Ausbildung gelockt. Mit meiner Weihe zum Diakon 2015 bin ich in den Dienst hier im Landkreis eingestiegen, weil man auch händeringend auf Leute gewartet hat, die den weiteren Dienst unterstützen.

Welcher Weg hat Sie wiederum zur Notfallseelsorge geführt, Herr Demmel?

Demmel: Das war 1995. Als vom Initiator der Notfallseelsorge Rosenheim, dem damaligen evangelischen Pfarrer von Kolbermoor Peter Bertram an die katholischen Dekanate die Anfrage gekommen ist, ob es hierfür auch bei den katholische Seelsorgern Interessenten gibt. Es hat mich erstens interessiert, wie das funktioniert. Ich habe es gewagt, mich auf Situationen einzulassen, bei denen wir vorher nie genau wissen, wo wir eigentlich hingerufen werden. Mein Interesse bestand immer darin, in Notsituationen Menschen beizustehen. Ich habe das ja auch in der „normalen“ Seelsorge schon erlebt, wenn es zu plötzlichen tragischen Todesfällen kam.

Andreas Demmel aus der Gemeinde Pfaffing gibt seine Leitungsfuktion auf.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Verlauf der Zeit verändert?

Demmel:Im Grunde nicht viel. Es wird immer dramatische Situationen nach plötzlichen tragischen Todesfällen geben. Das war vor 25 Jahren genauso wie heute.

Jablowsky:Was sich verändert hat, ist die Organisationsebene. Was Andreas Demmel 25 Jahre zusätzlich und quasi ehrenamtlich gemacht hat, geht so nicht mehr. Das hat die katholische Kirche auch erkannt. Deswegen hat man eine neue Stelle geschaffen, die ich praktisch schon mit 25 Prozent ausfülle. Diese 25 Prozent sind nicht primär für Einsätze gedacht, auch wenn ich weiter Einsätze fahre. Diese Stelle zeigt aber, wie wichtig und wertvoll die bisherige langjährige Arbeit von Andreas Demmel war. Er war und ist eine große Stütze im System der Notfallseelsorge hier im Landkreis Rosenheim. Er hat so viel im Verborgenen geleistet, das kann man gar nicht genug würdigen.

Nun übernehmen Sie. Welche Schwerpunkte wollen Sie angehen?

Jablowsky: Meine Aufgabe dreht sich in dieser Funktion vor allem um die Organisation, die Öffentlichkeitsarbeit, Gremienarbeit, aber auch darum, sich um die Kollegen zu kümmern und Fortbildungen zu organisieren. Und um die Akteure im Katastrophenschutz mit uns besser zu vernetzen. Da kann ich auf die gute Arbeit meines Vorgängers aufbauen, sowie auf die gute Kooperation mit der evangelischen Kirche, wo es bereits seit einigen Jahren eine halbe Stelle gibt, die Pfarrer Peter Peischl ausfüllt.

Wie soll diese Vernetzung geschehen?

Jablowsky: Hier gibt es einerseits eine Arbeitsgemeinschaft, in der wir mit allen Akteuren der psychosozialen Notfallversorgung zusammenkommen. Ich sitze dort im Vorstand. Wir mussten uns aber auch schon deswegen vernetzen, um abschätzen zu können, wie wir unsere Dienstpläne zu organisieren. Die ökumenische Notfallseelsorge und der Kriseninterventionsdienst des BRK haben sich bislang die Bereitschaftszeiten geteilt. Vor Kurzem sind noch die Johanniter dazugekommen.

Lesen Sie auch: Seelsorger können Menschen in akuten Krisen unterstützen

Wird Ihre Hilfe auch mal abgelehnt?

Jablowsky: Wenn ich zu Einsatzorten komme, höre ich oft: Ach, wir brauchen jetzt keinen Seelsorger. Dem entgegne ich: Jetzt bin ich einfach mal da, und dann sehen wir weiter. Und wenn ich dann nach zwei oder mitunter vier Stunden gehe, werde ich verabschiedet mit den Worten: Das war jetzt aber gut, dass Sie da waren. Die Leute realisieren am Anfang gar nicht, dass sie Hilfe brauchen. Vor allen Dingen haben sie eine falsche Vorstellung von unser Hilfe.

Bedeutet?

Jablowsky: Es geht manchmal um ganz praktische Fragen: Wie geht es weiter? Wann darf die Leiche geholt werden, wer ist dafür zuständig? Warum ist jetzt Polizei da? Mit einem Todesfall ist man eher selten konfrontiert im Leben. Und dann noch mit dem Tod eines Menschen, für den man als Angehöriger verantwortlich ist. Hier sind Menschen über die Trauer hinaus damit total überfordert. Oft hören wir aber einfach nur zu und sind einfach da.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen müssen: Hierfür bin ich nicht mehr zuständig?

Jablowsky: Das ist der Fall, wenn es über das Akute hinaus um eine Psychotherapie geht. Hier liegt unsere Grenze, denn in diesem Bereich können wir nicht weiterhelfen. Dann geben wir ab. Hier kennen wir Profis, an die wir die Betroffenen weitervermitteln können.

Gab es bei Ihnen Fälle, die Sie besonders mitgenommen haben?

Jablowsky: Dinge wie ein erweiterter Suizid, also wenn ein Mensch, bevor er sich selbst das Leben nimmt, noch andere tötet, sind immer schrecklich. Auf der anderen Seite erinnere ich mich an einen Fall, wo ein Kind bei seinen Verwandten unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist. Das Kind hat zu mir schnell Vertrauen aufgebaut. Es hat mir so leidgetan, dass ich versucht war, unsere selbst gesteckten Grenzen, ab Einsatzende nicht mehr zuständig zu sein, zu überschreiten und mich weiter um es zu kümmern. Da wacht der normale Seelsorger in mir auf.

Haben Sie diese Grenze überschritten?

Jablowsky: Nein. Ich hatte natürlich der Familie bei meinem Abschied angeboten, nochmal Kontakt zu uns Notfallseelsorgern aufzunehmen. Aber die Erwachsenen waren eher ablehnend. Hier habe ich schon mit mir gekämpft, habe aber auch den Vorteil, mit meiner Frau darüber sprechen zu können. Quasi Supervision am Küchentisch.

Demmel:Die eigentliche Gruppensupervision in unserem Notfallseelsorgeteam erfolgt ja oft erst einige Wochen später. Auch ich hatte schon Situationen, mit denen ich haderte. Besonders wenn es ein Kind betrifft. Auch mir hilft es, zu Hause erst mal kurz mit meiner Frau über das Geschehene zu sprechen. Natürlich, ohne Namen zu nennen. Dann kann ich zumindest wieder schlafen.

Wenn ich mich entscheide, mich als Notfallseelsorger zu engagieren: Ist ein funktionierendes soziales Netz denn Mindestvoraussetzung?

Demmel:Stabile Familienverhältnisse sind durchaus wichtig. Darauf legen wir Wert. Vor allem, wenn jemand meint, er kann sich über diese Aufgabe selbst bestätigen.

Jablowsky: Wir brauchen auch im kirchlichen Bereich unbedingt mehr ehrenamtliche Kräfte, also Ehrenamtliche, die nicht aus einem Seelsorgeberuf, kommen wie sie es bei BRK und Johannitern ja ausschließlich gibt. Auf katholischer Seite werden dafür gerade organisatorisch einige Weichen gestellt. Auch die katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorger machen den Dienst ehrenamtlich, neben ihren sonstigen beruflichen Tätigkeiten.

Also kein Job für Einzelgänger.

Demmel:Wichtig ist, dass jemand in seiner Persönlichkeit stabil ist.

Jablowsky: Die Leute müssen kommunikativ sein, aber auch verschwiegen. Und sie müssen ihre Grenzen kennen. Wir können keine Kollegen brauchen, die meinen, sie seien Superman. Es geht ums Zuhören und darum, bei Einsätzen situativ entscheiden zu können. Im Vordergrund steht: Was brauchen die Betroffenen jetzt wirklich?

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