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Neues Fachzentrum im Aicherpark

In Rosenheim hilft Robotik Menschen, wieder auf eigenen Füßen stehen zu können

Hubschrauberlandung als Training: Die Leiterin des „neuro“, Daniela Pivetta, demonstriert, wie Klienten am Ameo Spring an ihrer Motorik arbeiten können. Kirschner
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Hubschrauberlandung als Training: Die Leiterin des „neuro“, Daniela Pivetta, demonstriert, wie Klienten am Ameo Spring an ihrer Motorik arbeiten können. Kirschner
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Eine Versorgungslücke füllen will „das neuro“ im Aicherpark. Das neurologisch-therapeutische Fachzentrum hat am Montag (3. Mai) eröffnet. Dort soll Robotik Menschen mit motorischen Einschränkungen helfen – manchmal auch, um tatsächlich wieder auf die Beine zu kommen.

Rosenheim – Daniela Pivetta hängt sich auf. Die Ergotherapeutin schlüpft in ein Korsett, das sie über sich an einem Haken befestigt. Sie startet das Programm, auf dem Bildschirm erscheint eine virtuelle Fantasielandschaft, die sie durchschreiten soll. Ein Laufband setzt sich in Bewegung. Das Gerät, in dem sich die Leiterin des neurologischen Fachzentrums probiert, nennt sich C-Mill. Der Name passt. Es ist, wenn man so will, eine mit viel Computertechnik gespickte Tretmühle.

Durch virtuelle Landschaften

Auf dieser können die Klienten des Therapiezentrums im besten Fall wieder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Die Landschaften, die sie durchschreiten, bieten verschiedene Hindernisse: Planken, über die es zu balancieren gilt, Boxen, denen der Läufer ausweichen muss. Alles, was von diesen auf dem Bildschirm verschwindet, spiegelt ein Projektor auf das Laufband. Sensoren messen, ob der Nutzer tatsächlich dem vorgegebenen Pfad folgt oder den Hindernissen ausweicht.

Auf der C-Mill haben Klienten die Möglichkeit, ihre Beinmotorik zu trainieren und dabei durch virtuelle Hindernisparcours zu schreiten.

Sechsstelligen Eurobetrag investiert

Es ist nur eins von drei Geräten. Insgesamt steht ein hoher sechsstelliger Eurobetrag in den Räumen des Zentrums. Mit ihm will dessen Geschäftsführer Markus Ziegler eine Lücke in der ambulanten Versorgung von Reha-Patienten schließen. Bislang, erzählen er und Pivetta, gebe es diese robotikgestütze Therapiemöglichkeit nur in einzelnen Kliniken.

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Oder in Niedersachsen: Vor drei Jahren hatte Markus Ziegler dort ein Aha-Erlebnis. Bei Hannover entdeckte er ein ähnliches Zentrum, wie er es gestern in Rosenheim in Betrieb nahm. Ziegler gehört zu einer „Dynastie“ an Physiotherapeuten. Seine Eltern üben den Beruf aus und haben sich während der Ausbildung sogar kennengelernt. Er, aber auch seine Schwester seien in diesen Beruf hineingewachsen.

Bei seinem Besuch in Niedersachsens Hauptstadt hatte er Gelegenheit zu beobachten, wie ein Mann das zweite Mal den Lokomaten nutzte und nach zehn Jahren wieder laufen konnte. „Ein gestandener Mann hatte Tränen in den Augen“, berichtet er.

„Spielereien“ als Mittel zum Zweck

Im Lokomaten werden die Klienten in einer Art Roboterschiene fixiert. Ihr Gewicht fängt ein Seilzug über dem Gerät ab. Die Maschine simuliert die Bewegungsabläufe, verlangt den Nutzern aber auch eigene Anstrengung ab. Damit soll dem Gehirn Schritt für Schritt signalisiert werden: Hier sind noch Muskeln, die es zu steuern gilt.

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Die Übungen an den Geräten sollen zum einen Spaß machen. Zum anderen sind die „Spielereien“ Mittel zum Zweck, um Menschen, die aufgrund von Nervenschädigungen in ihrer Bewegung eingeschränkt sind, wieder Hoffnung zu geben. Hoffnung, ihren Alltag künftig ohne fremde Hilfe meistern zu können. All das gehöre zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen.

Das Beste aus dem Verbliebenen herausholen

Längst ist noch nicht alles geschafft. Ziegler und Pivetta schwebt vor, ein Netzwerk zu knüpfen. Das, um ihre Klienten auch an andere medizinische Dienstleister weitervermitteln zu können: an Ärzte, Medizintechniker und andere Therapeuten. Das Team des Zentrums selbst besteht aus vier Mitarbeiterinnen aus den Bereichen Physio- und Ergotherapie, hinzu kommen zwei Angestellte am Empfang.

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Auf einem Stuhl sitzt Daniela Pivetta und hat ihren rechten Arm in ein bewegliches Gestell eingespannt. Ihre Hand umfasst einen Steuerknüppel, mit dem sie einen Hubschrauber lenkt. Ziel der Übung: Den Helikopter muss sie auf einem Hochhaus landen. Damit trainieren ihre Klienten, die Muskulatur ihrer Arme und Hände wieder zu aktivieren und genauer steuern zu können.

Irgendwas lässt sich immer verbessern

„Es sind zwar Minimalbewegungen, aber es passiert was auf dem Bildschirm. Das alles signalisiert dem Gehirn: Diesen Arm gibt es noch“, erklärt die Ergotherapeutin. Es gilt, aus dem Verbliebenen, das Beste herauszuholen, Bereiche im Hirn zu reaktivieren, die nach einem Unfall mangels Bewegung brach liegen.

Virtuelles Balancieren auf einer Planke: Ein Projektor wirft Zielmarkierungen oder virtuelle Hindernisse aufs Laufband.

Irgendwas lasse sich immer verbessern, selbst bei einer Verletzung der obersten Halswirbel. Wenn der Klient jenseits des Nackens nichts mehr spürt, nichts mehr bewegen kann. Dann gehe es darum, zumindest das Beste aus diesem Zustand zu machen. Ohne Training drohe, dass die Klienten noch unbeweglicher würden.

Nur so gut wie der Therapeut

Die Technik wirkt, als vollbringe sie Wunder. Doch der Vorsitzende des Deutschen Verbands für Physiotherapie in Bayern, Markus Norys, warnt vor überzogenen Vorstellungen: „Roboterunterstützte Therapie ist immer nur so gut wie die Therapeuten, die gemeinsam mit den Patienten entsprechende Trainingspläne erarbeiten, die Geräte einstellen und die Übungsphasen überwachen.“

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Dies vorausgesetzt eröffneten die Geräte vielfältige Möglichkeiten. „Dass es aber auch deutliche Grenzen für den Einsatz der Geräte gibt, zeigt sich beispielsweise bei dem speziell in der Neuro-Reha wichtigen Üben von Alltagssituationen oder dem empathischen Eingehen auf die Bedürfnisse der Patienten“, sagt der Verbandschef. Solche Vorrichtungen könnten immer nur ein – wenngleich sinnvolles – Werkzeug sein.

Beim Kaffee in der Küche des „neuro“ wird dies klar. Die Einrichtung dort dient nicht nur dem Personal. Auch die Klienten sollen lernen, diese Geräte ohne Hilfe zu bedienen. Vor allem: ganz ohne Korsett.

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