Fridays for Future in der Region: Junge Leute gehen heute in Rosenheim auf die Straße

  • vonKarin Zehentner
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Junge Menschen in Rosenheim und Mühldorf folgen den internationalen Vorbildern und demonstrieren für einen Wandel in der Klimapolitik und nachhaltiges Wirtschaften. Am heutigen Freitag, 29. November, gehen sie in Rosenheim auf die Straße, um für ihr Anliegen zu demonstrieren.

Klagen über die Jugend sind fast so alt wie die Menschheit. So steht zum Beispiel auf einer Tontafel der Sumerer, die rund 5000 Jahre alt ist: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“

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In den vergangenen Jahrzehnten war der Grundtonus dieser Beschwerden, die Jungen engagierten sich zu wenig, seien kaum politisch interessiert. Das hat sich mit Greta Thunberg und der Bewegung Fridays for Future radikal geändert: Tausende junger Menschen rund um den Globus gehen regelmäßig auf die Straße, um für eine lebenswerte Zukunft zu kämpfen. Auch in Rosenheim, Mühldorf und der Region gibt es viele Schüler und Schülerinnen, die für einen energischen Wandel in der Klimapolitik, für nachhaltiges Wirtschaften und umweltbewusstes Handeln demonstrieren. 

Demonstrationen für Nachhaltigkeit 

Zu ihnen gehört in Mühldorf Zacharias Spörl. Der 18-jährige Student der Politikwissenschaften mit dem Nebenfach Geschichte ist überzeugt: Wenn sich in puncto Klimaschutz nicht gehörig etwas tut, wenn „wir einfach so weitermachen, dann steht den Menschen unsägliches Leid bevor.“ Der ansteigende Meeresspiegel, dass Küstenstädte weltweit im Wasser zu versinken drohen, Temperaturextreme, Dürren, die die Ernten bedrohen und Hunger im Schlepptau haben – all das sei keine Science--Fiction, das sei bittere Realität. 

„In Deutschland kann man das alles noch ganz gut verdrängen, aber in den ärmeren Ländern der Welt, in den Ländern am Äquator ist all das schon zu spüren“, so Spörl. Es gebe immer weniger Platz, auf dem sich leben und wirtschaften lasse – Krieg, Hunger, Flucht seien die logischen Folgen daraus. Allerdings würden viele Menschen das nicht sehen, verstehen. „Deshalb gehen wir jungen Leute auf die Straße: Wir leben noch am längsten auf dieser Erde. Wir und unsere Kinder. Damit das möglich ist, setzen wir uns friedlich für eine lebenswerte Zukunft ein. Wir erklären den Menschen die Zusammenhänge und fordern klare, weitreichende politische Maßnahmen.“ Zu diesem Forderungskatalog gehören bei Fridays for Future Deutschland unter anderem der Kohleausstieg bis 2030, die Versorgung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2037 und eine sehr viel höhere CO2-Steuer. 

Kleidung aus fairer Produktion, Bio-Lebensmittel

Sehr viel regionaler ist der Forderungskatalog der Rosenheimer Fridays for Future Bewegung. Hier engagieren sich unter anderem Joséphine Schneider, Paula Reissinger und Felix Lauber. Auslöser für ihren Einsatz war eine Geographiestunde, in der die Folgen des Klimawandels besprochen wurden. erklärt Paula Reissinger. Darum wurde die Schülerin aus Högering selbst aktiv. Sie plant die Demonstrationen, kümmert sich um die Anlage, organisiert Redner oder spricht selber. 

„Ich habe mich gefragt: Warum wird eigentlich hier nichts unternommen, obwohl das Problem seit über 30 Jahren bekannt ist und die Folgen von Wissenschaftlern prognostiziert werden?“ Außerdem trägt die 17-Jährige überwiegend Kleidung aus dem Secondhandladen oder aus fairer Produktion. Sie versucht, Plastik zu vermeiden und achtet beim Einkauf ganz genau darauf, was in den Wagen kommt. „Lebensmittel sollten in jedem Fall bio sein. Meine Familie bezieht ihr Gemüse aus der Solidarischen Landwirtschaft.“ Ihren Fleischkonsum hat sie auf zweimal die Woche reduziert, den Genuss von Milchprodukten versucht sie, zu verringern. Für die Fortbewegung nutzt Paula Reissinger meistens den Öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad. Fliegen versucht sie, gänzlich zu unterlassen. 

Umweltschutz als oberstes Ziel 

Auch der 17-jährige Felix Lauber aus Söllhuben fährt alles mit dem Rad – selbst die 15 Kilometer täglich zur Schule. Seine letzte Reise machte er mit Interrail, mit dem Nachtzug ging es nach Lissabon. Er kauft möglichst nur fair und nachhaltig hergestellte Kleidung. „In unserer Familie ist Umweltschutz sehr wichtig.“ Als er in der Greenpeace-Zeitung über Greta Thunberg las, dachte er nur: „Chapeau, Respekt!“ Seine persönliche Grenze war erreicht, als er beim Bootfahren in Kroatien im Naturschutzgebiet eine Bucht entdeckte, die mit Plastikmüll übersät war – er fing an, sich zu engagieren.

Der ehemalige Schülersprecher am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim gehört zum Orgateam der Fridays Rosenheim. Auf diese Weise haben die engagierten Schüler schon einiges erreicht: Es wurde ein Arbeitskreis „Umweltfreundliche Schule“ gegründet. Durchgesetzt wurde zum Beispiel, dass an der Schule nur noch Recycling-Papier zum Einsatz kommt. Weitere Forderungen: Fotovoltaik auf dem Schuldach, am besten auf allen Schuldächern oder Dächern öffentlicher Gebäude. 

So manchen haben sie schon zum Umdenken gebracht: „Das Wichtigste ist, mit den Leuten zu reden, zu diskutieren, ihre Argumente zu hören und sachlich dagegen zu argumentieren.“ Auf diese Weise haben die engagierten Schüler schon einiges erreicht: Es wurde ein Arbeitskreis „Umweltfreundliche Schule“ gegründet. Durchgesetzt wurde zum Beispiel, dass an der Schule nur noch Recycling-Papier zum Einsatz kommt. Weitere Forderungen: Fotovoltaik auf dem Schuldach, am besten auf allen Schuldächern oder Dächern öffentlicher Gebäude. So manchen haben sie schon zum Umdenken gebracht: „Es muss ja nicht gleich perfekt sein. Hauptsache, man fängt an, aus Rücksicht auf die Umwelt auf manches zu verzichten“, erklärt Felix Lauber. Verzicht sei im übrigen auch Ansichtssache – seine Lebensqualität sei durch umweltgerechtes Handeln kaum eingeschränkt, im Gegenteil. „Wenn ich Plastikmüll vermeide, muss ich seltener zum Müllcontainer.“ 

Verzicht als Bereicherung

Auch für Joséphine Schneider, 18 Jahre alt, bedeutet Verzicht eher Bereicherung. Sie lebt vegan, hat es einfach mal ausprobiert, nachdem eine Freundin angefangen hat, auf Fleisch zu verzichten. Sie will Bewusstsein dafür schaffen, welche Konsequenzen manches Verhalten hat. Dabei setzt sie auf Überzeugung: Es gehe nicht darum perfekt zu sein, sondern anzufangen, etwas zu ändern:„Der Klimaschutz ist ein Mitmachprojekt.“

Damit sich die Diskussion auf die Probleme konzentriert, die der Klimawandel verursacht, veranstalten die Fridays for Future Rosenheim ganz bewusst ihre Demonstrationen immer Freitag nachmittags. Weil sie die Schule nicht schwänzen, bleiben sie für Gegner unangreifbar – die ganze Konzentration gilt der Sache, für die es sich einzusetzen lohnt, für die es wert ist, sein Verhalten zu ändern und dann auch konsequent bei diesen Änderungen zu bleiben. Die Politik, so finden die vier Aktivisten, entscheide nicht weitreichend genug, rudere viel zu häufig zurück und biete keine echten, praktikablen Konzepte. 

Ohne die politischen Rahmenbedingungen gehe es aber nicht, davon sind nicht nur die Rosenheimer überzeugt, sondern auch der Mühldorfer Zacharias Spörl. Er will deshalb in die Politik gehen, sich bei der nächsten Wahl aufstellen lassen, um für seine Ziele mehr erreichen zu können.„Als einzelne Person kann ich keinen Klimawandel schaffen oder den Kohleausstieg bewirken, dazu braucht es klare Gesetze.“

Allerdings könne jeder Einzelne wirksam handeln. Wenn Alle Müll vermeiden, weniger Fleisch essen, das Rad statt dem Auto und die Bahn statt dem Flugzeug benutzen, dann wirke sich das selbstverständlich aus. Spörl glaubt dabei an die menschliche Vernunft: wer sich mit dem Thema auseinandersetze und verstehe, was vor sich geht, könne gar nicht anders, als tätig werden. Die nächste Gelegenheit, die Klagen der Jugend ernst zu nehmen, sich zusammen mit Fridays for Future zu engagieren und für die Zukunft auf die Straße zu gehen, ist in Rosenheim am Freitag, 29. November, 14 Uhr im Mangfallpark Süd und in Mühldorf am 17. Januar 2020.

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