Immer weniger radeln

Rosenheim – Immer weniger Rosenheimer fahren in der Stadt mit dem Fahrrad. Dabei ist Rosenheim eine Stadt der kurzen Wege.

Statt den Pkw zu benutzen, könnten viele zu Fuß gehen oder den Bus benutzen – oder eben das Fahrrad. Besonders auffällig und aus Sicht von Experten alarmierend: Der Anteil der Kinder, die mit dem Auto überall hingefahren werden, ist enorm gestiegen.

Eine Untersuchung des Büros Socialdata hat ergeben, dass es vor allem drei Punkte sind, die vom Fahrradfahren abhalten:

  • die Sorge, dass sicheres Überqueren von Straßen und Kreuzungen nicht möglich ist,
  • das allgemeine Unfallrisiko,
  • mangelnde Rücksichtnahme der Autofahrer.

Der Sozialwissenschaftler Werner Brög hat schon zu Zeiten des Modellvorhabens „Fahrradfreundliche Stadt“ in den Jahren 1981 bis 1986 Daten in Rosenheim erhoben. Für den Fachmann war es deshalb spannend, 25 Jahre später, im Oktober/November 2011, das Mobilitätsverhalten der Rosenheimer noch einmal zu durchleuchten. Dazu wurden 1251 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Personen angeschrieben. Von ihnen füllten 900 schriftlich die Fragebögen aus. 113 wurden zusätzlich von Interviewern ausführlich befragt.

Zwei Aspekte hob Brög bei der Präsentation im Verkehrs- und Bauausschuss des Stadtrats besonders hervor. Wer in Rosenheim mit Kindern unter sechs Jahren unterwegs ist, benutzt immer häufiger das Auto, 54 Prozent heute gegegenüber 43 Prozent vor zehn Jahren. „Bei über 60 Prozent sind das dann amerikanische Verhältnisse“, warnte Brög. Es sei ein bedenklicher Trend, wenn Kinder lernten, es sei normal, auch kurze Wege mit dem Pkw zu bewältigen.

Der zweite Punkt ist, dass die Nutzung des Fahrrads durch berufstätige Frauen um 44 Prozent abgenommen hat. Hingegen steigen 30 Prozent mehr berufstätige Männer auf das Fahrrad. „Da werden gerade ein bisschen die klassischen Verhaltensmuster auf den Kopf gestellt“, kommentierte der Sozialwissenschaftler.

Von 778 Fahrten, die jede Rosenheimerin, jeder Rosenheimer statistisch gesehen pro Jahr mit dem Pkw unternimmt, beginnen und enden 419 in Rosenheim. Für 72 Prozent dieser Fahrten stünde eine Alternative in Form von Zufußgehen, Fahrrad oder Bus zur Verfügung. „Unser Büro arbeitet in zehn Ländern und ich selber seit 40 Jahren. Aber Autofahren, obwohl es in 72 Prozent eine Alternative gäbe, eine solche Zahl habe ich noch nie gehört, das ist Rekord“, verdeutlichte Brög. Er fordere keinesfalls, die Leute sollten ihr Auto verschrotten. Aber der Rosenheimer Trend, auch auf kurzen Strecken das Auto einzusetzen, sei besorgniserregend.

In anderen deutschen Städten liegt der AnteiI der Fahrradfahrer bei etwa 15 Prozent. Überall sonst gibt es laut Socialdata Zuwächse, auch wenn die Städte nichts dafür tun. In Rosenheim hingegen nehme der Anteil der Fahrradfahrer ab, obwohl die Stadt durchaus etwas für sie getan habe. Wenn es aber eine Stadt der kurzen Wege gibt, dann sei dies Rosenheim: So liegen elf Prozent der Arbeitsplätze in einer Entfernung zur Wohnung von bis zu einem Kilometer, 36 Prozent sind nicht weiter entfernt als drei Kilometer, 56 Prozent in einem Radius von fünf Kilometern. Denjenigen, die den Pkw nutzen, obwohl es eine akzeptable Alternative gibt, ist nach Brögs Worten durchaus bewusst, dass sie das Auto besser in der Garage lassen sollten. Sie fahren mit schlechtem Gewissen, aber sie fahren. Brög riet der Stadt dringend, mögliche Verhaltensänderungen jetzt in die Wege zu leiten, bevor sich der Abwärtstrend beim Fahrradfahren weiter verfestigt.

Nach der Erhebung von Socialdata sind die Bürger sowohl über den Öffentlichen Personennahverkehr als auch über die Wegedauer mit dem Bus und dem Fahrrad äußerst schlecht informiert. Pkw-Fahrer würden die Zeit, die sie benötigen, um in Rosenheim ans Ziel zu kommen, meist zu kurz einschätzen, die Zeit, die sie mit dem Fahrrad oder dem Bus bräuchten, hingegen zu lang.

Das Büro wird Stadträten und Verwaltung nun die schriftlich aufbereitenen Daten übermitteln. Dann gilt es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Modellvorhaben vor 26 Jahren

Mitte der 70er-Jahre erledigten die Rosenheimer zwölf Prozent aller Wege mit dem Fahrrad. Der Anteil steigerte sich bis 1981 auf 22 Prozent. Dann nahm die Stadt am Modellvorhaben „Fahrradfreundliche Stadt“ des Umweltbundesamtes teil. Dieses finanzierte fünf Jahre lang Experten, die modellhafte Vorschläge zum Thema Fahrradfahren machten. Dabei herausgekommen sind unter anderem die inzwischen bundesweit eingeführten roten Markierungen von Fahrradwegen an kritischen Stellen, Aufstellkästen vor Ampeln und Bahnübergängen und eigene Abbiegespuren für Fahrradfahrer. Die Stadt widmete in diesen fünf Jahren dem Thema Fahrradfahren große Aufmerksamkeit und baute viele Radwege. Nach Abschluss des Projekts lag der Anteil der mit dem Fahrrad erledigten Wege bei 26 Prozent. Inzwischen ist er auf 18 Prozent gesunken.

Elvira Biebel-Neu (Oberbayerisches Volksblatt)

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