Entdeckte Kunstwerke und Corona: Sanierung der Rosenheimer Heilig-Geist-Kirche verzögert sich

Das Gerüstzeugt von den Sanierungsarbeiten an der Rosenheimer Heilig-Geist-Kirche. Schlecker, Grossmann, Zach
  • Heidi Geyer
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Von außen sieht man es ihr nicht an, fast unscheinbar wirkt sie: Die Kirche Heilig Geist in Rosenheim ist das älteste Gebäude der Stadt. Im Februar 2019 wurde die Sanierung für zwei Millionen Euro beantragt. Seitdem erlebt Pfarrer Andreas Zach eine Instandsetzung mit vielen Überraschungen und Wendungen.

Rosenheim – Wer schon einmal selbst saniert hat, kennt das Phänomen: Man fängt an einer Stelle an und plötzlich steht das ganze Haus auf dem Prüfstand. Auch Pfarrer Andreas M. Zach von der Pfarrei St. Nikolaus, zu der die Heilig-Geist-Kirche gehört, erlebt das gerade. „Sein“ Haus hat aber eben nicht 50 oder 100 Jahre auf dem Buckel, sondern geht zurück auf das Jahr 1449. Zwar wurde an der Kirche immer wieder etwas verändert, aber nun ist von Grund auf eine Sanierung nötig.

Fertigstellung im Herbst ist fraglich

Einiges ist schon passiert: Bislang wurde der Altar abgebaut, die Erneuerung des Dachs hat begonnen und derzeit ist der Kirchturm durch Spangen statisch gesichert. Momentan ist das Großprojekt aufgrund der Corona-Pandemie aber ins Stocken gekommen. Sollten die Renovierungsarbeiten nach Plan eigentlich schon im November beendet sein, sieht es nun eher nach Februar oder März kommenden Jahres aus.

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Hintergrund ist, dass viele Mitarbeiter der Handwerksbetriebe im Moment nicht nach Deutschland einreisen können, weil wegen der Corona-Verbreitung die Grenzen dicht sind. Es sei kein Geheimnis, dass auf Baustellen auch viele Rumänen und Bulgaren arbeiten, die aber im Moment nicht kommen könnten, sagt Zach. Die Baustelle steht weitgehend still. Offen ist noch, ob und welche Zusatzkosten dadurch entstehen.

Steinboden aus der Gründerzeit

Die eingangs erwähnten Überraschungen blieben nicht aus: Unter dem Holzboden in der Sakristei fand man einen abgesunkenen Steinboden, der vermutlich aus der Gründerzeit der Kirche stammt. Angesichts solcher wertvollen Elemente muss die Sanierung behutsam vonstatten gehen und von Experten begleitet werden.

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Doch aktuell können die Gutachter keine Termine vor Ort wahrnehmen, um sich umzusehen und nächste Schritte beurteilen zu können. Ein Mindestabstand ist in der engen Sakristei nicht möglich. Das Coronavirus führt auch hier zu einem Stillstand. Denn bevor die Gewerke und Baufirmen auch nur einen Handgriff tun können, braucht es eine Freigabe.

Auch die Dachonkstruktion des Gotteshauses ist größtenteils erneuerungsbedürftig.

Das kunsthistorische Referat des Ordinariats, das Landesamt für Denkmalpflege, der Architekt und die Denkmalbehörde der Stadt sind in solche Fragen meist involviert. Hinzu kommt eine externe Firma, die für das Ordinariat das Projekt und dessen Kosten im Auge behält. Schließlich finanziert das Ordinariat einen Großteil der Sanierung.

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„Der Plan war anfangs ein ganz anderer“, sagt Zach. Ursprünglich sei es ihm nur um den alten Sakristeischrank gegangen, der in keinem guten Zustand mehr war und den er eigentlich eigenhändig entsorgen wollte. Doch das vermeintlich in die Jahre gekommene Stück musste vor der Entsorgung von verschiedenen Stellen, darunter Kunsthistorikern und Denkmalschützern, begutachtet werden.

Und siehe da: Wertvolle Barock-Intarsien zieren den Schrank. Die Gutachter warfen noch einen genaueren Blick in die Kirche und fanden noch ein paar mehr „Baustellen“. Viele Elemente sind von kunsthistorischer Bedeutung, waren jedoch in keinem guten Zustand mehr.

Bedeutendes Luccabild

Es zeigten sich rissige Mauern und abblätternde Kunstwerke, darunter auch das bedeutende Luccabild aus der Spätgotik. Hinzu kamen noch dringende Anforderungen an Brandschutz und Elektrik: Gleich nebenan liegt die Gaststätte Stötthammer samt Küche. Dies in Kombination mit einer ungünstigen Sogkonstellation in der Kirche, die einen Brand erst recht angefacht hätte. Außerdem Stromleitungen, die schon über 50 Jahre alt sind.

Zu guter Letzt erwies sich auch noch das Dach als weitgehend erneuerungsbedürftig. Zwar bestand zu keinem Zeitpunkt Einsturzgefahr, aber das Dach lag nur noch auf der Mauer, nicht auf den dafür vorgesehenen Balken, den sogenannten Pfetten, auf. Aus der Entsorgung eines Schranks wurde so ein Projekt mit einem Volumen von zwei Millionen Euro.

Zeichen der Zeit:Der Sockel der Turmspitze hat eine tiefe Delle.

Wie komplex diskutiert wird, zeigt sich an der vermeintlich banalen Frage, ob der Holzboden in der Sakristei überhaupt entfernt werden dürfe oder ob der Eingriff zu stark sei. Schließlich einigte man sich darauf, den Boden zu entfernen. Dabei kam der abgesunkene Fußboden zum Vorschein, der nun wieder von den Experten unter die Lupe genommen werden muss. Es geht nicht zuletzt auch um die Frage, ob und wie man den Boden zugleich schützen und zugänglich machen kann, sagt Zach.

Ein Teil durch Spenden finanziert

Dass heute ein Teil der Sanierung mit Spenden finanziert wird, erinnert an die Gründung der Kirche. Ursprünglich wurde Heilig Geist nämlich von einem privaten Stifter errichtet, der sich selbst eine Privatkapelle, aber auch der Öffentlichkeit einen Kirchenraum schenken wollte.

Der Baustil stellt eine Besonderheit dar. Schließlich findet man in Rosenheim keine Gotik – außer in Heilig Geist. Im Zuge der Entwicklung wurde die Kirche allerdings barockisiert. So wurde nach dem Stadtbrand 1641 aus dem Spitzturm eine Zwiebel und auch in der Kirche veränderten sich viele Details im Baustil. Heilig-Geist hat sich kontinuierlich gewandelt.

Auch im Inneren sind die Handwerker im Einsatz – wenn das Personal nicht aufgrund Corona fehlt.

Zach nimmt die Verzögerungen auf der Baustelle gelassen. Seelsorge mache immer noch den größten Teil seiner Aufgabe aus: „Corona hat mir noch keinen freien Tag beschert.“ Er ist in seinem Beruf durchaus sanierungserfahren geworden: „Jede Kirche hat mich bisher erwischt,“ sagt Zach lachend.

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Vom Holzwurmbefall bis zur Zugangsrampe hat er schon verschiedene Projekte begleitet. Wenn Heilig Geist nun auch ganz andere Dimensionen hat. Rund 300 000 Euro muss die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Ein Teil davon wird finanziert durch Werbebanner am Baugerüst.

Geld durch das Werbebanner

Dass auch die Rosenheimer an Heilig Geist hängen, zeigte sich, als die Kirchengemeinde nach einem Bericht in den OVB-Heimatzeitungen hohe Spenden bekommen hat. Für Pfarrer Andreas M. Zach eine große Freude: „Wir sanieren nicht um des Sanieren Willens. Die Leute hängen an dieser Kirche.“

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