Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Einkäufer für Fend-Flitzer

Hans Klauser (vorne), Leiter des EFA-Automobilmuseums in Amerang, mit dem Zeitzeugen Alfred Dickert in einem "KR 200 Cabriolet" von Messerschmitt.  Foto : Ruprecht
+
Hans Klauser (vorne), Leiter des EFA-Automobilmuseums in Amerang, mit dem Zeitzeugen Alfred Dickert in einem "KR 200 Cabriolet" von Messerschmitt. Foto : Ruprecht

Rosenheim - Der Messerschmitt-Kabinenroller hat in der Nachkriegszeit Automobilgeschichte geschrieben. Die Konstruktion stammt aus Rosenheim, wo der junge Flugzeugbau-Ingenieur Fritz Fend, ein gebürtiger Rosenheimer - der Vater hatte ein Feinkostgeschäft am Max-Josefs-Platz -, als Vorgängermodell ein einsitziges Behindertenfahrzeug entwickelt hatte. Der Rosenheimer Alfred Dickert war erster Lehrling bei Fend, dem Erbauer des "Fend-Flitzers".

60 Jahre alt ist der Kabinenroller heuer geworden - ein guter Grund, mit Dickert einen Ausflug in das EFA-Automobilmuseum nach Amerang zu unternehmen, denn dort steht die erfolgreiche Weiterentwicklung des Fend-Flitzers, der KR 200 von Messerschmitt, der ab 1953 in Regensburg bei der Firma RSM - Regensburger Stahl- und Metallbau - produziert wurde. Ab 1956 produzierte Messerschmitt wieder Flugzeugteile, und 1957 stieg für Willy Messerschmitt der Unternehmer Valentin Knott in die Kabinenroller-Firma ein, die nun FMR - Fend-Maschinenbau Regensburg - hieß.

Aus dem von Fend 1948 in einer Baracke zwischen dem heutigen Bürgerheim St. Martin und dem Inn in der Schopperstraße 52 am späteren Wasserübungsplatz der Bundespolizei gebauten Fend-Flitzer entstand 1952 dann der erste zweisitzige Kabinenroller (Karo). Er wurde wegen seines günstigen Preises zu einem Verkehrsmittel für Leute mit kleinen Geldbörsen.

Alfred Dickert war als erster Lehrbub ab 1949 mit dabei war. Kaum 14 Jahre alt, war er als "Einkäufer" bei Fritz Fend engagiert und voller Eifer mit dabei. Heute erzählt er gerne interessante, ja kuriose Geschichten über diese Zeit. "Nicht als Einkäufer für Brotzeiten, nein, nein als Einkäufer für Materialbeschaffungen hatte ich damals schon ein Geschick", schmunzelt er.

Blechtafeln transportierte er, indem er sie auf das untere Fahrradpedal stellte, sie mit der einen Hand festhielt und dann fuhr. Nur schieben konnte er das Fahrrad, wenn er von der BayWa eine Sauerstoffflasche holte und diese auf Lenker und Sattel auflag. Eisenprofile aus Eisenwarenhandlungen in der Stadtmitte oder Brennmaterial vom Aichergelände musste er zu Fuß oder mit dem Fahrrad besorgen. Fast einen Tag lang war er unterwegs nach Heilig Blut, um Karosserieteile lackieren zu lassen. "Dort war damals die Lackiererei Diebald, die der Opa des heutigen Firmenchefs Richard Diebald leitete", so Dickert.

Im Winter hatte er die zu lackierenden Teile auf einen Hornschlitten geladen und morgens auf den schneebedeckten Straßen zu Fuß nach Heilig Blut gezogen. Am Nachmittag auf dem Rückweg wurde es ungleich schwerer, weil die Straßen inzwischen geräumt waren. "Nicht selten musste ich an manchen Stellen wieder etwas Schnee auf die Straße werfen, um den Schlitten weiter ziehen zu können", erinnert er sich.

Auch Unwetter sorgten bei seinen "Tagestouren" zur Lackiererei an den Stadtrand für Angstgefühle "Nicht selten habe ich unter der Eisenbahnunterführung Schutz vor Gewitter gesucht. Da kam es schon vor, dass ich lange nicht zurückkommen konnte und mein Chef und die Arbeitskollegen mir sorgenvoll entgegenkamen, um nach mir zu sehen", berichtet Dickert.

Anfangs hatte der "Flitzer" einen 38-Kubikzentimeter-Victoria-Zweitaktmotor mit einem PS und Fahrradräder. Nach 30 Stück wurde weiterentwickelt: Es gab kleinere Rollerräder und einen 100-Kubikzentimeter-Motor von Fichtel & Sachs mit Zweigangetriebe, der für 50 km/h gut war. Von 1949 bis 1950 entstanden rund 100 Stück. Weitere 150 Exemplare verfügten über einen 100-Kubikzentimeter-Riedelmotor aus Immenstadt, der beachtliche 4,5 PS bei 4500 U/min leistete und gut 65 km/h schaffte. "Mit dem bin ich mal nach Düsseldorf und zurück gefahren. Da habe ich pro Strecke fünf Zündkerzen verbraucht", erinnert sich Dickert. Beim Sachsmotor hielten Kerzen hingegen "ewig".

Bei einem Rundgang durch das Ameranger EFA-Automobilmuseum zeigte sich Museumsleiter Hans Klauser sehr dankbar für die Schilderungen des 77-jährigen Zeitzeugen aus Rosenheim. Anlässlich des 60. Geburtstags des Messerschmitt-Kabinenrollers möchte Klauser eine Sonderausstellung organisieren, eventuell verbunden mit einer Sternfahrt. Er könnte sich auch Veranstaltungen mit einem Dialog mit Dickert vorstellen, der neben Erklärungen an Schautafeln auch einen Vortrag über die Entwicklung halten könnte.

Dickert hat 1952 als Betriebsschlosser-Geselle noch an dem Prototyp des zweisitzigen Messerschmitt-Kabinenrollers mitgearbeitet. Bis 1956 blieb in Rosenheim die Entwicklungsabteilung von Messerschmitt. Dickert verzog 1954 als 18-jähriger mit seinen Eltern nach Düsseldorf. Er verfügt über umfangreiches Buch- und Fotomaterial über den "Fend-Flitzer" und hat sich als Erinnerungsstück einen Briefbeschwerer aufgehoben, der aus einer Eisenbahnschiene entstand, an der er als Lehrling in vielen Stunden feilen und sägen lernte. ru/hh

Kommentare