Ein Schwein als letztes Überbleibsel: Die bewegte Geschichte der Rosenheimer Metzgerei Heindl

Das letzte Überbleibsel einer langen Metzgereitradition: Rupert Judt aus Salzburg hat die erste Metzgerei am Ludwigsplatz im Jahr 1647 eröffnet.
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Das letzte Überbleibsel einer langen Metzgereitradition: Rupert Judt aus Salzburg hat die erste Metzgerei am Ludwigsplatz im Jahr 1647 eröffnet.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Am Ludwigsplatz 11 in Rosenheim hat sich viel getan. Dort wo die Metzgerei Heindl fast 90 Jahre lang ihren Sitz hatte, verkauft jetzt Benjamin Wölk im „Agrar“ Obst und Gemüse. Am Donnerstag (1. Oktober) hätte die Metzgerei Heindl ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Ein Rückblick.

Rosenheim – Das alte Nasenschild mit dem vergoldeten Schwein, das an dem grünen Haus am Ludwigsplatz hängt, ist das letzte Überbleibsel einer langen Metzgerei-Tradition. Schräg darunter sitzt Anton Heindl. Vor ihm auf dem Tisch liegen zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos. Dazu sieben Din-A4-Seiten mit den wichtigsten Fakten. Anton Heindl hat viel zu erzählen aus der Zeit, in der er gemeinsam mit seiner Frau Gabriele Fleisch- und Wurstwaren verkaufte.

Geschäft von seinen Eltern übernommen

Die Metzgerei übernahm er 1979 von seinen Eltern Anton und Luise Heindl. Seine Großeltern haben das Geschäft am 1. Oktober 1920 eröffnet. „Das Haus hat eine lange Tradition“, sagt Anton Heindl. Er kennt sich aus mit der Geschichte seines Hauses und hat akribisch nachgeforscht, wer wann die Metzgerei betrieben hat.

Eine Familie mit Tradition: Anton Heindl und seine Frau Gabriele leiteten 30 Jahre die gleichnamige Metzgerei.

1647 eröffnete die erste Metzgerei am Ludwigsplatz

Urkundlich erwähnt erwarb Metzgermeister Rupert Judt aus Salzburg 1647 das Bürgerrecht im Markt Rosenheim und konnte im gleichen Jahr seine Metzgerei am Ludwigsplatz eröffnen. Ihm folgten die Metzgermeister Rupert Gruber, Georg Nickl, Georg Estermann, Simon Haas, Nikolaus Bugmeier und schließlich die Familie Heindl.

Das Mittertor aus Rinderfett

Anton Heindl erzählt von seiner Großmutter Therese. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie die Metzgerei von 1920 bis 1968. Anton Heindl zeigt Fotos, auf denen das Rosenheimer Mittertor, der Fischbrunnen und das Rosenheimer Stadtwappen zu sehen sind. Auf den ersten Blick sehen sie täuschend echt aus. Kurz wartet Heindl, bevor er das Geheimnis lüftet. „Das sind Kunstwerke aus Rinderfett oder Schweinefett“, sagt er. Die Objekte hätten damals im Schaufenster der Metzgerei gestanden, hätten immer wieder zahlreiche Besucher angelockt.

Ein Blick zurück: Dieses Schwarz-Weiß-Foto ist eines von zahlreichen Bildern, die Anton Heindl aufgehoben hat. Entstanden ist es während der Hochwasserkatastrophe von 1944. Im Hintergrund ist das Geschäft am Ludwigsplatz zu erkennen.

Kühlanlage im Nebengebäude

1928 erwarben die Heindls das Anweisen am Ludwigsplatz 12, bauten dort eine moderne Kühlanlage mit einem Gefrierhaus ein. „Das war damals der erste Gefrierraum in einer Rosenheimer Metzgerei.“ Von 1928 bis 1938 gehörte zur Metzgerei Heindl eine Filiale im Gilitzerblock. Eine weitere Filiale kam 1939 in der Küpferlingstraße 20 hinzu. 1958 erwarben die Heindls dann das benachbarte „Stemplinger-Anwesen“ am Ludwigsplatz 10 von der Stadt Rosenheim. Anton Heindl selbst war damals gerade einmal zehn Jahre alt. An den Umbau erinnern kann er sich trotzdem. Das Gewölbe wurde entfernt, erzählt er, der Verkaufsraum auf das Doppelte vergrößert und eine Ladenkühlung eingebaut. „Das Gewölbe zu entfernen, wäre heutzutage undenkbar.“

1970 Metzgereititel erworben

1968 übernahmen Anton Heindls Eltern die Metzgerei. „Meine drei Geschwister und ich haben alle das Metzgerhandwerk erlernt und waren eine große Stütze“, sagt er. 1970 erwarb Heindl den Metzgermeistertitel, heiratete im selben Jahr seine Gabriele. Eine gelernte Fleischfachverkäuferin aus Bruckmühl. Die beiden übernahmen 1979 das Rosenheimer Metzgereiunternehmen. Zehn Jahre später baute das Ehepaar erneut um. „Wir haben den Laden mit einer Klimaanlage ausgestattet und um einen Imbiss erweitert“, erinnert sich Heindl.

Imbissstand als zweites Standbein

Ein Blick in das Ladeninnere der Metzgerei.

Der Imbissstand habe sich über die Jahre zu einem zweiten Standbein entwickelt. Hinzu kam einige Jahre später auch noch ein Partyservice. Beliefert wurden Veranstaltungen mit bis zu 150 Gästen. Doch sich mit dem Erreichten zufriedengeben, wollte Anton Heindl auch dann nicht. Es folgte ein Verkaufsstand am Rosenheimer Christkindlmarkt, später einer auf dem Rosenheimer Volksfest. „Es waren wirklich erfolgreiche Jahre“, sagt er.

BSE-Krise erschüttert Rosenheimer Betrieb

Doch dann erschütterte die BSE-Krise im Jahr 2002 zahlreiche Metzgerei-Betriebe. Auch den von Anton Heindl. „Wir mussten einen großen Einbruch hinnehmen“, sagt er. Aber das Leben sei weitergegangen und auch der Erfolg habe sich wieder eingestellt. 2009 entschied sich der heute 72-Jährige dazu, seine Metzgerei zu verpachten. Ein Nachfolger fehlte, da seine Kinder nach dem Abitur einen anderen Weg eingeschlagen hatten. Von 2009 bis 2018 vermietete Heindl seine Räumlichkeiten an das Münchner Traditionsunternehmen Vinzenmurr.

Obst und Gemüse statt Fleisch- und Wurstwaren

Übrig geblieben von der langjährigen Metzgerei-Tradition ist heute nur noch das vergoldete Schwein. Im Schaufenster, in dem einst Fleisch- und Wurstwaren zu sehen waren, liegen jetzt Gemüse und Obst. Vegetarier ist Anton Heindl trotzdem nicht. „Ich stehe nach wie vor auf gute Fleisch- und Wurstwaren.“

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