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Gunter Demnig nimmt zu CSU-Attacke Stellung

Geldmacherei mit Gedenken an NS-Opfer? Stolperstein-Künstler weist Vorwürfe aus Rosenheim zurück

Wehrt sich gegen die Kritik: Gunter Demnig.
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Wehrt sich gegen die Kritik: Gunter Demnig.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Der Berliner Künstler Gunter Demnig (74), der im Rahmen seiner Stiftung seit über 20 Jahren in ganz Europa Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des NS-Regimes verlegt, sieht sich der Kritik der Rosenheimer CSU ausgesetzt. Sie werfen Demnig unter anderem „gewinnwirtschaftliches Interesse“ vor. Jetzt nimmt der 74-Jährige zu den Vorwürfen Stellung.

In Rosenheim hat es in den vergangenen Monaten viele Diskussionen über die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund gegeben. Warum sind Stolpersteine in Ihren Augen so wichtig?

Gunter Demnig: „Die Stolpersteine und Stolperschwellen sind so wichtig, da sie im Stadtbild klar kennzeichnen, wo die Verbrechen einst inmitten der Gesellschaft stattgefunden haben. Sie lassen den Betrachter täglich kurz innehalten und gedenken – auf dem Weg zur Schule, zur Bushaltestelle oder zum Rathaus. Der Betrachter muss sich nicht erst zu einem Ort des Gedenkens begeben, sondern er steht mitten in der Geschichte.“

Dennoch gibt es Städte, die sich gegen die Stolpersteine stellen. Die Rosenheimer CSU wirft Ihnen vor, dass sie denjenigen, die für eine andere Form des Gedenkens plädieren, kritisch betrachten.

Demnig: „Es gibt einige wenige Städte beziehungsweise Initiativen, die sich gegen Stolpersteine entschieden haben. Dies hat unterschiedlichste Gründe. Das häufigste Argument gegen die Steine ist jedoch, dass auf den Namen der Opfer herumgetrampelt wird. Insofern entscheiden sich diese Städte in den meisten Fällen für alternative Gedenkformen. Das ist für mich und alle Mitarbeiter der Stiftung völlig akzeptabel. Wir sind einstimmig der Meinung, die Vielfalt belebt die deutsche Gedenklandschaft. Ich bestehe insofern keinesfalls darauf, Stolpersteine gegen den Willen von Angehörigen zu verlegen, und habe dies zu keinem Zeitpunkt jemals anders geäußert. Im Gegenteil: Wir von Seiten der „Stiftung Spuren – Gunter Demnig“ haben in den vergangenen Jahren immer wieder finanziell andere Gedenk-Projekte unterstützt, um diese Vielfalt lebendig zu halten. Und natürlich gibt es inzwischen aber auch durchaus gut durchdachte zentrale Gedenkstätten, die die Zeitgeschichte ansprechend und zeitgemäß darstellen.“

Können Sie das Argument, bei Stolpersteinen würde „das Gedenken mit Füßen getreten wird“, nachvollziehen?

Demnig: „Wenn Menschen dieses Argument äußern, dann ist das ihr persönliches Empfinden. Natürlich ist es etwas seltsam, dass dieses Empfinden selten auf alten jüdischen Friedhöfen oder in christlichen Kirchen aufkommt, dort wo man tatsächlich über die Begräbnisstätten der Verstorbenen rüberläuft. Vielleicht könnte in diesem Punkt der Blickwinkel im wahrsten Sinne des Wortes verändert werden: Jeder der vor einem Stolperstein stehen bleibt und die Geschichte lesen möchte, muss seinen Kopf beugen und verneigt sich somit automatisch vor den Opfern. Das Bild des Verbeugens hat meiner Ansicht nach einen emotionalen Moment: für den Betrachter selbst und deren Betrachter.“

Die Rosenheimer CSU wirft Ihnen zudem vor, dass hinter den Stolpersteinen ein „ausgeprägtes gewinnwirtschaftlich orientiertes kommerzielles Interesse des Künstlers steht“. Wie gehen Sie mit diesen Vorwürfen um?

Demnig: „Der Vorwurf der Bereicherung ist natürlich sehr ärgerlich. Ich arbeite für die „Stiftung Spuren – Gunter Demnig“ und bekomme wie alle anderen festangestellten und freien Mitarbeiter auch ein durchschnittliches Gehalt gezahlt. Alle Zahlungen und Spenden für die Stolpersteine und Stolperschwellen gehen ausschließlich auf dem Konto der Stiftung ein, nicht auf mein privates Konto. Die Stiftung ist gemeinnützig und wird dreijährlich geprüft, so dass die Gelder weder veruntreut, zweckentfremdet oder für private Zwecke ausgeben werden können.“

Um Transparenz zu schaffen: Können Sie uns die Kosten aufschlüsseln?

Demnig: „Die Kosten für einen Stolperstein haben wir im Kuratorium der Stiftung so berechnet, dass wir unsere Verlegungen und den Projektablauf sicherstellen können. Von den 120 Euro werden sowohl das Material zur Herstellung, die Terminplanung, die Beratung zu den Inschriften der Steine, die Nachrecherche zu den Biografien, die pädagogische Begleitung von Schulklassen, die Betreuung der Initiatoren vor den Verlegungen zu Ablauf und Gestaltung der Zeremonien rund um die Steinverlegungen, die Herstellung per Hand, der Transport mit der Post oder mit dem Auto, die Anreise und Verlegung der Steine, das Material zum Verlegen sowie die Einpflegung der Daten und Biografien der Opfer in unsere Datenbank finanziert.“

Und was fließt in die Stiftung?

Demnig: „Wir versuchen, den Preis für einen Stolperstein – trotz in allen Bereichen stark gestiegener Kosten – stabil zu halten. Wie viel genau bei einem Stolperstein der Stiftung zugute kommt, hängt davon ab, welche Kosten jeweils entstehen. Es kann sich sicherlich jeder vorstellen, dass bei einer Verlegung von beispielsweise zehn Steinen in einem Ort mehr Geld zurück in die Stiftungskasse fließt, als wenn ich für einen Stein extra 500 Kilometer anreisen muss. Die Dankbarkeit, die mir insbesondere von Angehörigen entgegengebracht wird, ist natürlich unbezahlbar und zeigt mir, warum ich immer wieder auch in die entlegensten Ecken Europas reise.“

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