„BAUER IN DER AU“ BEIM TAG DES OFFENEN DENKMALS

Geschichte noch spürbar

Gespannte Erwartung: In Schlangen standen die Interessenten für die Führung an.

Normalerweise ist der mit dem Fassadenpreis 2017 ausgezeichnete „Bauer in der Au“ nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Dementsprechend groß war beim „Tag des offenen Denkmals“ das Interesse an einer Führung durch den frisch revitalisierten „Itakerhof“: Über 400 Besucher nahmen daran teil.

Rosenheim – Auf der einen Seite die Bahnlinie Rosenheim-Kufstein, auf der anderen Seite die stark befahrene Umgehungsstraße und dazwischen ein idyllisch anmutendes ehemaliges landwirtschaftliches Anwesen inmitten saftiger Wiesen: Schon diese ungewöhnliche Lage macht den „Bauern in der Au“ zu etwas Besonderem.

Die Geschichte des Anwesens reicht über 800 Jahre zurück. Der Hofname „Bauer in der Au“ ist 1625 zum ersten Mal belegt, als Balthasar Six als „Paur aus der Au“ verstarb. 1850 entstand das Gebäude in seiner jetzigen Form. Die letzte Besitzerin war Rosa Kiener. Aus Angst, dass der Bau der Umgehungsstraße ihre Fluren radikal durchschneiden könne, schloss sie 1965 einen Erbvertrag mit dem Erzbischöflichen Ordinariat München-Freising.

Über 400 Besucher zeigten Interesse

Seit 1991 stand der historische Gutshof leer. Das Inte resse an ihm von Seiten der Bevölkerung blieb aber weiter hoch. Dementsprechend kontrovers fielen die Diskussionen aus, als Beck und Fraundienst das Gebäude erwarb und im August 2016 mit der Sanierung begann. Verschiedene Nutzungsmöglichkeiten standen zu Beginn noch im Raum. In dem Modelabel „Lieblingsstück“ fand sich schließlich der passende Mieter.

Im Frühjahr dieses Jahres bezog die Verwaltungszentrale der Aschauer Firma ihre neuen Räumlichkeiten. Obwohl für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, vergeht seitdem kaum ein Tag, an dem nicht plötzlich Interessierte auf dem Gelände auftauchen und ohne Einladung durch die Hallen und Büros marschieren. „Das nervt die Mitarbeiter mittlerweile schon“, weiß der für die Planungen zuständige Architekt Eik Kammerl. Dementsprechend gerne kam er mit seiner Kollegin Barbara Kollmeier und Josef Liebl von Beck und Fraundienst der Anfrage der Stadt Rosenheim nach, sich am „Tag des offenen Denkmals“ zu beteiligen, um so auf der einen Seite das nach wie vor hohe Interesse von Seiten der Öffentlichkeit zu stillen und damit auf der anderen Seite den Mitarbeitern von „Lieblingsstück“ in Zukunft zu mehr Ruhe zu verhelfen.

Mit reger Beteiligung hatten die Organisatoren bereits im Vorfeld gerechnet, auf einen so großen Ansturm waren sie aber dann doch nicht vorbereitet. Über 400 Besucher nahmen an den beiden Führungen teil. Aufgeteilt in jeweils drei Gruppen, ging es für sie in alle Etagen des altehrwürdigen Gebäudes. Selbst sämtliche Büroräume waren an diesem Tag für sie frei zugänglich.

„Von außen kenne ich den Bauern in der Au schon ewig, aber noch nie durfte ich hinein“, meinte die Rosenheimerin Elisabeth Puchtler. Darum war es für die 82-Jährige eine Selbstverständlichkeit, an der Führung teilzunehmen. „Ich finde, der Hof ist sehr schön renoviert worden“, lautete ihr erster Eindruck. Auch das Riederinger Ehepaar Hannelore und Rolf Gruber nutzte die Chance, einmal einen Itakerhof von innen zu sehen: „Die Fassade dieser Höfe fällt auf. Jetzt haben wir endlich auch mal die Gelegenheit, einen dieser Höfe zu betreten“, freuten sich die beiden.

Bei einigen Besuchern wurden beim Gang durch die Räumlichkeiten auch Erinnerungen an längst vergangene Zeiten geweckt. „Da war das Bischofszimmer!“, rief Anneliese Kaiser beim Betreten eines Büros im Obergeschoss aufgeregt aus. Sie arbeitete früher im Sozialdezernat der Stadt Rosenheim und betreute unter anderem eine kinderreiche Familie, die für einige Jahre in dem stillgelegten Hof untergebracht worden war. „Ich habe immer gestaunt, wie prunkvoll einige der leer stehenden Räume waren,“ erzählte sie. In dem Bischofszimmer habe eine große Bischofsbüste gestanden. Außerdem erinnert sich Anneliese Kaiser an einen roten Teppich und rote Vorhänge. „Dieses Zimmer wurde nie genutzt. Es wartete nur auf den Tag, an dem dann endlich der Kardinal Ratzinger kam“, weiß sie.

Viele historische Details integriert

Im Gegensatz zu der gut erhaltenen Außenfassade war die Bausubstanz im Inneren zuletzt schlecht. Klar erkennbar ist darum nach der Sanierung nur noch der ehemalige Stall mit seinem Gewölbe im Erdgeschoss. Im Obergeschoss musste viel verändert werden.

Der Flair vergangener Zeiten ist aber auch dort noch spürbar, nicht zuletzt weil es dem Bauherrn wichtig war, möglichst viele Details der Vergangenheit zu bewahren und ins neue Bild zu integrieren, wie beispielsweise den zweiten Balkon. Einst war er eine Schummelei. „Er diente ursprünglich nur dazu, das Gebäude noch größer und imposanter erscheinen zu lassen“, erzählte einer der Besucher. Jetzt nach der Sanierung kann er auch tatsächlich genutzt werden.

Für Kunsthistorikerin und Volkskundlerin Michaela Firmkäs, die ebenfalls an der Führung am „Tag des offenen Denkmals“ teilnahm, ist der „Bauer in der Au“ ein gutes Beispiel dafür, dass der Erhalt von alten Häusern sehr wohl Sinn macht. „Bei alten Gebäuden spürt man die Geschichte, durch die sie gegangen sind“, meint sie. Der „Tag des offenen Denkmals“ trage dazu bei, den Menschen ein Gefühl für alte Bausubstanz zu geben und zu zeigen, dass eine Sanierung – im Gegensatz zu der weitverbreiteten Meinung – auch in vielen Fällen nicht sehr viel mehr koste als ein Neubau.

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