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Vorfreude auf die Bescherung

Heilig Abend: So feiern die Kinder im Kinderheim Fürstätt Weihnachten

Mit gelocktem Haar und Dirndl – ein Mädchen hat sich traditionell bayerisch herausgeputzt für das Fest. 
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Mit gelocktem Haar und Dirndl – ein Mädchen hat sich traditionell bayerisch herausgeputzt für das Fest. 
  • VonPaula L. Trautmann
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Der Weihnachtsbaum ist mit Kugeln und Sternen in Gold und Silber geschmückt. Darunter liegen große und kleine Geschenke. Eingewickelt in Papier auf dem kleine Weihnachtsmänner, bunte Rentiere und Tannen zu sehen sind. Ein Bild aus einem liebevollen Haushalt. Der einzige Unterschied: In diesem leben 31 Kinder. Ein Besuch im Kinderheim Schöne Aussicht in Fürstätt.

Rosenheim – Der Durchgang zum großen Wohnzimmer ist mit Geschenkpapier zugeklebt. Vor der Bescherung reihen sich die Kinder davor auf. Der Jüngste oder Neuste im Heim darf als erstes durch das Papier laufen, es in tausend Stücke zerreißen. „Jeder will das machen“, sagt Lukas. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Die Erzieher gestalten den Kindern ein spannendes Fest

Der Elfjährige lebt seit sechs Jahren im Heim. Er darf am 24. Dezember immer zu seinen Eltern. Wenn ihre Sicherheit Zuhause nicht gewährleitstet werden kann, dürfen sie Weihnachten dort nicht verbringen. Sie bleiben dann bei den Erziehern. Der Großteil darf die Familie aber besuchen. Im Heim wird deshalb zwei Tage eher gefeiert. Das Fest ist „ein ganz besonderer Tag“ für Lukas.

Die Woche vor Weihnachten zähle er nur noch die Stunden, sogar eine Strichliste habe er mal gemacht. „Die Spannung ist unerträglich“, sagt Lukas. Am Tag vor der Feier im Heim platze er fast vor Freude. Die Erzieher wüssten genau, wie sie es möglichst aufregend für ihn und seine Freunde machen.

Gedichte und Lieder vor der Bescherung

Der Tagesablauf ist jedes Jahr gleich. Vormittags gehen sie noch in die Schule, nachmittags machen die Kinder einen Ausflug an den Adventsmarkt oder gehen im Wald spazieren. Die Erzieher richten in der Zwischenzeit das große Wohnzimmer her, legen die Geschenke unter den Baum, decken den Tisch. Wenn sie Kinder zurückkommen, ziehen sich viele schick an.

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Im Mehrzweckraum sagen sie dann gemeinsam Gedichte auf und singen Lieder. Religion spielt dabei keine Rolle. Weihnachten wird auf „neutrale Weise“ und aus einem „ethischen Blickwinkel“ heraus gefeiert, so Hansen. Es müsse auch niemand in die Kirche gehen. Danach genießen alle das große Festmahl.

Große Aufregung wegen der Geschenke

Hauswirtschaftlerin Sonja Schiller kocht ein „ganz besonderes Essen“. Eigentlich ist die 68-Jährige bereits in Rente. Trotzdem arbeitet sie noch einmal die Woche im Heim und lässt es sich nicht nehmen, ein Weihnachtsmal für die Kinder zuzubereiten. Es gibt Knödel, Spätzle, Kraut und Salate. Erzieher Alexander Schwender ist Jäger und schießt jedes Jahr ein Reh oder einen Hirsch für das Festessen. „Beim Reh steig ich aus“, sagt Lukas. Die Kartoffelknödel und Spätzle findet er aber lecker. Als Nachspeise gibt es Plätzchen in diversen Variationen – Vanillekipferl, Spitzbuben und Zimtsterne.

Ein Junge zerreißt freudig das rote Papier mit den silbernen Sternen. Ein Spender hat ihm ein Spiel geschenkt. 

Die Jungen und Mädchen helfen den Tisch ab- und die Küche aufzuräumen. „Wenn sie es noch schaffen“, sagt Heimleiterin Wilhelmine Hansen lachend. Meistens seien sie schon zu aufgeregt wegen der Geschenke. Damit beim Auspacken kein Chaos entsteht, gibt es ein System. Ein Kind sucht ein beschriftetes Paket aus, liest den Namen vor und gibt es dem Besitzer. Der öffnet es und wählt das nächste Geschenk. Bis zu zwei Stunden dauert der Höhepunkt des Abends. So wird jedem Kind Aufmerksamkeit geschenkt. „Andere glücklich zu sehen, macht mich auch glücklich“, sagt Lukas.

Schon zwei Wochen vor Weihnachten wird es hektisch

Er hat in den vergangenen Jahren einen Schlitten, ein Power-Ranger-Kostüm, einen Roboter und Legos bekommen. Was er heute Abend bekommt, weiß er noch nicht. Er ist schon ganz hibbelig, spielt mit seinen Händen, ist sichtlich aufgeregt. „Es ist immer spannend, was in den Paketen ist.“ Ein bis zwei Wochen nach Weihnachten werde es dann hektisch. Die Kinder sollen Dankeskarten an die Spender schreiben. „Alle zanken sich dann um einen Stift“, weiß der 11-Jährige. Er malt meistens sein Geschenk, damit die Karte richtig schön wird.

Die Heimleiterin steuert die Sachspenden „sehr stark“. Viele Leute wollen den Kindern etwas Gutes tun. „Die Geschenke müssen aber angemessen und gerecht sein“, sagt Hansen. Zwischen 20 und 30 Euro sollen sie kosten. Die Kinder bekommen nicht nur Spielzeug, sondern auch nützliche Dinge wie Bettwäsche, eine Schreibtischlampe, teure Schulbücher, eine Kuscheldecke oder Schlittschuhe. „Reichtümer“ wie ein Rad, Spielkonsolen oder Fernseher gibt es nicht.

Aktionen für die Kinder in der Vorweihnachtszeit

Zusätzlich zum Fest am 22. Dezember gibt es normalerweise auch eine Adventsfeier. Die Veranstaltung ist meist Mitte Dezember. Aufgrund der Corona-Pandemie ist sie heuer schon das zweite Jahr in Folge ausgefallen. Eingeladen wären Lehrer, Familien, Spender, Helfer und Partner wie Jugendämter, Caritas und Diakonie. „So wollen wir ihre Arbeit wertschätzen“, sagt Hansen. Das ganze Haus wird dafür weihnachtlich geschmückt – mit Kugeln, Girlanden und Lametta. Für Lukas ist Stefanie Seebauer die „Deko-Königin“.

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Auch in der Vorweihnachtszeit gab es im Kinderheim diverse Aktionen. Am ersten Advent sind die „Motorradnikoläuse“ vorbeigekommen: Biker in den typischen rot-weißen Kostümen mit Mütze und Bart. Als „Einstimmung in die staade Zeit“ haben die Kinder am Nikolaustag Plätzchen gebacken. Sie haben Geschenke für ihre Mütter und Väter gebastelt und die Gruppenräume weihnachtlich dekoriert. Für die Eltern, Lehrer und Jugendämter haben sie Weihnachtskarten gestaltet.

Jeder Betreuer kauf „seinen“ Kindern die Geschenke

Die Aktionen schaffen einen großen Zusammenhalt. Dennoch will Hansen die Gruppe nicht als Familie bezeichnen. „Dieser Begriff ist für ihre Familie reserviert.“ Das Heim sei eine Ergänzung dazu. Sie arbeitet seit 37 Jahren dort und hat erst eine Weihnachtsfeier ausgelassen. Das gehöre einfach dazu – auch für die Erzieher. Sie arbeiten im Schichtdienst, aber am 22. Dezember waren alle da.

Jeder Betreuer hat „Bezugskinder“, für die er Weihnachtsgeschenke vom Heimbudget kauft. „Wir lassen sie spüren, dass wir da sind und erkennen ihre Traurigkeit an“, sagt Erzieherin Tina Winter. Dennoch sei es ein „lebensprägender Zustand“ und ein „tiefer Einschnitt“ für die Jungen und Mädchen. „Das kann man niemandem abnehmen.“

Große und kleine Geschenke in allen Formen und Farben liegen für die Kinder unter dem Weihnachtsbaum.

Weihnachten sei zudem sehr emotionsbesetzt mit „Familie, Frieden, Freude und Besinnlichkeit“, so Hansen. Es werde romantisiert. Die Menschen wollen Nächstenliebe üben und den Armen Gutes tun. „Viele Menschen haben ein falsches Bild von uns und denken, dass wir das sind. Den Kindern geht es aber nicht schlecht.“ Das liegt auch an den Spenden, die sie das ganze Jahr über erhalten. „Die Rosenheimer sorgen für die Kinder im Heim“, sagt die Leiterin. Sie fühlen sich deshalb zugehörig und unterstützt.

Warum die Kinder überhaupt im Heim sind

Das alte Klischee von tristen Heimen sei nicht mehr aktuell. Es gibt keine kollektiven Duschen oder Schlafsäle mehr. Einige Menschen haben aber weiterhin solche Vorurteile. Manche rufen sogar in der Einrichtung an und wollen eines der Kinder an Weihnachten zu sich nehmen. Solche kuriose Angebote erstaunen Hansen.

Denn den Kleinen geht es heute besser als früher. Alle zwei Wochen und in den Ferien dürfen sie nach Hause. Sie seien ihren Eltern gegenüber „immer loyal“ und das ganze Jahr traurig, nicht zuhause zu sein. Der Weihnachtstag mache da keinen Unterschied.

Waisenkinder sind nicht in der Einrichtung. „Es gibt so viele adoptionswillige Menschen“, sagt Hansen. Die Kleinen kommen in die „Schöne Aussicht“, wenn das Jugendamt den Eltern das Sorgerecht entzieht. Auch bei einem Todesfall oder einem längeren Krankenhausaufenthalt, einer schwierigen Trennung oder Scheidung können die Kleinen vorübergehend im Heim unterkommen.

Weihnachten auf ohne die Familie besonders machen

„Der Großteil der Eltern überwindet die Schwierigkeiten“, weiß die Leiterin. Das „anzustrebende Endergebnis“ sei die Rückkehr der Kinder zu ihrer Familie – das kann einen Tag, Wochen, Monate oder Jahre dauern. Vor 20 Jahren waren fünf Jahre „normal“, das sei mittlerweile nicht mehr die Regel.

Damit das so bleibt, arbeiten die Pädagogen mit den Familien zusammen und „nehmen die Eltern mit ins Boot“, so Erzieherin Winter. Sie informieren Mütter und Väter über den Alltag der Kinder, lassen sie mit ihnen Kleidung kaufen oder Gespräche mit Lehrern übernehmen. So sollen die Eltern involviert und in der Erziehungsverantwortung bleiben. „Sonst kennen sie die Kinder nicht mehr, wenn sie mit 7 ins Heim und mit 10 wieder nach Hause kommen“, sagt Hansen.

Bis dahin geben sich die Erzieher große Mühe, Weihnachten fernab der Familie besonders zu machen. Bei Lukas haben sie den Zauber jedenfalls geweckt. Er kann sich vor Aufregung kaum auf seinem Stuhl halten.

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