Eine "saublöde" Geschichte

Eine juristische Aus-einandersetzung sorgt derzeit in Rosenheim für Gesprächsstoff. Die Kontrahenten: ein Bauunternehmer und ein Stadtrat. Die Streitpunkte: eine Sachbeschädigung auf einer Baustelle - und ihre Folgen.

Rosenheim - Das Unheil nahm seinen Lauf, nachdem am 30. Juni dieses Jahres Zimmerermeister und Stadtrat Franz Baumann ein Baugrundstück an der Schrofenstraße betreten hatte, auf dem das Bauunternehmen P + S von Engelbert Pertl ein Mehrfamilienhaus erstellt. Baumann soll, so der Vorwurf vor dem Amtsgericht Rosenheim, das Elektrokabel einer Pumpe aus der Steckdose gezogen haben. Die Entwässerungspumpe, die rund um die Uhr im Einsatz gewesen war, fiel aus. Es kam zur Überflutung der Baugrube. Gesamtschaden nach Angaben von Pertl: etwa 8000 Euro.

Der Geschädigte erstattete bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt. Die Identifizierung Baumanns erfolgte durch einen Zufall: Ein Hobbyfotograf hatte, um eine neue Technik auszuprobieren, auf einem Nachbargrundstück eine Kamera installiert, die im Minutentakt Fotos für eine Baustellendokumentation lieferte. Außerdem gab es eine Zeugenaussage.

Baumann: "Es ist halt saublöd gelaufen"

Die Staatsanwaltschaft leitete nach Angaben des Amtsgerichts Rosenheim ein Strafbefehlsverfahren ein. Bei der mündlichen Hauptverhandlung habe der Beschuldigte Baumann seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurückgenommen. Dieser sei damit jetzt rechtskräftig, bestätigt das Amtsgericht auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Verurteilt wurde Baumann wegen Hausfriedensbruch in Tateinheit mit Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe in Höhe von 50 Tagessätzen.

Damit war für Baumann die Kuh vom Eis. Denn der Rosenheimer Stadtrat der Freien Wähler/UP bestreitet nicht, "einen Fehler" gemacht zu haben. Es sei bekannt, dass er sich durch eigene Bauvorhaben in der Gegend Schrofenstraße/Goldbachstraße auskenne und auch öfter vor Ort sei. Deshalb habe er sich auch nicht gewundert, dass er von einem Anrufer kontaktiert und auf einen ungewöhnlich lauten Pumpenbetrieb in einer dortigen Baustelle hingewiesen worden sei. Als Stadtrat erhalte er oft Anrufe von Bürgern. In der Regel mache er sich vor Ort selbst ein Bild der Lage - so auch in diesem Fall. Er habe die verlassene Baustelle betreten und den Schalter der Pumpe inspiziert. Beim Hantieren habe er anscheinend den Stecker nicht wieder richtig in den Schalter gesteckt, sodass die Pumpe ausgefallen sei.

Baumann bereut nach eigenen Angaben, dass er die Baustelle betreten hat. "Ich wusste nicht, dass ich das nicht darf." Und er bedauert auch, dass es beim Hantieren mit dem Pumpenschalter zu einem folgenschweren Fehler kam. "Es ist halt saublöd gelaufen", sagt Baumann. "Doch es war kein Vorsatz." Er habe sich außerdem bei Pertl schriftlich entschuldigt. Dies ist nach Meinung von Pertl jedoch zu spät geschehen - erst nach vier Monaten und nach einem Gespräch Pertls mit dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler/UP.

Pertl-Forderung: "Ämter niederlegen"

Der Geschädigte Pertl hat Baumann außerdem aufgefordert, seine öffentlichen Ämter niederzulegen. Schließlich sei es unzumutbar, dass ein Stadtrat, der "meine Baustelle sabotiert" hat und dafür verurteilt worden sei, in Zukunft weiter über Bauvorhaben mitentscheide, die Pertl als Bauträger beantrage oder die sein Unternehmen betreffen könnten. Als Baufachmann hätte Baumann außerdem wissen müssen, welch umfangreicher Schaden durch seine Handlungen auf der Baustelle entstehen könne, findet Pertl.

Er kann außerdem nicht nachvollziehen, warum ein Anlieger sich bei möglichen Beschwerden über die Pumpe nicht direkt an sein Bauunternehmen gewandt haben soll, sondern an einen Stadtrat. Die Nachbarn seien vor dem Baubeginn schließlich umfangreich über mögliche Unannehmlichkeiten informiert, als Dankeschön für ihre Geduld mit einem Geschenkgutschein bedacht und aufgefordert worden, bei Störungen direkt mit der Firma P + S Kontakt aufzunehmen.

Baumann sieht in dem Anruf bei ihm mittlerweile eine bewusst gestellte Falle eines Menschen, der ihm nicht wohl gesonnen sei. Pertl und Baumann, das bestätigen beide, haben trotz vieler beruflicher Berührungspunkte in der Baubranche vor dem aktuellen Fall noch nie miteinander Streit gehabt.

Baumann hat mittlerweile ein öffentliches Amt aufgegeben. Er war stellvertretendes Mitglied im Bauausschuss. Diese Aufgabe hat der Stadtrat der Freien Wähler/UP an seine Fraktionskollegin Christine Degenhart übergeben. Das will Baumann jedoch nicht als Zugeständnis gegenüber der Forderung von Pertl bewertet wissen. Die Fraktion wolle Degenhart, eine anerkannte Expertin für das barrierefreie Bauen, lediglich die Möglichkeit einräumen, im Bauausschuss bei Angelegenheiten zu diesem Thema ihre Fachkompetenz einzubringen.

Im Telekommunikationsunternehmen Komro, einer Tochter der Stadtwerke Rosenheim, sitzt Baumann im Aufsichtsrat. Dort hat er nach eigenen Angaben bereits Stellung zu seiner Verurteilung genommen. Seine Erläuterungen habe das Gremium akzeptiert.

Für den Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler/UP, Robert Multrus, "ist die Sache erledigt". Die Fraktion habe ihrem Mitglied "gesagt, was wir von der Sache halten". Baumann habe durch die Anerkennung des Strafbefehles und die Tatsache, dass dieser rechtskräftig geworden sei, die Verantwortung für seine Handlungen übernommen. "Fehler machen wir alle. Wenn wir sie eingestehen und bereit sind, die Folgen zu tragen, muss es gut sein", findet Multrus.

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