Einsam in desinfizierten Bus unterwegs: Wie Corona den Rosenheimer Stadtverkehr beeinflusst

Sorgt normalerweise am PC dafür, dass trotz Krise alles läuft, sitzt aber auch selbst am Steuer, wenn es sein muss: Ingmar Töppel, Geschäftsführer der Stadtverkehr Rosenheim GmbH (SVR) hat zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, um Fahrgäste und Fahrer zu schützen. Aerzbäck

Als wesentlicher Teil der Daseinsvorsorge sichert der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) die Mobilität der Rosenheimer und Kolbermoorer – auch während der derzeitigen Corona-Pandemie. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit Ingmar Töppel, Geschäftsführer der Stadtverkehr Rosenheim GmbH (SVR), über die aktuellen Herausforderungen gesprochen.

von Martin Aerzbäck

Herr Töppel, der Stadtverkehr stellt die Mobilität der Menschen weiter sicher. Wie gehen Sie mit den Herausforderungen um?

Ingmar Töppel: „Die Problemfelder sind vielfältig. Zunächst war und ist viel Aufklärungsarbeit nötig, um die Mitarbeiter zu schützen, aber auch die zum Teil panische Angst zu nehmen. Nebenher haben wir organisatorische Vorkehrungen getroffen, wie Desinfektionsmittel zu beschaffen, als es im Handel schon gar nichts mehr gab, oder die Mitarbeiter zu sensibilisieren, vor dem Rauchen auf Handhygiene zu achten – das wird leichter vergessen als bei Essen und Trinken.“

Wie sehen die Maßnahmen, die Sie in den Bussen und im Betriebshof getroffen haben, konkret aus?

Töppel: „Wir haben die Organisation bestmöglich angepasst, um den Kundenkontakt zu minimieren und Abstand zu schaffen, beispielsweise durch eine Sperrung vom ersten Türflügel und des ersten Fahrgastsitzes rechts vorne in jedem Bus. Wir müssen bei den Fahrgästen Rücksicht einfordern, damit diese den Abstand halten und haben Vorkehrungen getroffen, dass kein Mitarbeiter aus Krisengebieten kommt und in den Fahrdienst wechselt. Unseren älteren Mitarbeitern als Risikogruppe haben wir zudem angeboten, nicht fahren zu müssen und den Müttern die Betreuung der Kinder ermöglicht.“

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Haben sie weitere Maßnahmen ergriffen?

Töppel: „Die Reinigung der Fahrzeuge haben wir intensiviert und putzen die Haltestangen und Haltewunschtaster täglich mit Spezial-Desinfektionsreiniger. Wir haben die Fahrer angehalten, den Bus alle paar Stunden gründlich zu lüften. Wir halten am Betriebshof und am Ticket-Zentrum ein Set zur Desinfektion des Fahrer-Arbeitsplatzes bereit. Wenn ein Mitarbeiter sich während des Dienstes krank meldet, wird der Ersatzfahrer mit einem anderen Bus rausgeschickt und der erste Bus vorsichtshalber desinfiziert. Quasi ohne Erlöse müssen wir aber den Liniendienst aufrechterhalten. Trotz Maßnahmen zur Rationalisierung brauchen wir nun schon Kredite, um die Löhne bezahlen zu können. Aktuell müssen wir im Stadtverkehr über Kurzarbeit nachdenken, wenn diese Ausnahmesituation länger andauert. Und wir haben schon Probleme, Ersatzteile aus den weltweiten Lieferketten zu bekommen.“

Systemkritische Berufe wie Ärzte, Pfleger und Angestellte im Lebensmittelhandel müssen weiter zu ihren Arbeitsplätzen gelangen. Sind Sie gewappnet für die kommenden Wochen?

Töppel: „Obwohl aktuell 35 Prozent des Fahrdienstes nicht zur Verfügung stehen, kann ich aktuell den Fahrplan noch halten. Dass die Panik der Mitarbeiter in – vom Unternehmer zu bezahlende – Krankschreibungen mündet, belastet uns wirtschaftlich zusätzlich.“

Am 16. März ist vorzeitig der Ferien-Fahrplan in Kraft getreten. Hat die Umstellung geklappt und läuft der Betrieb seitdem zuverlässig?

Töppel: „Da kaum Verkehr auf den Straßen ist, verrichten wir entspannt unseren Dienst. Leider sind 80 Prozent der Fahrgäste weggefallen, da werden die Touren manchmal schon sehr einsam.“

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Sind weitere Fahrplananpassungen geplant?

Töppel: „Ab sofort minimieren wir die vielen Fahrten ohne Fahrgäste im Nachtverkehr. Wir fahren von Montag bis Samstag wie sonst am Montag und Dienstag bis 21.05 Uhr ab Stadtmitte den normalen Fahrplan. Am Mittwoch bis Samstag suchen wir um 21.35 und 22.05 nochmal die Stammstrecke nach Fahrgästen ab und bringen sie wegeoptimiert nach Hause.“

Zahle ich als Fahrgast jetzt eigentlich besser kontaktlos im Ticket-Zentrum oder per Handy-App?

Töppel: „Natürlich wäre der Vorverkauf gut – aber da ist dann der Kontakt nur verlagert. Im Ticket-Zentrum haben wir eine Abstandssperre aufgebaut, aber das Grundproblem bleibt. Es wäre schön, wenn mehr Fahrgäste auf Zeitkarten ausweichen würden. Im Bus haben wir die Nulldrucke bei den 10er-Karten abgeschafft. Der Fahrgast hält dem Fahrer die 10er-Karte hin, der knipst die berührungslos einfach nur noch ab. Damit fällt für die Fahrer schon mal die Hälfte der Kundenkontakte weg. Die Einzelkarten sind nicht das Problem. Elektronische Zahlungsmedien haben wir nur im Ticket-Zentrum. E-Ticketing haben wir leider noch nicht – das ist eine Aufgabe für die nähere Zukunft. Momentan gibt es aber noch kein verbreitetes Standardsystem. Insellösungen sind nicht wirklich zielführend.“

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Wie gehen Ihre Fahrer, die Disposition und die Werkstatt mit der Situation um?

Töppel: „Die verbleibende Restmannschaft ist konzentriert und problembewusst. Wir schaffen das! Die Fahrdienstleitung erfordert nun mindestens einen Mitarbeiter rein für die Disposition und Bereitstellung von Fahrern. Die Verwaltung ist mit den täglichen Anforderungen in der Krise unter Hochdruck. Das Ticket-Zentrum haben wir nur von 10 bis 15 Uhr geöffnet. Es kommen ohnehin kaum mehr Anfragen – und sonst fressen uns diese Kosten auf. Die Werkstatt ist durch Urlaub und Krank zu 50 Prozent ausgedünnt – aber meine Jungs können noch reparieren und nicht nur (nicht mehr lieferbare) Teile tauschen. Die schaffen das auch!“

Gibt es weitere Einschränkungen im Ticket-Zentrum?

Töppel: „Der Bereich Veranstaltungstickets und Reisevermittlung ist momentan komplett eingestellt. Hier gibt es aber nur Stornierungen zu bearbeiten und kein aktuelle Nachfrage. Das wird noch monatelang so bleiben. Die Öffnungszeiten wurden angepasst. Die Lehrlinge sind erst mal ins Homeoffice geschickt.“

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Gab oder gibt es trotz der Krise auch positive Rückmeldungen von Fahrgästen?

Töppel:Von den Fahrgästen habe ich noch keine Rückmeldung bekommen, bin aber im Moment auch nicht im Fahrdienst. Ich muss hier am PC für die Lauffähigkeit sorgen!

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