Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Rückblick auf die bisherige Corona-Zeit

Unfreiwillige Pioniere: Helden der Pandemie am Rosenheimer Romed-Klinikum öffnen ihr Herz

Sie zählen zu den Helden der Pandemie im Romed-Klinikum (von links):  Dr. Michael Bayeff-Filloff (Chefarzt Zentrale Notaufnahme), Mohammed Turkovic (Pfleger), Dr. Katharina Lenherr (Ärztliche Leiterin Internistische Intensivstation), Franz Hartmann (Pfleger Internistische Intensivstation), Dr. Hanns Lohner (Ärztlicher Direktor), Dr. Max von Holleben (Kaufmännischer Leiter), Dr. Rudolf Herzog (Einkaufsleiter), Dr. Andreas Bauer (Chefarzt Anästhesiologie/Operative Intensivmedizin), Sebastian Engelhardt (Oberarzt Zentrale Notaufnahme), Professor Dr. Stephan Budweiser (Chefarzt der Medizinischen Klinik III), Evi Kraft (Pflegerin Zentrale Notaufnahme) und Burkhard Beck (Pfleger Operative Intensivstation).
+
Sie zählen zu den Helden der Pandemie im Romed-Klinikum (von links):  Dr. Michael Bayeff-Filloff (Chefarzt Zentrale Notaufnahme), Mohammed Turkovic (Pfleger), Dr. Katharina Lenherr (Ärztliche Leiterin Internistische Intensivstation), Franz Hartmann (Pfleger Internistische Intensivstation), Dr. Hanns Lohner (Ärztlicher Direktor), Dr. Max von Holleben (Kaufmännischer Leiter), Dr. Rudolf Herzog (Einkaufsleiter), Dr. Andreas Bauer (Chefarzt Anästhesiologie/Operative Intensivmedizin), Sebastian Engelhardt (Oberarzt Zentrale Notaufnahme), Professor Dr. Stephan Budweiser (Chefarzt der Medizinischen Klinik III), Evi Kraft (Pflegerin Zentrale Notaufnahme) und Burkhard Beck (Pfleger Operative Intensivstation).
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
    schließen

Drei Corona-Wellen haben die Mitarbeiter des Romed-Klinikums hinter sich. Es waren harte Zeiten mit vielen Überstunden und Unwägbarkeiten. Die Angestellten mussten sich jeden Tag der Gefahr aussetzen, sich selbst mit dem Virus anzustecken. Um andere zu schützen, mieden sie sogar engste Familienkontakte.

Rosenheim – Sie waren medizinische Pioniere – ungewollt. Anfang März 2020 nahm das Rosenheimer Romed-Klinikum den ersten Corona-Patienten auf. Damit begann für den Ärztlichen Direktor des Hauses, Dr. Hanns Lohner, und sein Personal die erste Pandemiewelle. Und eine Reise ins Ungewisse. Denn neben dem nordrhein-westfälischen Heinsberg und Fällen an der München-Klinik in Schwabing war auch das Rosenheimer Hospital unter den ersten, die Patienten mit dem neuen Erreger verzeichnete.

Lesen Sie auch: Medizinisches Personal der Covid-Stationen am Romed-Klinikum Rosenheim erhält Sozialpreis (Plus-Artikel OVB-Online)

„Als uns die erste Corona-Welle in Rosenheim traf, mussten auf einen Schlag sehr viele Patienten auf die Intensivstation. Auf dem Höhepunkt gab es einmal eine Schicht, in der sieben Corona-Patienten auf unsere Intensivstation aufgenommen wurden, von denen sechs auch sofort intubiert werden mussten“, berichtet Dr. Katharina Lenherr, Ärztliche Leiterin der Internistischen Intensivstation im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Mehr als 500 Patienten während der ersten Welle

Der Rückblick auf die Ereignisse ist unter dem Personal des Romed-Klinikums gemischt. Gefordert waren alle: die Pflege, die Ärzte, die Verwaltung. Es gab Überstunden, Umbesetzungen, Covid-Fälle unter dem Klinik-Personal selbst und nicht zuletzt viel Unsicherheit. Es galt, sich auf einen völlig unbekannten Erreger einzustellen.

Lesen Sie auch: Vor allem Ungeimpfte belegen Corona-Betten im Rosenheimer Romed-Klinikum

Viele Informationen gab es nicht, nur vereinzelte Beschreibungen der Krankheit aus China. In diesem Dunkel musste sich das Romed-Personal orientieren und stand mitunter selbst Rede und Antwort, wenn andere Kliniken bei ihnen anriefen, um nach Rat zu fragen.

Mehr als 500 Patienten während der ersten Wellen

Mehr als 500 Patienten hatten die Romed-Kliniken während der ersten Welle, berichtet der Chefarzt der medizinischen Klinik III, Professor Dr. Stephan Budweiser. Jeder fünfte dieser Fälle landete auf der Intensivstation. „Wir kannten die Dynamik dieser Erkrankung nicht“, sagt der Facharzt für Lungenheilkunde. „Es kamen Krankheitsbilder dazu, die uns in diesem Zusammenhang unbekannt waren.“

Lesen Sie auch: Corona-Fallzahlen explodieren: Stadt Rosenheim bei Inzidenz 116 - jetzt drohen Verschärfungen

Enge Abstimmung mit Intensivbereich

Darunter Lungenembolien, die zu einer raschen Verschlechterung des Zustands mancher Patienten geführt hätten. Gerade deshalb sei es wichtig gewesen, sich stets eng mit den Kollegen der Intensivbereiche abzustimmen. Aber er ist ebenso ernüchtert, berichtet von dramatischen Situationen, wenn sich der Zustand einzelner Patienten akut und schnell verschlechterte. Der Mediziner hadert inzwischen damit, dass man zur ersten Welle einige Patienten nicht hatte retten können. Zumindest nicht mit dem damaligen Wissen.

Lesen Sie auch: Drei Staatspreise für Rosenheimer Romed-Absolventinnen - Einmal Traumnote 1,0 (Plus-Artikel OVB-Online)

Vor allem personell sei man am Romed-Klinikum gefordert gewesen. Burkhard Beck, stellvertretender Stationsleiter der Operativen Intensivstation, erinnert sich daran, wie man neue Kräfte für die Intensivpflege rekrutieren musste: „Wir konnten zum Glück auf Fachpflegeschüler zurückgreifen, die schon ein pflegerisches Basiswissen hatten.“

Medizinstudenten an die Praxis heranführen

Hier mussten die Praxisanleiter nicht bei Null anfangen. Es ging weitestgehend darum, die Schüler auf die Besonderheiten der Geräte und Routinen der Intensivmedizin vorzubereiten. Schwieriger sei es bei Medizinstudenten gewesen, die sich freiwillig, aber noch ohne jegliche Erfahrung im Umgang mit Patienten gemeldet hätten. Diese hatten Beck und seine Kollegen an die klinischen Abläufe heranführen mussten. Aber: „Es hilft mir schon, wenn das jemand schnell versteht. Für mich waren das die wahren Helden!“

Schnellschulung für Intensivtherapie

„An unserem Institut für Gesundheit und Sozialberufe boten wir eine Schnellschulung für Intensivtherapie inklusive allen Geräteeinweisungen und Bauchlagentraining an. Wir hatten über Monate einen richtigen Stundenplan“, ergänzt Katharina Lenherr. Auch das Personal auf anderen Stationen musste zum Teil für die Intensivstation rekrutiert werden. „Mitarbeiter, die zum Beispiel eine Zeit auf den Intensivstationen gearbeitet hatten und nun anderen Stationen zugeteilt waren, wurden zu den Intensivstationen zurückbeordert, andere von ihren Stationen hierfür freigestellt“, schildert Franz Hartmann, stellvertretender Stationsleiter der Internistischen Intensivstation.

Lesen Sie auch: Festivals treiben die Corona-Zahlen in der Region Rosenheim in die Höhe - Inzidenz bei knapp 50

Man habe bei den Kollegen sicher nicht wieder bei Adam und Eva anfangen müssen, aber es gebe im Intensivbereich doch einige Geräte, die man kennen müsse. Er hat neben seiner Arbeit noch Kollegen aus dem ärztlichen und dem Pflegebereich geschult. „Viele Mitarbeiter haben auf Urlaub verzichtet und viele Überstunden geleistet“, berichtet er über die Solidarität innerhalb der Belegschaft während dieser schweren Zeiten.

Mitarbeitern viel abverlangt

„Den Mitarbeitern wurde sehr viel abverlangt. Wer für die Covid-Versorgung benötigt wurde und dafür kompetent war, musste an einen anderen Arbeitsplatz wechseln“, erinnert sich der ärztliche Klinikchef Lohner. Das galt nicht nur für die Pflegekräfte. Auch Oberärzte erklärten sich bereit, für Assistenzärzte einzuspringen, wenn diese auf die Intensivstationen abgeordnet wurden. Wer die klassische Hackordnung unter Medizinern kennt, weiß, was das bedeutet. Und jenseits der Corona-Fälle gab es – insbesondere ab Welle zwei – auch noch die „normalen“ Intensivpatienten.

Mehr oder minder große Furchen und Spuren hinterlassen

Trotz allen Zusammenhalts gab es auch unter der Belegschaft „Opfer“ der Pandemie: Mitarbeiter, bei denen die Arbeitsbelastung, aber nicht zuletzt die dramatischen Krankheitsverläufe einiger Patienten Furchen und Spuren hinterlassen hätten, „mehr oder minder groß“, wie Chefarzt Budweiser sagt.

Lesen Sie auch: Corona-Zahlen in Region Rosenheim schießen nach oben - viele Rückkehrer aus Südosteuropa

Er berichtet von qualifizierten Mitarbeitern, die aus diesem Grund der Medizin den Rücken gekehrt hätten, mehr im pflegerischen, weniger im ärztlichen Bereich. Allein die körperliche Belastung sei aufgrund der Umstände enorm gewesen, schildert Stationsleiter Burkhard Beck. Acht Stunden in Schutzkleidung habe den Mitarbeitern viel abverlangt.

Nun fehlt die Luft

Und es gab jene, die selbst an Covid erkrankten. Einer davon ist Mohamed Turkovic, der als Pfleger auf der Covid-Normalstation arbeitet und während der ersten Welle an Covid erkrankte. Turkovic gilt heute wieder als genesen, leidet aber noch immer unter den Folgen der Infektion. „Immer wieder bin ich nachts wach geworden und hatte Atemnot“, schildert der 50-Jährige, den die Krankheit fünf Monate aus dem Job und mitunter aus dem Leben warf: Vor seiner Covid-Erkrankung sei er sehr aktiv gewesen, habe Fußball gespielt. „Nun fehlt die Luft bei körperlichen Anstrengungen, und ich musste mein Leben umstellen“, berichtet er.

Inzwischen ist Turkovic wieder im Dienst. Der Mann, seit mehr als 30 Jahren als Kranken- und Gesundheitspfleger tätig, ist noch weit von seiner vollen Leistungsfähigkeit entfernt. Zumindest ist er froh, dass er seine Familie nicht mit Corona angesteckt hat.

Bedenken, eigene Familie zu infizieren

Denn gerade hier seien die Sorgen der Mitarbeiter groß gewesen, betont Dr. Sebastian Engelhardt, Oberarzt auf der Zentralen Notaufnahme (ZNA). „Die Bedenken waren vor allem groß, die eigene Familie zu infizieren“, berichtet er. Vor allem, da nicht jede Infektion auch mit einer Erkrankung verbunden ist, die Viren aber trotzdem weitergetragen werden können. „Viele Mitarbeiter mieden den Kontakt nach außen“, bestätigt ZNA-Stationsleiterin Evi Kraft. Selbst zur engsten Familie hielten die Mitarbeiter Abstand, aus Sorge, sie anstecken zu können.

Lesen Sie auch: Corona-Lage: Mühldorfs Landrat fordert Abkehr von Inzidenzwert als einzigem Kriterium

China hielt Material für den Weltmarkt zurück

Darin, dass alle während der Corona-Wellen an einem Strang zogen, sind sich die Verantwortlichen aus Pflege, Ärzteschaft und Verwaltung einig. Denn auch jenseits der Patientenzimmer blieb wenig Zeit zum Durchatmen. „Das Virus kam aus China und gleichzeitig ist China für Europa die Werkbank“, schildert der Leiter des Einkaufs bei den Romed-Klinken, Dr. Rudolf Herzog, die prekäre Situation seiner Abteilung.

Lesen Sie auch: Corona-Pandemie schlägt sich durch: In Rosenheim weniger Notrufe als im Vorjahr (Plus-Artikel OVB-Online)

Damals, als es darum ging, ausreichend Schutzausrüstung zu beschaffen. Die Führung in Peking habe den Ernst der Lage schnell erkannt, verhängte einen Lockdown und – noch schlimmer für Europa und den Rest der Welt – einen Ausfuhrstopp für medizinische Produkte. „Mein Team und ich haben, wie die Kollegen am Patienten, durchgearbeitet, um den Bedarf an Material zu decken.“

Bedarf mitunter verhundertfacht

Jene Produkte, die auf dem Weltmarkt landeten, seien heiß umkämpft gewesen. Die ökonomische Binsenweisheit, dass Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, habe voll durchgeschlagen: „Man musste manchmal auch unverschämte Preise akzeptieren“, berichtet der Einkaufsleiter. Denn: „Der Bedarf in manchen Bereichen hatte sich verhundertfacht.“ Vorsorglich habe man sich bereits Alternativen zurechtgelegt. Darunter: große Tauchermasken, um die Aerosolbildung „so flach wie möglich zu halten“.

Lesen Sie auch: Nach Corona-Ausbrüchen bei Festivals: Region Rosenheim drohen bald erste Beschränkungen

Hamstern hätte im Übrigen wenig gebracht. Herzog zieht die Schweiz als Beispiel heran. Dort habe man entsprechendes Material in Katastrophenlagern vorgehalten, am Ende sei nichts mehr davon einsetzbar gewesen. Der Schimmel hatte zugeschlagen.

Steigende Anspannung unter der Belegschaft

Freilich hat sich die Situation seit Anfang vergangenen Jahres geändert: Mehr als 80 Prozent des Klinikpersonals seien vollständig geimpft, berichtet Hanns Lohner. Erfahrungen, die man während der ersten drei Wellen machen konnte, flössen inzwischen in die Logistik und Behandlung mit ein.

Dank an die Belegschaft des Romed-Klinikums: Plakate vor dem Gebäudekomplex als Ansporn für die Leistungen während der Pandemie-Wellen.

Lesen Sie auch: Romed-Klinik Wasserburg freut sich über die 500. Geburt (Plus-Artikel OVB-Online)

Dennoch bleibt ungewiss, was die Mitarbeiter ab dem kommenden Herbst erwartet, wie die vierte Pandemiewelle ausfällt. „Wir haben die Routine, wir haben die Strukturen und fühlen uns gerüstet“, sagt Lohner. Und dennoch herrsche Anspannung. „Weil das für das Personal in allen Bereichen wieder eine Herausforderung wird.“

Kommentare