Am 16. Februar 1921

Die Hoffnung auf den schönen Schein: Als Rosenheim sein eigenes Geld druckte

Scheinreich: Bernhard Zahn fand die Rosenheimer Pfennig-Noten beim aufräumen. Schlecker
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Scheinreich: Bernhard Zahn fand die Rosenheimer Pfennig-Noten beim aufräumen. Schlecker
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Es war vor genau 100 Jahren, Rosenheim war knapp bei Kasse und hatte außerdem das nötige Kleingeld nicht. Da verfiel die Stadt auf ein wohlfeiles Mittel. Und sie begann die Geld-Druckerpressen anwerfen zu lassen.

Rosenheim –Jahrzehntelang hatte er sie eingelagert, seine Fachbücher über Volkskunst und Sakrales, was man halt so brauchte als Antiquitätenhändler. Kürzlich hat er sie wieder rausgeholt, den Staub von den Buchdeckeln geblasen und sie durchgeblättert, um zu schauen, was da noch gültig und heute noch wissenswert wäre. Bernhard Zahn (73) fand etwas Unerwartetes. Etwas nicht mehr Gültiges und doch Zeitloses: Banknoten der Stadt Rosenheim, Papiergeld über Pfennigbeträge, ausgegeben vor genau hundert Jahren, am 16. Februar 1921. „Nur ein bisserl größer als Streichholzschachteln“, sagt Zahn, „aber so schön!“

Die Rosenheimer Scheine – eine Augenweide

Nicht ganz zweieinhalb Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hatte also die Stadt erneut mit dem begonnen, was man in Notzeiten ja so gern macht. Sie hatte die Druckerpressen angeworfen um ihr eigenes Geld zu drucken. Und sie wollte Eindruck machen: Die Scheine, verziert zum Beispiel mit Stadtansichten, vor allem dem Mittertor als Rosenheimer Wahrzeichen, sind tatsächlich eine Augenweide.

Aber wie kam es zu diesem Zahlungsmittel, deutlich nach der Notzeit des Ersten Weltkrieges und noch ein ganzes Stück vor der Inflationskatastrophe von 1923? Es gab wohl zwei Gründe. Die Stadt Rosenheim war tatsächlich knapp bei Kasse. Und vor allem fehlte ihr das nötige Kleingeld.

Es fehlte den Rosenheimern das nötige Kleingeld

Was wiederum Ursachen im Krieg hatte. Die Deutschen waren mehr oder weniger euphorisch in den Krieg gezogen. Frankreichs Truppen ausmanövrieren, Paris einnehmen, dann den Russen Einhalt gebieten – das alles stellte man sich im August 1914 als Angelegenheit weniger Wochen oder höchstens Monate vor. Eine Fehlkalkulation, wie sich nach fünf Wochen Krieg herausstellte. In den Jahren des Schlachtens an mehreren Fronten wurde in Deutschland nahezu alles knapp.

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Metalle wie Kupfer und Nickel benötigte man unter anderem für Munition. Gold und Silber hortete die Reichsregierung in ihren Tresoren, um im neutralen Ausland wichtige Kriegsgüter kaufen zu können. Andererseits wurde damals allgemein noch bar bezahlt, vor allem die Güter des täglichen Bedarfs, die nur wenige Pfennige oder Mark kosteten, aber auch Löhne und Sold. Weil daher bald die Münzen knapp wurden, griffen die Rosenheimer wie viele andere Städte auch zum Mittel des Papierpfennigs.

Die Sammler waren das Zielpublikum für Rosenheims Notgeld

Und 1921? Waren Münzen immer noch knapp. Und die Stadt Rosenheim gedachte, mit ihren Scheinen Geld zu verdienen, indem sie sich entschied, eine Währung herauszugeben, die sie vermutlich nie einlösen müsste – weil die Menschen sie nicht mehr herausgeben würden. Daher sind die Rosenheimer Pfennig-Banknoten so liebevoll und schön gestaltet. Sie seien weniger Zahlungsmittel gewesen als Sammlerstücke, sagt Karl Zinsmeister, ehemaliger Finanzreferent der Stadt Rosenheim und als Sammler ein Kenner der Rosenheimer Schmuck-Scheine. „Man hoffte, dass sie nicht mehr zurückkommen würden. Und wirklich sind die meisten auch ganz schnell aus dem Verkehr gezogen gewesen“, sagt er.

Geschätzt allerorten, gültig nur in Rosenheim

Die Vorderseiten der Scheine zierte das Rosenheimer Stadtwappen. Gültig waren sie für den Verkehr innerhalb des Stadtbezirks. Und sie tragen ein Verfallsdatum. „Dieser Gutschein verliert seine Gültigkeit drei Monate nach Aufruf“, stand da aufgedruckt. Auf der Rückseite sind Stadtansichten, etwa der Max-Josefs-Platz aus diversen Perspektivem. Als Maler zeichnete ein gewisser Schluttenhofer, über den allerdings auch das Internet nichts preisgibt, gedruckt wurden sie – wie die Scheine anderer Kommunen auch – in rauen Mengen in der Druckerei der Gebrüder Parcus in München. Die Menschen sammelten die bunten Fetzen wie heute Panini-Bilder. „Es gab sogar extra Geschäfte, in denen Sammler die Pfennigscheine zahlreicher Städte kaufen konnten, wie auch später noch Briefmarken“, sagt Zinsmeister. Gültig mögen die Scheine nur im Rosenheimer Stadtbezirk gewesen sein. Geschätzt wurden sie im ganzen Reich.

Rosenheim steigerte sich von Pfennigen zu Milliarden

Es war eine rechte Pfennigfuchserei: Die Notgeldserie umfasste Scheinchen für 5, 10, 15, 25 und 50 Pfennig. Noch waren die Werte halbwegs stabil, fast schon überraschend stabil sogar, sieht man sich, wie engagiert das Reich während des Krieges seine Gelddruckereien hatte arbeiten lassen. Im April 1921 aber wurde bekannt, wie heftig die Zeche ausfallen würde, die die Alliierten Deutschland als vermeintlichem Kriegsverursacher zu präsentieren gedachten. Um ihre Forderungen einzutreiben, besetzten sie das Ruhrgebiet, worauf die Deutschen mit passivem Widerstand und Streik reagierten, was Kosten verursachte und das internationale Vertrauen in die Reichsmark erschütterte.

Rosen und Heimat – und immer wieder grüßt das Mittertor als Wahrzeichen.

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Nun explodierte die Inflation im Deutschen Reich, wie man an den Rosenheimer Gelddruckplänen gut sehen kann: Dort waren 1923 die Pfennigbeträge der ersten Geldgutscheine längst vergessen, es gab Millionen-Mark-Scheine, und sogar einen 200-Milliarden-Mark wollte man drucken lassen. Allein, es kam gar nicht mehr dazu, die Inflation hätte auch diesen Wert schnell pulverisiert. „Das war pervers“, sagt Zinsmeister, „Löhne wurden täglich ausbezahlt, und am besten hat man sich sein Brot sofort gekauft, bevor das Geld am nächsten Tag nichts mehr wert war.“

Geld pumpen gegen die Krise

100 Jahre danach geraten die Finanzen wieder ins Wanken. Die Maßnahmen, mit denen man die Folgen der Corona-Pandemie abfedern möchte, kosten Milliarden und Billionen. Und wieder laufen die Gelddruckmaschinen auf hohen Touren. An neue Rosenheimer Notgeldscheine sei dennoch nicht gedacht, sagt Rosenheims Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl nicht ganz ernst. „Es sei denn, die Europäische Zentralbank verspielt auch das letzte Vertrauen und jegliche Glaubwürdigkeit.“

Das vorhandene Notgeld würde wohl erst recht niemandem aus einer finanziellen Krise helfen. Die Pfennigscheine, so schön sie sind, bringen auch in Sammlerkreisen nur Summen im unteren zweistelligen Bereich.

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