Gegner formieren sich

OVB
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Der große Kreis markiert den Bereich des geplanten Nahversorgungszentrums an der Bundesstraße 15, der kleine den nur 400 Meter weit entfernten Rewe-Markt.

Rosenheim - Braucht Westerndorf St. Peter einen neuen Lebensmittelmarkt, einen Drogeriemarkt, ein Café und einen Bäcker? Gutachter sagen: "Ja". Viele Bürger sagen: "Nein".

2400 haben die Ablehnung mit ihrer Unterschrift bekräftigt. Seit der Ansiedelung von Weko im Süden der Stadt hat kein Thema mehr einen Stadtteil so bewegt.

Übergabe von 2400 Unterschriften gegen das Nahversorgungszentrum (von links): Rudolf Scheidhofer, Hans Fretz, Oerbürgermeisterin Gabriele Bauer, Hannelore Zeisner und Dr. Markus Frank.

Vertreter einer Bürgerinitiative überreichten Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer die in kurzer Zeit gesammelten Unterschriften. Die Planungen im Süden von Westerndorf St. Peter, westlich der Bundesstraße 15, sind weit fortgeschritten. Geplant sind ein Discounter (Aldi) mit 1800 Quadratmetern, ein Lebensmittelmarkt mit 2500 Quadratmetern, ein Drogeriemarkt mit 800 Quadratmetern, eine Bäckerei und ein Café. Gegner fürchten den Tod kleinerer Geschäfte in der Umgebung, etwa am Ende der Prinzregenten-/Marienberger Straße und in der Lessingstraße und vor allem auch des nur 400 Meter entfernten Rewe-Markts an der Ebersberger Straße. Rewe wäre grundsätzlich bereit gewesen, zu vergrößern. Aber eine Erweiterung um mehr als 1000 Quadratmeter erschien dem Stadtrat an dieser Stelle zu üppig.

Ob der Markt erhalten bleibt, eventuell moderat vergrößert wird, um der möglichen Konkurrenz an der Westerndorfer Straße gewachsen zu sein, darüber hüllt sich die Rewe-Geschäftsführung in Schweigen: "Wir bitten um Verständnis, wenn wir zum Stand der Verhandlungen aktuell keine Auskünfte geben und zu Spekulationen grundsätzlich keine Stellung nehmen." Auch im Rathaus weiß man derzeit nicht mehr.

So halten es die Vertreter der Bürgerinitiative für durchaus möglich, dass an der Ebersberger Straße ein wichtiger Einkaufsmarkt, der für die Kunden aus den umliegenden Wohngebieten zu Fuß erreichbar ist, verlorengeht. Sprecher der Initiative sind Hannelore Zeisner, Rudolf Schneidhofer, Hans Fretz und Dr. Markus Frank. Zusätzliche Kaufkraft wird aus ihrer Sicht mit dem an der Bundesstraße 15 geplanten Nahversorgungszentrum (NVZ) nicht erzielt - Aldi zum Beispiel würde nur den Standort innerhalb von Westerndorf St. Peter wechseln. Dafür aber werde auf der ohnehin schon überlasteten B15 noch mehr Verkehr produziert. Zudem würden die letzten landwirtschaftlichen Flächen am Stadtrand einem Vorhaben geopfert, welches "außer dem Investor niemand haben will".

Oberbürgermeisterin Bauer räumt ein, der zusätzliche Verkehr sei durchaus ein Problem. Die Erschließung der Flächen betreffe aber nicht nur das NVZ, sondern sei in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Ihr ist es auch wichtig, dass die bei der Hochschule liegenden Gewerbebetriebe nicht mehr über das Wohngebiet Marienberger Straße angefahren werden. Der Hochschule Berufsoberschule bräuchten dringend Möglichkeiten, zu erweitern. ie Hochschule sei mit über 5000 Studenten ein enorm wichtiger Faktor im Gefüge der Stadt.

Bauer zeigt sich von dem Projekt überzeugt, betont aber auch: "Ich kann 2400 Unterschriften nicht negieren. Wir werden in die Bürgerbeteiligung gehen. Bei den Bürgerversammlungen im Herbst werden wir das Thema ausführlich diskutieren." In der heutigen Sitzung des Stadtentwicklungs- und Bauausschusses um 17 im kleinen Rathaussaal will Baudezernent Helmut Cybulska schon einmal eine neue Variante der Erschließung vorstellen.

Gutachter haben für den Norden Rosenheims einen grundsätzlichen Bedarf an mehr Versorgungsmöglichkeiten festgestellt, weil manche Bürger keine Möglichkeit haben, sich im Umkreis von 400 Metern, also zu Fuß, mit Lebensmitteln zu versorgen. Das Gutachten stammt von der Firma Cima, die auf die Beratung von Kommunen in Sachen Einzelhandel spezialisiert ist und die Stadt schon seit 1996 berät. Für detaillierte Beratungen bedient sich der NVZ-Investor der Firma IPH, einem Unternehmen im Firmenverbund der Cima. Kritiker stellen deshalb die Frage, ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht. Cima-Geschäftsführer Roland Wölfl weist jeglichen Zusammenhang zurück und betont: " Wir haben 2009, als erste Planungen des Investors vorgelegt wurden, die Empfehlung ausgesprochen, das Ganze um ein Drittel zu verringern. Das lag sicher nicht Interesse des Investors."

Der Grundsatzbeschluss im Stadtrat war mit 27 gegen 14 Stimmen für den Standort an der B15 gefasst worden, wobei die Ablehnung quer durch die Fraktionen geht. CSU-Stadtrat Georg Soyer aus Westerndorf St. Peter beispielsweise lehnt das Vorhaben im Gegensatz zur Mehrheit seiner Fraktion ab. Allein die geplante Verkehrsanbindung im Abstand von nur 75 Metern zur Einmündung der Ebersberger Straße hält er ohne Kreisellösung für unsinnig. Er unterstreicht alle Argumente der Bürgerinitiative und glaubt vor allem nicht, dass es bei den jetzt geplanten Märkten bleibt. "Das ist die Taktik mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand." Es werde, wenn das Nahversorungszentrum kommt, auf lange Sicht keine Grünzäsur zwischen Westerndorf St. Peter und Rosenheim mehr geben. Davon ist er gemeinsam mit den anderen Gegnern im Stadtrat überzeugt.

Viele Bürger haben sich in den letzten Wochen per Leserbrief im Oberbayerischen Volksblatt zur Wort gemeldet, wobei die meisten das NVZ ablehnten. Es gibt aber auch Bewohner im Norden Rosenheims und in angrenzenden Gemeinden, die sich an dieser Stelle ein Einkaufszentrum wünschen. Sie wollen sich den Weg durch die Stadt sparen, wenn sie zum Einkaufen fahren. Sie geben den Gutachtern Recht: Im Norden gebe es ja sonst keine andere umfassende Versorgungsmöglichkeit.

Elvira Biebel-Neu (Oberbayerisches Volksblatt)

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