Vortrag der ehemaligen ostdeutschen Bürgerrechtsaktivistin Vera Lengsfeld vor Schülern in Aising

Geschichtsunterricht aus persönlicher Sicht

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Rosenheim - "Immer selber denken" - so lautete die Botschaft von Vera Lengsfeld bei ihrem Besuch in der Volksschule Aising. Die ehemalige ostdeutsche Bürgerrechtsaktivistin schilderte auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung Schülern der 10. und 11. Jahrgangsstufe eindrucksvoll, wie sie das DDR-Regime und den Kommunismus am eigenen Leib erlebt hat.

"Ich habe gelernt, was Kommunismus bedeutet und weiß natürlich auch, dass es die DDR gegeben hat und wann die Mauer fiel. Doch wie das Leben dort genau ausgesehen hat, darüber steht eigentlich überhaupt nichts in den Geschichtsbüchern", sagt die 16-jährige Sandra, die derzeit die 10. Klasse der Volksschule Aising besucht. Ihre Freundin Sonja stimmt ihr da völlig zu: "Man weiß viele Daten und Fakten. Aber persönliche Erlebnisse kommen im Geschichtsunterricht eben nicht vor."

Die Hanns-Seidel-Stiftung setzt sich seit ihrer Gründung im Jahr 1967 für mehr politische Bildung ein und will genau auch das so weit wie möglich ändern, was Sandra und Sonja beklagen - einen zu theoretischen Geschichtsunterricht.

Darum lädt die Stiftung regelmäßig zu Vorträgen ein, bei denen persönliches Erlebnisse im Vordergrund stehen. Ein Beispiel dafür war jetzt der Vortrag von Vera Lengsfeld in der Volksschule Aising. Neben den Schülern hörten sich auch Stadträte und Junglehrer an, was die ehemalige Bundestagsabgeordnete über ihr Leben in der DDR erzählte.

"Die meisten Menschen wissen eigentlich überhaupt nicht, wie sehr das Leben der Bewohner jenseits der Mauer durch das Regime eingeschränkt wurde", erklärte Lengsfeld. Immer wieder setzte sie bei ihren Reden Kommunismus mit Diktatur gleich: "Dass es in der deutschen Geschichte damit bereits zwei Diktaturen gegeben hat, ist im Bewusstsein der Bevölkerung überhaupt nicht verankert."

Viel zu wenig wird nach Meinung der 58-Jährigen in den Lehrbüchern auf dieses Kapitel der deutschen Geschichte eingegangen. Dabei sei es wichtig, gerade den jungen Menschen die Vergangenheit zu schildern, um aus Fehlern zu lernen. Lengsfeld schilderte in ihrem eineinhalbstündigen Vortrag Stationen ihres bewegten Lebens. Sie erzählte dabei auch, wie sie sich immer mehr gegen das Regime auflehnte, schließlich in Haft geriet und was das für sie und für ihre Familie bedeutete.

Die Bürgerrechtlerin ging aber auch darauf ein, wie Leben zu Zeiten der DDR überhaupt aussah. Die Schwierigkeit, einmal im Jahr Bananen zu bekommen, spielte dabei ebenso eine Rolle wie das 48-stündige Anstehen vor einem Kaufhaus, um endlich an neue Fliesen zu kommen.

Vieles, was mittlerweile sogar als vorbildhaft propagiert werde, habe in Wirklichkeit völlig anders ausgesehen. Die Wohnungsnot sei unermesslich groß gewesen und Hortkinder von damals, die oftmals eine ganz Woche lang ihre Eltern nicht gesehen hätten, kämpften heutzutage nicht selten mit psychischen Problemen: "Doch darüber wird eben nicht gerne gesprochen", meinte Lengsfeld.

Je länger ihr Vortrag dauerte, umso stiller wurde es im Saal. Viele der Schüler zeigten sich sichtlich betroffen. "So hätte ich mir die DDR dann doch nicht vorgestellt. Wenn man nicht einmal mehr frei denken darf, ist das doch schrecklich", sagte die 16-jährige Sandra am Ende des Vortrags, und einer ihrer Mitschüler meinte: "Da weiß man erst wieder, wie gut man es selbst hat." wu

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