„Ich habe mich für meine Hautfarbe geschämt“: So erleben 2 Rosenheimer Rassismus

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Hat sich für ihre Hautfarbe geschämt: Die Rosenheimerin Carina Paul, die zurzeit in London lebt. – Hat Angst, die falsche Aufmerksamkeit zu erregen: der Profibasketballer Jguwon Hogges. 
  • Anna Heise
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Der Tod des US-Bürgers George Floyd beschäftigt auch die Region. Doch wie verbreitet ist Rassismus in Rosenheim? Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichte.

Rosenheim –  Washington, Kopenhagen, München: Seitdem der Afroamerikaner George Floyd im US-amerikanischen Minneapolis bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, demonstrieren Menschen aller Hautfarben auf der ganzen Welt gegen Polizeigewalt und Rassismus. Doch Rassismus ist nicht erst seit dem Tod des 46-Jährigen weltweit ein Thema. Auch in Rosenheim erleben zahlreiche Menschen Rassismus in unterschiedlichen Formen. Ein Gespräch mit Carina Roberts (23) und Jguwon Hogges (33) über Ängste, dem Wunsch nach Veränderung und warum jeder einen Teil zum Kampf gegen Rassismus beitragen kann.

Von Rosenheim nach England

Carina Paul (23): „Ich wurde in Rosenheim geboren und lebe derzeit in England. Meine Mama ist Deutsche, mein Papa kommt aus Nigeria. Seit meiner Geburt habe ich das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich Deutsche bin. Besonders in Bayern. Eine schwarze Frau in Deutschland zu sein, heißt, sich schon im jungen Alter damit abfinden zu müssen, dass man anders ist. Es bedeutet, dass andere Kinder Angst vor dir haben. Es bedeutet, sich und seine Persönlichkeit verstecken zu wollen, um ja nicht auffällig zu sein. 

„Black is beautiful“: Zahlreiche Menschen haben in den vergangenen Tagen weltweit gegen Rassismus demonstriert. Auf ihren Schildern stehen Dinge wie „Meine Hautfarbe ist keine Waffe“ oder „Gleiches Blut, unterschiedliche Regeln?“. dpa/privat/Ziegler

Es bedeutet, dass man sich für seine Hautfarbe schämt und nicht in den Kindergarten und in die Schule gehen will. Es bedeutet, dass der Hautfarbenstift pastellfarbig oder hellbeige ist und nicht braun. Es bedeutet, dass dich Kinder „Negabubbn“ nennen. Es bedeutet, dass man sich für seine Hautfarbe rechtfertigen muss. Es bedeutet, dass man Gerüchten ausgesetzt ist und Leute hinter deinem Rücken über deine Herkunft und Hautfarbe reden.

Das Gefühl, als Mensch weniger wert zu sein

Es bedeutet, dass man lernen muss mit Vorurteilen umzugehen. Es bedeutet, sich Blicken aussetzen zu müssen, nur weil die Haut eine andere Pigmentierung hat. Es bedeutet, sich mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit gleichzeitig auseinandersetzen zu müssen. Es bedeutet, dass man verstehen und damit klarkommen muss, dass manche Menschen im Jahr 2020 immer noch denken, dass man einer minderwertigen Rasse angehört und als Mensch weniger wert ist. Mein Papa hat mir sehr geholfen, mit diesen Momenten, in denen ich Rassismus erfahren habe, umzugehen.

Kinder müssen frühzeitig aufgeklärt werden

Ich bin immer im Zwiespalt. Ich frage mich, ob ich meine Meinung sagen oder die Sache auf sich beruhen lassen soll, um demjenigen nicht noch eine zusätzliche Zielscheibe zu bieten. Meistens entscheide ich mich für die zweite Variante. 

Klar wäre es besser, die Leute direkt auf ihr Verhalten anzusprechen. Ich glaube, es ist unheimlich wichtig, dass Kinder so früh wie möglich über das Thema aufgeklärt werden. Auch bei der älteren Generation muss noch viel passieren. Mag sein, dass es früher akzeptabel war, jemanden „Neger“ zu nennen. Aber es kann in der heutigen Zeit wirklich nicht mehr sein, dass ich einem 80-jährigen Mann erklären muss, dass dieses Wort eben nicht mehr gebräuchlich ist.

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Natürlich war ich schockiert, als ich von dem Tod von George Floyd erfahren habe. Ich habe in erster Linie an seine Familie gedacht, insbesondere an seine Tochter, die ihren Vater verloren hat. Klar stellt man sich die Frage, ob das auch passiert wäre, wenn George Floyd weiß gewesen wäre.

Froh, über weltweiten Demonstrationen

Ich bin glücklich über die weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus. Es ist wichtig, dass die Leute aufwachen, sich über das Thema Rassismus informieren und agieren. Das gibt mir Hoffnung für unsere Zukunft. Ich selbst habe an keiner Demonstration teilgenommen. Das ist dem geschuldet, dass ich derzeit in England leben und sich das Land immer noch im Lockdown befindet. Ich verstehe, dass es auch viele kritische Stimmen zu den Demonstrationen gibt. Gerade im Hinblick darauf, dass oftmals die Abstände nicht eingehalten werden. Natürlich ist es verantwortungsvoll nicht in große Menschenmengen zu stürmen. Auf der anderen Seite ist der Kampf gegen Rassismus schon längst überfällig. 

Ich glaube, generell ist es einfach wichtig, uns zuzuhören, damit man als weißer Mensch verstehen kann, was es bedeutet, nicht weiß zu sein. Mein Rat an diejenigen, die etwas gegen Rassismus tun wollen? Kommuniziert das Thema in eurem Freundeskreis und in der Familie. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es Rassismus auch bei uns gibt.“

Seit sieben Jahren in Rosenheim

Jguwon Hogges (33):Ich bin Amerikaner, lebe aber seit sieben Jahren in Rosenheim und bin professioneller Basketballspieler. Außerdem arbeite ich im Therapie- und Trainingszentrum Hans Friedl in Wasserburg. Ich glaube, als schwarzer Mann hat man es überall auf der Welt schwer. Es gibt Menschen an vielen Orten, die an Stereotypen und Dingen der Vergangenheit festhalten. Oft habe ich das Gefühl, zahlreiche Vorurteile überwinden zu müssen, um überhaupt akzeptiert zu werden. Ich glaube, dass es viele deutsche Städte gibt, die versuchen, ihre alten Ansichten zu verlieren und den Menschen zu helfen, sich sicher zu fühlen. Rosenheim ist so eine Stadt. Meine Freunde und Familie hier setzten sich aktiv für mich ein, kämpfen Seite an Seite mit mir gegen Rassismus.

Kein gleichwertiger Teil der Gesellschaft

Trotzdem erfahre auch ich Rassismus immer wieder. Rassismus ist für mich alles, was aus Hass gesagt oder getan wird, um mich aufgrund meiner Hautfarbe davon abzuhalten, als gleichwertiger Teil der Gesellschaft gesehen zu werden. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Natürlich wurde ich aufgrund meines Aussehens und meiner Herkunft benachteiligt. Ich wünschte, es wäre nicht so. 

Auch meine Freunde tun hin und wieder Dinge, die als rassistisch angesehen werden könnten. Ich spreche sie darauf an, versuche, sie aufzuklären. Auch weil ich weiß, dass sie es nicht böse meinen, aber es einfach nicht besser wissen. Jeden Tag bin ich vorsichtig, versuche, nicht aufzufallen. Hoffe, dass meine Handlungen nicht die falsche Aufmerksamkeit erregen.

„Rassismus muss kommuniziert werden“

Der Tod von George Floyd ist tragisch. Aber es ist kein Einzelfall. Rassismus ist schon viel zu lange ein Problem und muss endlich kommuniziert werden. Ich glaube, es ist unheimlich wichtig, dass Menschen auf die Straße gehen und gegen Rassismus protestieren. Ich selbst habe noch an keiner Demonstration teilgenommen. Im Kampf gegen Rassismus ist es wichtig, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt. Wenn sich beispielsweise Freunde oder Familienmitglieder rassistisch äußern, muss man es ansprechen. Das ist unglaublich wichtig. Unsere Welt hängt davon ab.“

Das sagt die Polizei:

Peter Schall, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Bayern: „Rassistische Polizeigewalt ist in der Region kein generelles Problem. Natürlich gibt es immer wieder Einzelfälle. Auch in Rosenheim. Kommen solche Fälle vor, nehmen wir sofort die Ermittlungen auf. Das kann dann sogar dazu führen, dass die jeweiligen Kollegen aus dem Verkehr gezogen werden. 

Trotzdem muss gesagt werden, dass die Verhältnisse in Amerika andere sind als in Deutschland. So ist beispielsweise die Gewalt gegen die Halsschlagader in Deutschland schon seit vielen Jahren verboten. Die Kollegen in Amerika zücken viel schneller ihre Waffe, weil es dort kein Waffenverbot gibt.“

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