„Es hilft ja nichts“

Geschäftsmann mit Herz und Freude – das war Günter Förg, der Anfang Februar gestorben ist.

Rosenheim – Es ist eine schwere Zeit für Jakob Förg.

Erst vor rund drei Wochen ist sein Vater gestorben, Günter Förg, der Chef der gleichnamigen Eisenwarenhandlung an der Heilig-Geist-Straße in Rosenheim. Jetzt muss Sohn Jakob, der erst 23 Jahre alt ist, das alteingesessene Geschäft abwickeln – und seinen Weg in ein Leben ohne den Vater finden.

Jakob Förg sitzt im Büro der Eisenwarenhandlung an einem alten einfachen Schreibtisch. Licht fällt durch ein kleines Dachfenster in den großen Raum. Dieses viereckige moderne Fenster mag nicht so recht passen zu dem denkmalgeschützten Gewölbe, in das es eingebaut ist. Und ist deshalb beinahe ein Symbol für dieses besondere Geschäft, in dem Günter Förg seit 1975 gearbeitet und das er 1989 übernommen hatte. Beim Förg gab es nicht nur Haushaltswaren in allen Größen und Formen. In einem raumhohen Holzschrank mit unzähligen kleinen Schubfächern warteten zudem Schrauben, Nägel, Scharniere, Haken und andere Kleinteile auf Käufer. Alles unverpackt, alles einzeln zu haben – ganz anders eben als anderswo. Es war die wunderbare Welt des Günter Förg. Und vor ihm die seines Vaters und die des Urgroßvaters. Constantin hieß der, war 1886 auf die Welt gekommen und hatte die Eisenwarenhandlung am 9. November 1922 gegründet, gemeinsam mit seiner Frau Rosa.

Porträts erinnern an die Gründer

An das Gründerehepaar erinnern zwei Porträts, in Öl gemalt und gefasst in dunklen Holzrahmen. Die Bilder hängen an der Wand neben dem Schreibtisch, an dem Jakob Förg in einem Stuhl platz genommen hat. Er weiß wenig über seine Urgroßeltern. Vieles aber über die Geschichte des Geschäfts, im Erdgeschoss seines Elternhauses. Die Firma – das sei trotzdem immer „die Sache vom Vater“ gewesen, sagt er. Ganz eng war die Bindung zwischen den beiden. Gemeinsam sind sie oft spazieren gegangen. Haben geredet über den Laden und wie es einmal werden soll. „Es war für uns beide schlüssig, dass ich es nicht weiterführen will“, sagt Jakob Förg. Er ist als Student der Holztechnik eingeschrieben, wollte im April in die USA gehen, um dort seinen Master zu machen.

Nun kommt alles anders: Der Vater ist tot, im Alter von 64 Jahren überraschend gestorben. Ein großer Schmerz für die Familie, auch für Maria Förg, die Muter von Jakob. Sie sei nie wirklich eingebunden gewesen in geschäftliche Dinge, sagt Jakob Förg. Sie hatte ihren eigenen Beruf als Sozialpädagogin. So ist es nun an ihm, seinen eigenen Lebensplan hinten an zu stellen. „Es hilft ja nichts.“ Es gehe jetzt einfach darum, den Abverkauf der preisreduzierten Waren zu organisieren. Er beginnt am Montag, wird mindestens bis Ende März, vermutlich bis Mitte April dauern.

Sind dann die Regale, Schränke und Schubladen leer geräumt, müssen die Räume saniert werden. Über 200 Quadratmeter erstreckt sich allein der Verkaufsraum zur Heilig-Geist-Straße hin. Er soll unter anderem eine neue Bodenplatte bekommen. Dazu möchte Jakob Förg vorher die alten dunklen Eichendielen ausbauen. Viele von ihnen sind sehr alt und von besonderer Qualität. Sie sind ungewöhnlich lang und ganz frei von Astlöchern. Diese Dielen will Jakob Förg erhalten und am liebsten an Ort und Stelle wieder einbauen. Eine Arbeit, die ihm am Herzen liegt, die er ganz unbedingt selbst machen möchte.

Wie ihm überhaupt viel an der Ausstattung der Eisenwarenhandlung liegt. An dem Schubladenschrank, an dem meterlangen Verkaufstisch davor. Auch an den beiden Bekalit-Telefonen, von denen eines im Büro auf jenem Schreibtisch steht, an dem Jakob Förg gerade sitzt und erzählt. Davon, dass die Holzdielen im Verkaufsraum jedes Jahr an Heiligabend geölt worden sind. Pünktlich nach dem 12-Uhr-Glockenschlag, wenn sich die Geschäftstür wegen der Weihnachtsfeierlichkeiten für zwei Tage schloss. Oder auch davon, dass es in diesen Tagen nach dem Tod des Vaters viel zu viele Anfragen nach den alten Einrichtungsgegenständen gibt. Dass er aber gerade den Schrank und den Verkaufstisch niemals getrennt aus der Hand geben wolle. „Das ist nicht im Sinne vom Vater“, sagt er. Beides hat er daher als Ensemble dem Rosenheimer Heimatmuseum versprochen.

Seit 97 Jahren eine gute Adresse

Je länger der 23-Jährige spricht, umso mehr wird deutlich, wie verwoben sein Leben mit dem des Vaters gewesen ist. Die Idee mit dem Heimatmuseum zum Beispiel – „das wär‘ dem Vater mehr als recht gewesen“, sagt er. Vielleicht, wenn die Dinge anders gekommen wären, hätte sich der Vater selbst zu diesem Schritt entschlossen. Denn auch das weiß Jakob Förg sicher: Der Vater wollte nicht auf ewig weitermachen mit der Eisenwarenhandlung, die heuer im 97. Jahr besteht. „Die 100 Jahre wollte der Vater vollmachen, dann wäre Schluss gewesen.“ Günter Förg hing an seinem traditionsreichen Geschäft. Betrieb es leidenschaftlich gerne. Aber er hatte offensichtlich verstanden, dass es nicht ewig Bestand haben würde. „Der Vater hat immer gesagt, dass die Zeit dafür vorbei ist.“

Eine Einschätzung, die Jakob Förg vielleicht dabei hilft, jetzt alles nach und nach aufzulösen und zu übergeben. Ein gewerblicher Mieter soll die Flächen übernehmen. Er selbst will wohnen bleiben in der kleinen Wohnung über der Eisenwarenhandlung. Wenn dort, im Erdgeschoss, alles geregelt ist und nur die Erinnerung bleibt: Dann wird er sehen, wohin es ihn treibt.

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