Er passt in keine Schublade: Dieser „Street-Art“-Künstler mischt die Rosenheimer Szene auf

Seine Kunst passt in keine Schublade: Corbinian Nicolai hat viele Facetten, bewegt sich zwischen verschiedenen Kunststilen.
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Seine Kunst passt in keine Schublade: Corbinian Nicolai hat viele Facetten, bewegt sich zwischen verschiedenen Kunststilen.
  • vonKilian Schroeder
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An Corbinian Nicolai führt in Rosenheim gerade kein Weg vorbei, seine Werke zieren sogar die Hausfassaden der Stadt. Nun stellt er seine Bilder im Huber-Seiler-Haus aus. Ob Surrealismus oder Jugendstil, er ist immer für eine Überraschung gut. Wegen ihm hat schon so manch einer die Polizei gerufen.

Rosenheim − „Für mich hat vieles auch dort angefangen“, sagt Corbinian Nicolai. Gemeint ist das „Kunst-Kollektiv“, dass im Huber-Seiler-Haus Werke junger Künstler aus der Region ausstellt. Auch von Nicolai sind einige dabei. Der gebürtige Münchner macht schon seit längerer Zeit „Street-Art“. Er verarbeitet dabei Ereignisse, die ihn bewegen – manchmal auf kleinen Bildern, manchmal auf riesigen Hauswänden. Im Huber-Seiler-Haus hat er sich weiterentwickelt,s neue Techniken ausprobiert und sie anderen Künstlern weitergegeben. Ein Gespräch mit einem Künstler, der schon mit 24 Jahren das Gesicht der Innenstadt prägt.

Liebe zur Kunst liegt in der Familie

Angefangen hat alles in der Rosenheimer Waldorfschule. „Dort war natürlich Kunst ganz groß, man durfte viele Bilder malen“, sagt Nicolai. Auch zu Hause wurde er gefördert: Die Eltern hatten einen Kunsthandel, oft versorgten sie ihn mit Farben. Einen prägenden Einfluss hatte ein Film über den Street-Art-Künstler „Banksy“. „So bin ich zu Street Art gekommen, ich habe das als Hobby ausprobiert.“

Joseph Beuys, sein Vorbild

Mit 16 Jahren dann der nächste Schritt für ihn: Die städtische Galerie organisierte für den damaligen Oberstufler eine Wand, an der er sich ausprobieren konnte. „Darüber kamen auch die ersten Aufträge und dann auch Privatleute“, sagt der 24-Jährige. Wenn man inzwischen durch die Stadt geht, sieht man immer wieder einen „echten Nicolai“: Mal ist es ein Vogel vor einem Restaurant, mal der Kopf seines Vorbildes Joseph Beuys.

Einen Einblick in seine Werke gibt das „Kunst-Kollektiv“ im Huber-Seiler-Haus.

Politische Themen auf der Leinwand

Einen richtigen Stil habe er noch nicht gefunden. „Letzten Sommer habe ich viel Jugendstil gemacht, jetzt eher Surrealismus. Mein Stil entwickelt sich“, sagt Nicolai. Seine ersten Werke finden sich unter einer Mangfallbrücke in Rosenheim. Die Bilder im Huber Seiler Haus zeigen unter anderem ein Ohr oder eine Schere, surreal verfremdet. Street-Art sei zwar am lukrativsten, er male aber auch mit Acryl und Öl. In seinen Bildern behandelt er gerne politische Themen wie die Hong-Kong-Proteste und derzeit auch den Klimaschutz.

Ein Bild, viele Aussagen

Das Wort „Graffiti“ möchte Nicolai nicht für „Street Art“ verwenden, ihm ist wichtig, Kunst zu schaffen. Die Ideen kommen Nicolai oft nachts, wenn er den Tag Revue passieren lässt. „Dann habe ich manchmal einen Geistesblitz und muss sofort aufspringen und das aufzeichnen.“ Er verarbeitet größere Ereignisse damit auch selbst. Die Aussage seiner Bilder will er nicht festmachen: „Das ist wandelbar, es spielt alles mit ein, was mich in der Zeit bewegt“, sagt Nicolai. Am Ende geht es aber immer um die Kunst. „Ich habe einfach Lust auf Malen. Keine Ahnung, welchen Stil ich als Nächstes ausprobieren werde.“

Vom Künstler zum Mentor

Zum Kunst-Kollektiv ist er über das „Künstlermixtape“ gekommen. Schon vorher stellte er dabei Bilder im Huber-Seiler-Haus aus. Er war auch dabei, als sich dann mehrere Künstler zum Verein „Kunst-Kollektiv“ zusammengefunden haben. Für ihn ist das Huber-Seiler-Haus perfekt für die, die ihre ersten künstlerischen Schritte machen wollen. „Dort gibt es Wände, die man bemalen kann, die Älteren können Mentoren für die Jüngeren sein.“ Auch er zeigt öfter anderen Künstlern seine Technik. Und genau darin ist er gut. „Corbi ist einer der technisch Besten, er arbeitet sehr grafisch“, sagt Beppo Roderer. Er leitet das Kunst-Kollektiv. „Er spielt unglaublich schön mit Licht und Schatten.“

Der Stadt einen Charakter geben

Beim Transit-Art-Festival, das am 6. September endete, war Nicolai einer mehrerer Künstler, die Street-Art auf die Rosenheimer Fassaden brachten. Er hält es für eine gute Gelegenheit, der Stadt einen eigenen Charakter zu geben. „Es gibt genug graue Wände, und da ist es besser, Street Art zu machen, bevor sie irgendwie vollgeschmiert werden“, sagt Nicolai. „Das ist dann auch ein Gegenspiel zur vielen Werbung in der Stadt.“

Die Szene kämpft mit Vorurteilen

Doch für die Streetart-Szene geht es nicht immer friedlich zu, weiß Nicolai: Wenn er im Freien malt, werde er öfter auch mit Passanten konfrontiert, die die Polizei rufen. „Sobald man eine Spraydose in der Hand hat, denken die Leute ,das ist illegal‘. Es gibt da viele Vorurteile.“ Illegal habe er nie Wände besprüht, er malte immer nur bei Aufträgen. Trotzdem schätzt Nicolai an „Street Art“ gerade, draußen unter den Leuten zu sein. „Es ist etwas sehr Soziales, die Menschen schauen mir beim Arbeiten zu. Man lernt Leute kennen, sie nehmen daran Teil, wie das Werk entsteht.“

Von Rosenheim nach Pforzheim

In Rosenheim wird es den 24-Jährigen nicht mehr lange halten. Im Herbst fängt er ein Studium der visuellen Kommunikation in Pforzheim an. Um seinen Traum, hauptberuflich Künstler zu werden, zu erreichen, weiß Corbinian Nicolai, dass er sich ranhalten muss: „Natürlich bin ich dazu auch wieder auf Aufträge von Firmen und Privatpersonen angewiesen. Ich hoffe, dass das in Pforzheim so gut läuft wie in Rosenheim. Aber es war schon immer mein Ziel, Künstler zu werden.“ Nicolai selbst mag die Stadt vorerst verlassen, aber ein Teil von ihm wird aber erst einmal in Rosenheim bleiben– in Form von Kunstwerken auf den Hauswänden der Stadt.

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