Gemeinsam durch die Krise: Wie die Rosenheimer „Fischküche“ Senioren das Leben erleichtert

Bei der Essensübergabe: Jonah Werner und die Rentnerin Verona Antal.

Erinnerungen an Kriegsjahre, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, und einsam: Gerade älteren Menschen macht die Corona-Krise zu schaffen. Um ihre psychische Gesundheit stabil zu halten, sind Hilfsangebote wichtig. Warum dabei auch die Versorgung mit einer warmen Mahlzeit eine große Rolle spielt.

von Anna Heise

Rosenheim – Die Einsamkeit macht Elfriede Ehlers (79) seit dem Beginn der Corona-Krise am meisten zu schaffen. Sie wohnt alleine, verlässt das Haus nur selten. Bei schönem Wetter sitzt sie auf ihrem Balkon, verbringt Zeit mit ihrem Kater. Der Fernseher läuft rund um die Uhr, um die Stille, um sie herum erträglicher zu machen.

Freunde am Telefon sind deprimiert

Freunde und Nachbarn gehen für sie einkaufen, einmal in der Woche spaziert sie zum Supermarkt in der Nähe und kauft die Dinge, die noch fehlen.

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Am Telefon tauscht sie sich mit Freunden aus. „Alle um mich herum sind deprimiert“, sagt Ehlers. Auch ihr fehlte in den vergangenen Wochen der Antrieb, die Motivation. „Ich habe mich einfach sehr allein gefühlt“, sagt sie. Sie sehnt sich nach Liebe und Fürsorge. Dem Gefühl der Zuwendung.

Täglich kostenlose Mahlzeiten

Doch dann erfährt sie über eine Bekannte von dem Angebot des Restaurants „Fischküche Rosenheim“. Zwar hat das Restaurant wegen Corona geschlossen, gekocht wird trotzdem. Täglich bieten das Pächter-Ehepaar Christine und Michael Haldek und ihre Mitarbeiter, kostenlose Mahlzeiten für ältere Mitbürger an, die alleinstehend und auf Hilfe angewiesen sind.

Angebot anzunehmen kostet große Überwindung

Menschen wie Elfriede Ehlers. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Hilfe angenommen“, sagt sie. Doch sie wählt sie die Nummer der „Fischküche“ trotzdem. Als der Anrufbeantworter anspringt, bekommt sie kein Wort heraus, legt direkt wieder auf. „Ich war über mich selbst gerührt“, sagt sie. Am nächsten Tag ruft sie erneut an, spricht mit Michael Haldek und bittet um Hilfe. „Das hat große Überwindung gekostet.“

„Gemeinsam schaffen wir das“

Am übernächsten Tag steht zum ersten Mal ein Mittagessen vor ihrer Tür. Mit einem Zettel auf dem steht „Gemeinsam schaffen wir das.“ Fast drei Wochen nutzt sie das Angebot, seit Dienstag hat sie es abbestellt. „Die Fischküche war für mich für wie ein Sprungbrett“, sagt sie. Sie hat wieder mit dem Kochen angefangen, kommt mit der Situation „besser zurecht“.

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Wie wichtig es ist für alte Menschen, nicht in eine Schleife von Einsamkeit und dunklen Gedanken zu kommen, wissen die Helfer des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Rosenheim. Leiter Siegfried Zimmermann spricht von „Vereinsamungseffekten“, die gerade drohten. Sie gelte es ebenso zu verhindern, wie es wichtig sei, das ständige Kreisen der Gedanken zu unterbrechen. Spaziergänge und Bewegung würden helfen, um seelische Not zu lindern, sagt Zimmermann.

Freude über das Klingeln an der Tür

Wie gut Spaziergänge tun können, weiß auch Verona Antal. Die 82-jährige Rosenheimerin nutzt ebenfalls das Angebot der Fischküche, ist zweimal am Tag an der frischen Luft. Immer da, wo wenig Leute unterwegs sind. Denn auch bei ihr ist die Angst groß, sich mit dem Virus zu infizieren. „Aber ich komme schon klar“, sagt sie am Telefon. Ihre Stimme ist leise, im Hintergrund hört man den Fernseher. Seit ihr Mann vor 13 Jahren gestorben ist und die beiden Söhne aus dem Haus sind, wohnt die Rentnerin alleine. Vor dem Beginn der Krise engagierte sie sich ehrenamtlich bei der Diakonie. Verbrachte Zeit mit ihren fünf Enkeln und den drei Urenkeln. Nun ist das Ehrenamt eingestellt, die Familie hat sie seit dem Beginn der Krise nicht mehr gesehen.

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Unterstützung bekommt sie von der Rosenheimer Tafel und der Fischküche. „Für mich ist das eine riesige Erleichterung“, sagt Verona Antal. Sie freue sich auf das Klingeln an der Tür, die „jungen Leute, die das Essen bringen“. Darauf, dass die Einsamkeit für einen kurzen Moment unterbrochen wird.

Bis jetzt schon 1 000 Portionen ausgeliefert

Es sind Menschen wie Elfriede Ehlers und Verona Antal, die die Wirtin der Fischküche Christine Haldek in ihrem Vorhaben bestärken, weiter zu machen. So lange kostenlose Mittagessen auszuliefern, bis die Krise vorbei ist. Dass die Aktion bei den älteren Mitbürgern so gut ankommt, damit habe sie nicht gerechnet.

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„Kurz nach Ostern haben wir unsere 1000. Essensportion ausgeliefert“, sagt sie. Sie habe Kunden in der Aisingerwies, in Happing, in Pang, in der Erlenau und direkt im Stadtzentrum. Pro Tag liefern die ehrenamtlichen Helfer rund 60 Portionen aus. Jeden Tag gibt es ein anderes Hauptgericht, dazu eine Suppe und ein Dessert. Die Portion sei so dimensioniert, dass die Senioren auch am Abend noch etwas zu essen haben. sagt Christine Haldek.

Spenden und Helfer stützen das Projekt

Möglich machen die Aktion zudem zahlreiche Helfer und Spender. Eishockeyspieler, Stadträte, Polizisten und Mitglieder des Stadtjugendrings: Sie alle haben sich bei dem Ehepaar gemeldet, ihre Hilfe angeboten und helfen jetzt beim Verpacken und Ausliefern der Mahlzeiten. Fast täglich bekommen sie Sach- und Geldspenden von Firmen und Privatpersonen. „Anders wäre die Aktion gar nicht machbar“, sagt Christine Haldek. Laufen soll das Angebot bis die Verordnungen zur Corona-Krise aufgehoben werden.

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