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Projektion beim Max-Joseph-Platz

Erinnerung an 20 Opfer der Nationalsozialisten aus Rosenheim: Für einen Wimpernschlag lang „stolpern“

Bilder an der Hauswand der Gaststätte „König Otto“ sollen an die 20 Opfer des NS-Regimes aus Rosenheim erinnern.
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Bilder an der Hauswand der Gaststätte „König Otto“ sollen an die 20 Opfer des NS-Regimes aus Rosenheim erinnern.
  • VonJohannes Thomae
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Es sollte Aktion sein, die dennoch zum Nachdenken anregt: Am Samstag (3 Juli) ließ die Rosenheimer „Initiative für Erinnerungskultur“ die Portraits und Namen von 20 Rosenheimern, die während durch die Gräuel des NS-Regimes ums Leben gekommen waren, auf eine Hauswand projizieren. Einige Betrachter zeigten sich überrascht.

Rosenheim – Auf 20 Rosenheimer Opfer der Nationalsozialisten hat die „Initiative für Erinnerungskultur“ am Samstagabend (3 Juli) mit einer Projektion aufmerksam gemacht. Zwei Stunden lang, von 21 Uhr bis 23 Uhr, wurden Bilder von ihnen an die Hauswand der Gaststätte „König Otto“ projiziert. Zu sehen waren sie an der Kreuzung der Prinzregentenstraße zum Max-Josefs-Platz. Die Aktion trug den Namen „Im Herzen der Stadt“ und war von der Initiative bewusst unspektakulär gehalten. Dennoch bekamen die ermordeten Rosenheimer damit ein Gesicht.

20 Menschen von 15 Millionen

20 Gesichter von etwa 15 Millionen. So viele Menschen sind dem nationalsozialistischen Deutschland zum Opfer gefallen. Wissenschaftler des United States Holocaust Museum in Washington haben diese Zahl ermittelt. Hochgerechnet aus den 980 größeren und kleineren Konzentrationslagern, den etwa 30.000 Arbeitslagern, den circa 1180 jüdischen Gettos.

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Keine Kriegstoten wohlgemerkt, sondern Menschen, die man über ganz Europa hinweg in Konzentrationslagern umbrachte, die in Arbeitslagern zu Tode kamen: vergast, geschunden und verhungert.

Orte der Erinnerung schaffen

Wer am Samstagabend Richtung Max-Josefs-Platz ging und an der Fußgängerampel warten musste, dessen Blick fiel auf die Projektion. Der „Initiative für Erinnerungskultur“, die sich auch für die Verlegung sogenannter Stolpersteinen in Rosenheim einsetzt, geht es genau um dieses: Momente, aber auch Orte zu schaffen, an denen man für einen Wimpernschlag lang „stolpert“. Ein kurzer Augenblick nur, der aber doch die Chance bietet, dass sich der ein oder andere fragt: Was war hier, worum geht es?

Menschliche Katastrophe in Erinnerung rufen

Für Dr. Thomas Nowotny, einem der Mitgründer der Initiative, liegt es auf der Hand: Der Satz, dass derjenige, der sich seiner Geschichte nicht erinnert, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen, sei eigentlich Allgemeingut. Er werde oft zitiert – von Politikern, Historikern und nicht zuletzt Überlebenden des Holocausts.

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Es gehe aber darum, findet Nowotny, diese menschliche Katastrophe in Erinnerung zu rufen. Und Stolpersteine wie auch die Projektion vom Samstag seien hierzu ein Mittel: kleine Anstöße zum Erinnern. Vielleicht lösen sie auch die ein oder andere Frage aus.

Thema während der Jugend tabusiert

Am eigenen Vater erlebte ein Mitglied der Initiative, Christoph Hartl, wie wichtig diese Erinnerungskultur ist. Als dieser die Bilder der Rosenheimer Opfer sah und darunter das Bild der jungen Charlotte Wiener, habe er völlig überrascht gesagt: „Aber das ist doch ein Kind! Warum ist da ein Kind dabei?“ Seinem Vater, der zum Kriegsende auf die Welt kam, sei offenbar nicht bewusst gewesen, dass von den Nazis auch Kinder verfolgt und umgebracht worden waren.

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Es mischen sich, findet Hartl, offenbar zwei Strömungen des Vergessens: Ältere wüssten bis heute zu wenig und wollten dies auch gar nicht, weil das Thema während ihrer Jugend tabuisiert war. Und für die Jüngeren ist dies alles so lange her, dass sie es schon nicht mehr wahrnehmen.

Die Projektion vom Samstag wird deshalb in den kommenden Wochen noch mehrmals wiederholt. Die Initiatoren sehen ihr Projekt als Bestandteil des „Sommers in Rosenheim“.

Kontrapunkt zur Fröhlichkeit

Eine Sicht, die Kulturreferent Wolfgang Hauck teilt: „Es darf unter den vielen Veranstaltungen, die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit bieten, durchaus auch den Kontrapunkt der Erinnerung geben.“ Und auch Oberbürgermeister Andreas März sagt: „Gerade im Jubiläumsjahr ‚1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland‘ begrüße ich die Aktion ‚Im Herzen der Stadt‘, die Verfolgte und Opfer des nationalsozialistischen Regimes wieder sichtbar macht.“

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Für Thomas Nowotny spielt auch ein weiterer Gedanke eine Rolle: Die 20 Frauen und Männer wurden aus der Mitte der Stadt, die auch die ihre war, vertrieben, viele davon umgebracht. Es ist nur gerecht, dass sie wenigstens in dieser Form und zu einem Anlass, an dem die Stadt voller Leben ist, wieder dahin zurückkehren.

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