Dr. Peter Zwanzger im Interview

Ärztlicher Leiter am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg rät: Keine Angst vor der Corona-Angst

Versinken im Corona-Blues: Die dunkle Jahreszeit schlägt heuer bei vielen Menschen noch mehr auf die Seele.
+
Versinken im Corona-Blues: Die dunkle Jahreszeit schlägt heuer bei vielen Menschen noch mehr auf die Seele.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
    schließen

Wen quält sie nicht, die Angst, an Corona zu erkranken oder davor, dass betagte Eltern an der Infektion sterben? „Das ist normal“, sagt Professor Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg. Der Mediziner gibt Tipps, wie die Menschen der Angst begegnen können.

Wasserburg – Der renommierte Angstexperte sagt, Angst habe eine lebenswichtige, weil schützende Funktion. Doch wenn die Angst zum Alltag zu gehören scheint, wie derzeit in der Pandemie, macht sie selber Angst. Im Interview erläutert Zwanzger, der internationale Studien zum Thema zusammengefasst hat, was gegen den Corona-Blues und die quälenden Sorgen getan werden kann.

Aktuelle Nachrichten und Artikel rund um das Thema Coronavirus in der Region finden Sie auf unserer OVB-Themenseite

Gibt es schon wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Folgen der Corona-Krise für die seelische Gesundheit?

Professor Dr. Peter Zwanzger Ärztlicher Direktor

Dr. Peter Zwanzger: „Mittlerweile gibt es eine beachtliche Anzahl an Studien, die sich mit den unterschiedlichen Aspekten von Angst und anderen psychischen Symptomen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie beschäftigt. Relativ früh wurden in China die psychologischen Folgen der Krise untersucht.

Die Hälfte der befragten Personen in einer beispielhaft herangezogenen Studie berichtet über zum Teil erhebliche psychische Belastungen. Ende März hat sich eine Online-Umfrage in Deutschland bei 6500 Personen der Frage gewidmet. Bei über 50 Prozent traten Angst und Stresssymptome auf. Soziale Isolation macht den Menschen zu schaffen.

Lesen Sie auch:

Zurück zur Schule in Bayern: Freude und Angst vor dem Coronavirus gehen mit in den Unterricht

Besonders leiden Kinder und Jugendliche unter der erzwungenen Einsamkeit. Stark belastet sind auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die schließlich bei der Bewältigung der Pandemie massiv gefordert sind und ein erhöhtes Risiko haben, sich zu infizieren.“

Wie reagieren Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Dr. Zwanzger: „Sie sind besonders betroffen – sowohl im Hinblick auf eine Verschlechterung der psychischen Störung als auch hinsichtlich des Infektionsrisikos. Das stellen wir auch am Inn-Salzach-Klinikum fest. Patienten, die bereits unter einer psychischen Erkrankung leiden, sind oftmals nur eingeschränkt in der Lage, Hygienemaßnahmen einzuhalten.

Sie verstehen nicht, warum sie soziale Distanz halten sollen. Eine Untersuchung der Deutschen Depressionshilfe hat gezeigt, dass Menschen mit depressiven Erkrankungen deutlich stärker durch die Corona-Maßnahmen belastet sind als die Allgemeinbevölkerung. Interessanterweise haben depressiv Erkrankte keine erhöhe Infektionsangst.

Die notwendigen Hygienemaßnahmen werden jedoch als deutlich belastender erlebt. Zudem leiden depressive Menschen fast doppelt so häufig unter der fehlenden Tagesstruktur.“

Lesen Sie auch: Bei Corona-Impfung vorgedrängelt? Bergwacht und Impfzentrum Rosenheim in der Kritik

Sie sagen, die Pandemie hat auch Folgen für die medizinische Versorgung. Wie ist das zu verstehen?

Dr. Zwanzger: „Die Ängste, sich zu infizieren, schlagen sich überraschenderweise signifikant in einer reduzierten Inanspruchnahme der klinischen Notfallversorgung nieder. So verzeichnete das Romed-Klinikum Rosenheim als großes Versorugnskrankenhaus laut einer Publikation von Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram im Frühjahr 2020 einen massiven Rückgang der Notfallpatienten.

Das könnte Folgen haben, die noch nicht abschätzbar sind. Wir stellen außerdem fest, dass viele Menschen aus Angst zum Alkohol greifen. Langfristig können sich auch hieraus Folgen wie verstärkte Abhängigkeiten entwickeln.“

Lesen Sie auch: Navigator im Rosenheimer Krankenhausalltag – Dr. Christoph Knothe geht in den Ruhestand

Was können wir tun, um unsere seelische Widerstandsfähigkeit zu fördern?

Dr. Zwanzger: „Auch wenn wir in unserem Aktionsradius im Lockdown eingeschränkt sind, rate ich dazu, Routinen aus der Vor-Corona-Zeit aufrecht zu erhalten. Auch im Homeoffice oder in der Quarantäne sollten wir zu festen Zeiten aufstehen, regelmäßig Mahlzeiten zu uns nehmen, Ziele für den Tag definieren, uns bewegen – wenn es geht an der frischen Luft spazieren gehen oder daheim Gymnastikübungen absolvieren.

Ganz wichtig ist der Medienkonsum: Ein Übermaß an Informationen, eine zeitlich überbordende Beschäftigung mit der Pandemie sowie eine unkritische Selektion der Informationsquellen schaden der seelischen Verfassung.

Ein bis zwei mal pro Tag Nachrichten einholen, das ist genug. Informationen sollten nur aus seriösen Quellen entnommen werden – etwa aus den Diensten des Bundesgesundheitsministeriums oder des Robert-Koch-Instituts. Interessanterweise gibt es auch Menschen, die in der Krise Chancen sehen: Die Zeit daheim wird genutzt für Dinge, für die es früher keine Zeit gab.“

Kommentare