Fühlen statt Sehen: Wie der blinde Künstler aus Rosenheim seine Kunstwerke töpfert

Der Künstler bei der Arbeit:Christian Nicke fertigt in seiner Werkstatt die Figuren aus Ton an. Viele seiner Werke sind christliche Symbole oder greifen psychologische Themen auf. re

In der Rosenheimer Volkshochschule findet bis Donnerstag, 24. Oktober, eine Benefizverkaufausstellung statt. Der Künstler ist der schrittweise erblindete Theologe und Psychologe Christian Nicke.

Rosenheim – Wenn Christian Nicke mit Ton arbeitet, sind seine Augen geschlossen. Behutsam formt er Blütenblätter, zieht mit den Fingerspitzen immer wieder die Umrisse der Figuren nach. Wie seine Kunst am Ende aussieht, kann Nicke nur vermuten. Der 78-Jährige ist blind. Trotz seiner Einschränkung hat er fast 100 Keramikarbeiten und Reliefkacheln hergestellt. Diese liegen bis Donnerstag, 24. Oktober, bei einer Benefizverkaufsausstellung in der Volkshochschule Rosenheim aus.

Seit 43 Jahren verheiratet

Christian Nicke ist ein Optimist. Das merkt man sofort. Er lacht viel und oft, konzentriert sich auf die positiven Dinge im Leben. Nur kurz spricht er von seiner Krankheit – Retinitis Pigmentosa. Eine angeborene Augenerkrankung, bei der es zum Absterben der Netzhaut kommt. „Es ist ein schleichender Prozess. Man wird ein Spezialist fürs Loslassen, muss ständig Abschied nehmen“, sagt er.

Seit vier Jahren komplett blind

Seit vier Jahren kann Nicke überhaupt nichts mehr sehen, ist auf die Unterstützung seiner Frau Kristina (65) angewiesen. Die beiden sind seit 43 Jahren verheiratet, kennen sich schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Kristina Nicke ist es auch, die ihrem Mann bei seiner Kunst hilft. „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, schreie ich ganz laut nach ihr“, sagt Christian Nicke und lacht.

Theologe und Psychotherapeut in Aschaffenburg

Der 78-Jährige arbeitete für fast 20 Jahre als Theologe und Psychotherapeut in einer Beratungsstelle in Aschaffenburg. Nach der Rente zog das Paar nach Umbrien in Italien und eröffnete dort das Zentrum „Piccolo centro via vento“. Hier boten die beiden eine therapeutische Begleitung für Paare, kleine Gruppen und Einzelpersonen an. Vor drei Jahren verkauften sie das Anwesen, zogen nach Rosenheim.

Schnell stand für Christian Nicke fest: Eine neue Aufgabe muss her. Tatenlos rumsitzen kam für den Rentner noch nie in Frage.

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Also besorgte er sich einen Klumpen Ton, baute sein Gästeklo in eine Miniwerkstatt um und begann eine Figur zu formen. Erfahrung hat er keine, er probiert sich aus. Immer mehr Figuren entstehen. „Ich habe immer eine Idee vor Augen“, sagt er. Meistens sind es Dinge, die ihn beschäftigen, ihn ärgern oder freuen. Viele seiner Werke sind christliche Symbole oder greifen psychologische Themen auf. So fertigte er beispielsweise die Krippe mit Maria und Josef im Hintergrund an. Er schafft Esel aus Ton, bestückt Reliefkacheln mit verschiedenen Zitaten.

Ein eingespieltes Team

„Meine Arbeiten sind nicht perfekt, aber das geht als Blinder auch nicht“, sagt Christian Nicke. Er setzt sich selbst nicht unter Druck, weiß, dass er auch bei seiner Kunst auf die Hilfe seiner Frau angewiesen ist.

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Christian Nicke hat die Idee, fertig nach ihr die Figur an. Das Paar sammelt die „Entwürfe“ und bringt sie –  sobald genügend zusammen sind – nach Neubeuern in die Töpferei. Dort werden die Figuren gebrannt. Kristina Nicke holt die Figuren wieder ab und setzt sich mit ihrem Mann zusammen.

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Gemeinsam überlegen sie, welche Farben zu welcher Figur passen. Kristina Nicke trägt dann mit einem dünnen Pinsel die Glasur auf. Die glasierten Kunstwerke müssen dann erneut nach Neubeuern für den zweiten Brand. Ein aufwendiges Hobby, doch dem Ehepaar gefällt es.

Schon über 100 Figuren hergestellt

Über die Jahre sammelten sich über 100 Figuren an. Weil die beiden nicht mehr wussten, wohin mit der ganzen Kunst, entstand die Idee, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. „Ich kann ja schlecht die ganze Wohnung mit seinen Keramikarbeiten vollhängen“, sagt Kristina Nicke.

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Ihre 30 Lieblingsfiguren behält sie selbst, die anderen werden verpackt und im ersten Stock der Rosenheimer Volkshochschule ausgelegt. Hier können Interessierte die Kunst kaufen – gegen eine kleine Spende. Das Geld kommt dem Verein der Bayerischen Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte München zugute.

Nicke liebt Hörbücher

Dass Christian Nicke diesen Verein unterstützen will, war für ihn von Anfang an klar. „Ich genieße Hörbücher sehr“, sagt er. Früher, als er noch sehen konnte, sei er eine echte Leseratte gewesen, wollte auch nach seiner Erblindung nicht darauf verzichten. Er entdeckte die Hörbücher für sich, interessiert sich für alles von Klassik, über Krimis bis hin zu Zeitschriften.

Idee, ein eigenes Buch zu schreiben

Nach der Ausstellung ist für das Ehepaar Nicke mit dem Töpfern aber erst mal Schluss. Was dann kommt, wissen sie noch nicht. „Ich habe überlegt, ein Buch zu schreiben“, sagt der 78-jährige Christian Nicke. Genug zu erzählen hätte er auf jeden Fall.

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