Hohe Fallzahlen, gnädige Verläufe: Das Rosenheimer Corona-Rätsel

Eine Frage des Alters? Es fällt auf, dass sich im Sommer sehr wenige ältere Menschen mit dem Coronavirus.
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Eine Frage des Alters? Es fällt auf, dass sich im Sommer sehr wenige ältere Menschen mit dem Coronavirus.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Rosenheim reißt ein ums andere Mal die kritische Marke von 50 Neuansteckungen. Was wohl vor allem an Reiserückkehrern liegt. Gleichzeitig sind kaum schwere Verläufe festzustellen. Hat das Coronavirus seine Kraft verloren? Oder stecken sich einfach andere Gruppen an als bei Ausbruch der Pandemie?

Rosenheim – Immer wieder Tabellenführer in Bayern – das war in den vergangenen Wochen Rosenheim (Stand Mittwoch: 62,3). In kaum einem anderen Landkreis, keiner anderen kreisfreien Stadt des Freistaats steckten sich da im Verhältnis so viele Menschen an wie in Rosenheim. Seit Wochen steht die so genannte 7-Tage-Inzidenz – die Zahl der Ansteckungen einer Woche auf 100.000 Einwohner gerechnet – auf über 50. Damit gehen für Rosenheim Einschränkungen des öffentlichen Lebens einher.

Viele Fälle, kaum kritische Verläufe

Das Überraschende: Während die Zahl der Infektionen zeitweise durch die Decke ging, blieb die Zahl der mutmaßlich an Corona gestorbenen Menschen gleich. Seit Beginn des Sommers nahm die Anzahl der schweren Verläufe insgesamt ab. Aktuell werden nach Auskunft von Romed im gesamten Klinikverbund zwei positiv getestete Patienten und acht Verdachtsfälle stationär behandelt.

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„Seit Anfang Juli bis zum heutigen Tag waren nur vereinzelt positive getestete Patienten und Verdachtsfälle stationär in Behandlung“, sagt Romed-Sprecherin Elisabeth Siebeneicher. „Die Fallzahlen sind auf einem niedrigen Niveau derzeit stabil.“ Eine erfreuliche Entwicklung, ebenso wie die der Sterblichkeit durch Covid-19: Im gesamten Im Romed-Verbund wurde der letzte Todesfall eines positiv getesteten Patienten Anfang Juli registriert werden. Hat das Virus seine Kraft verloren?

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Am Wetter liegt es nicht

Die Fachleute diskutieren noch über diese Entwicklung. Ist es das warme Wetter, das die so genannte Virenlast vermindert und damit Krankheitsverläufe lindert? Davon gehen viele Fachleute aus, nicht jedoch Dr. Osamah Hamouda, einer der Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts, die in den vergangenen Monaten Studien in Bayern, darunter in Bad Feilnbach durchgeführt haben. „Diese Vermutung erweist sich als falsch, wenn man nach Spanien, Italien und Frankreich schaut.“

Mehr Erfahrung im Schutz von Altenheimen

Ein wichtiger Faktor, da sind sich die Experten weitgehend einig, ist hingegen das Alter. „Seit Juni sind kaum noch Fälle bei den über 80-Jährigen aufgetreten“, berichtet Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamts Rosenheim. „Auch die Erkrankungszahlen bei den 60 bis 79-Jährigen sind zurückgegangen.“ Man gehe davon aus, dass die Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen greifen. Der Eintrag von Infektionen in Pflegeeinrichtungen sei „wesentlich geringer“, die Schutzmaßnahmen dort „sehr gut etabliert“.

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Da kommen die Erfahrungen aus 200 Tagen Corona. Schulungen zum Gebrauch der persönlichen Schutzausrüstung und zur Isolierung von Erkrankten werden gut angenommen, sagt Hierl. Auch die Reihentestung von Personal nach der bayerischen Teststrategie werde verstärkt genutzt.

Zur Gesundheit gehört Zufriedenheit

„Man weiß mittlerweile auch besser, wie man gefährdete Gruppen schützen kann“, bestätigt Osamah Homuda. Was beispielsweise Gregor Kumberger vom Seniorenheim Lohholz in Kolbermoor bestätigen kann. Man lasse Treffen der Senioren mit Angehörigen zu, bevorzugt im Freien, wo man acht Plätze eingerichtet hat. Bettlägrige dürfen auch im Zimmer besucht werden, allerdings unter strengen Auflagen. Gemeinsame Spaziergänge sind möglich – mit Mund- und Nasenschutz.

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Die Senioren weitestgehend zu isolieren: Für Gregor Kumberger ist das kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Corona. „Zur Gesundheit gehört auch Zufriedenheit.“ Sogar Sommerfeste fanden in Haus Lohholz statt – allerdings mussten da Senioren und Personal unter sich bleiben.

„Alle Bewohner müssen vor dem Einzug getestet sein“, sagt Kumberger. „Auch nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt werden die Bewohner, bevor sie zurückkommen, getestet.“ Überhaupt sind Tests ein wichtiger Baustein der Corona-Strategie: Ein Urlauber, der sich nach einem positiven Test konsequent isoliert, hat auch keine Gelegenheit mehr, seine Großeltern anzustecken.

Viele Tests heißt auch hohe Fallzahlen

Junge Menschen reisen viel, viele Reisende nehmen es möglicherweise im Nachtleben am Urlaubsort mit der Abstandsregel nicht so eng . Sie sind es, die sich häufiger testen lassen und die damit die Fallzahlen nach oben treiben. Aber sie belasten nicht die Krankenhäuser.

Denn jüngere und fitte Menschen leiden in der Regel nicht so stark unter Corona. wenngleich die Nachwirkungen auch nach Berichten aus der Region noch wochenlang später spürbar waren. Ex-Eishockey-Profi Markus Berwanger beispielsweise berichtete den OVB-Heimatzeitungen von eingeschränkter Lungenleistungen noch zwei Monate nach überstandener Covid-19-Erkrankungen von schweren Beeinträchtigungen seiner Lungenleistung.

Kein Grund zur Nachlässigkeit

„Wir sind sehr froh, dass schwere Verläufe im Moment so gering sind“, sagt Dr. Max von Holleben, Kaufmännischer Leiter des Romed Klinikums Rosenheim. Ein Selbstläufer aber ist das seiner Ansicht nach nicht: „Wir appellieren eindringlich an die Menschen, dass bitte die AHA-Regeln weiterhin beachtet werden.“

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