Interview mit dem Autor

Erster Luftangriff auf Rosenheim: Peter Negwer hat jetzt ein Buch darüber geschrieben

Verbogene Gleise stachen in die Luft: Der Bahnhof Rosenheim nach einem der Bombardements.
+
Verbogene Gleise stachen in die Luft: Der Bahnhof Rosenheim nach einem der Bombardements.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
    schließen
  • Alexandra Schöne
    Alexandra Schöne
    schließen

Rosenheim – Am 20. Oktober 1944 sind 27 Menschen bei dem ersten Luftangriff auf Rosenheim gestorben. Peter Negwer (87) hat als Jugendlicher selbst Bombenangriffe miterlebt. Jetzt hat der Wirtschaftsjurist das Buch „Die Luftangriffe auf Rosenheim 1944 bis 1945“ geschrieben. Ein Interview über ihn, sein Buch und was vor 76 Jahren passiert ist.

Wie sind Sie mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden?

Peter Negwer: „Als Jugendlicher habe ich die Angriffe der 15. amerikanischen Luftflotte auf die oberschlesischen Benzin-Hydrierwerke erlebt, die sich nur wenige Kilometer von meiner Heimatstadt Ratibor befanden. Ich erinnere mich noch genau an das Dröhnen der viermotorigen Bomber, die in exakt ausgerichteter Gefechtsformation über uns hinweg flogen. Diese Eindrücke haben mich mein Leben lang nicht mehr losgelassen. Und mich über die Jahre immer wieder beschäftigt.“

Der Kolbermoorer Anton Hamberger (84) erinnert sich an seine Schulzeit am Ende des Krieges

Haben Sie sich deshalb entschieden das Buch zu schreiben?

Negwer: „Ich habe dieses Buch geschrieben, weil nach meiner Kenntnis bisher keine umfassende Darstellung existiert. Und das obwohl alle Unterlagen vorhanden sind. Mir ist wichtig, dass die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.“

Wie ist die Recherche verlaufen?

Negwer: „Die Recherche erstreckte sich über mehrere Jahre, weil die verfilmten Akten unsystematisch geordnet und schlecht leserlich sind.“

Im Bombenhagel über Kraiburg starben vor 75 Jahren 43 Menschen in einem Rüstungswerk

Am 20. Oktober 1944 griffen erstmals amerikanische Bomber Rosenheim an. Was ist damals passiert?

Negwer: „Der Angriffsplan der 15th Airforce für den 20. Oktober 1944 sah Rosenheim ursprünglich nicht als Ziel vor. Neben anderen Objekten sollten die Flugplätze Riem und Erding angegriffen werden. Das verhinderten aber die Wetterverhältnisse. Das Geschwader, welches eigentlich Riem zum Ziel hatte, löste sich völlig auf und griffen zum Teil Innsbruck, aber auch den Flugplatz Aibling an.“

Und schließlich den Rosenheimer Bahnhof.

Negwer: „Richtig. Sieben Flugzeuge aus dem Geschwader warfen 1680 Zehn-Kilo-Bomben über dem Rosenheimer Bahnhof ab. Die Einschläge lagen 1300 Meter südwestlich im offenen Gelände. Auch das auf den Flugplatz Erding angesetzte Geschwader musste dieses Ziel aufgeben und flog als Alternativziel den Bahnhof Rosenheim an.“

Bombe am Bahnhof Rosenheim entschärft – Anwohner können in Wohnungen zurück

Wann hat die erste Bombe Rosenheim getroffen?

Negwer: „Um 12.50 Uhr warfen in der ersten Welle 34 Maschinen die ersten Bomben ab, um 12.53 Uhr 23 weitere Flugzeuge.“

Warum war Rosenheim als Ziel so interessant?

Negwer: „Weil eine Unterbrechung der Bahnlinie gleich zwei strategisch wichtige Strecken gekappt hätte. Zum einen die Brennerstrecke nach Italien, zum anderen die Strecke über Salzburg zum Balkan. Beides waren zu dieser Zeit hart umkämpfte Kriegsschauplätze.“

Wie viele Menschen sind bei dem Angriff ums Leben gekommen?

Negwer: „Der Angriff forderte 27 zugegebene Tote. Der Bericht des örtlichen Luftschutzleiters nennt zudem 94 Einschläge von 250-Kilogramm-Bomben, die Bahnstrecke nach Salzburg sei durch zwölf Treffer unterbrochen, die nach Kufstein durch zwei Treffer beschädigt. Im Übrigen ist die Berichterstattung hinsichtlich der Schäden ziemlich einsilbig, auch was Aufbauarbeiten betrifft. Am 26. Oktober hat es einen Trauerakt für die „Gefallenen“ des Angriffs gegeben.“

Zum Autor:

Bei den 14 Luftangriffen auf Rosenheim sind insgesamt 189 Menschen ums Leben gekommen. 150 Gebäude wurden zerstört, 129 schwer beschädigt. Peter Negwer wurde 1933 in Ratibor (Polen) geboren. Nach der Flucht nach Deutschland absolvierte er ein Studium der Rechte in Heidelberg und an der Freien Universität in Berlin. Er schloss mit dem zweiten Staatsexamen ab und promovierte in Basel. Beruflich ist er als Wirtschaftsjurist tätig. Er ist Mitglied im Verein für Geschichte Schlesiens und im Historischen Verein Rosenheim. Das Buch „Die Luftangriffe auf Rosenheim 1944 bis 1945“ ist in der Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft erschienen. ISBN: 978-3-86933-255-0. Preis: 17,50 Euro.

Kommentare